Seon
Schauspielerin Brigitte Bardot machte das Vichy-Karo salonfähig

Von der berühmten Blondine profitierte auch die Textilindustrie, deren Geschichte lebt im Dorfmuseum Seon wieder auf.

Barbara Vogt
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Willi Wyrsch und Hans Rudolf Suter von der Museumskommission zeigen, wie früher Baumwolle gewebt wurde.

Willi Wyrsch und Hans Rudolf Suter von der Museumskommission zeigen, wie früher Baumwolle gewebt wurde.

Mario Heller

«Wir sind top-modern», sagt Willi Wyrsch von der Museumskommission und lacht. Dabei spielt er auf die neue Sonderausstellung «400 Jahre Textiltradition in der Gemeinde Seon» an, die am nationalen Museumstag am 17. Mai Eröffnung feiert: Moderne Bildschirme stehen in den altehrwürdigen Gemäuern des Dorfmuseums und zeigen die Geschichte auf.

Auch die Textilindustrie in Seon schlief nicht: Während in den Fünfzigerjahren Brigitte Bardot die ganze Welt mit ihren ausschweifenden Röcken bezirzte, ahmte die Buntweberei Müller & Cie AG, im Volksmund «Wäbi«, die Muster eifrig nach. Damit hatte sie Erfolg: Ihre karierten Stoffe für die Weiterverarbeitung zu Röcken, Hemden oder Krawatten waren auf der ganzen Welt gefragt. «Die ‹Wäbi› war alles andere als ein Souvenirladen», sagt Wyrsch stolz.

Die Geschichte des einst blühenden Textilgewerbes in Seon geht aufs 17. Jahrhundert zurück: Weil nicht alle Seoner von der Landwirtschaft leben konnten, begannen sie zu Hause zu spinnen, zu spulen und Baumwolle zu weben. Mit dem Bau der ersten mechanischen Baumwollspinnerei 1823 hielt die moderne Industrie in Seon Einzug. 1836 wurde die «Wäbi» gegründet.

Welch hohen Stellenwert sie im Dorf hatte, zeigt die Ausstellung eindrücklich. 1961 arbeiteten an die 500 Leute in der «Wäbi»; das war ein Drittel der Bevölkerung. Ein Lehrer umschrieb es so: «8 Johr Schuel, 40 Johr ‹Wäbi›.» Ein anderer Spruch im Dorf lautete: «Wotsch läbe, muesch wäbe.»

Die Arbeiter waren manchmal auch nachlässig. In der Fabrikzeitung 1956 stand, dass die Ware oft beschmutzt sei. Die Angestellten wurden gebeten, ihre Hände zu waschen, bevor sie die Stoffe wieder berührten. «Denken Sie bitte daran, dass Käse und Cervelats fettige Finger geben.» Im Museum sind dicke Bücher mit sorgfältig errechneten Farb- und Textilmustern ausgestellt. Als die «Wäbi» 1996 geschlossen wurde, ergriff die Museumskommission die Gelegenheit, stieg in den Fabrikkeller und holte sich die Sachen. Dafür hatte sie die Erlaubnis der Fabrik.

Das Herzstück der Ausstellung ist ein alter Baumwollwebstuhl aus dem Jahre 1910. Er stand bis 1980 in der Musterabteilung und wurde zum Knüpfen kleiner Muster verwendet. Zwar läuft der Webstuhl heute nicht mehr. Welchen Höllenlärm er früher gemacht hatte, lässt sich aber erahnen: Drücken die Besucher auf einen Knopf, fühlen sie sich sofort in den Fabriksaal mit den Webstühlen versetzt.

Eröffnung der Sonderausstellung So, 17. Mai, 10 bis 17 Uhr. Das Dorfmuseum Seon ist jeden zweiten Montag im Monat zwischen 19 und 21 Uhr geöffnet.

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