Ein Autounfall mit zwei Verletzten, direkt vor der eigenen Haustür. Was tun? Doris Hirt aus Schafisheim, seit 34 Jahren Samariterin, sagt: «Man kann keine Fehler machen – ausser wegzulaufen. Das ist der grösste Fehler.» Doris Hirt weiss: Viele Menschen fühlen sich in solchen Extremsituationen hilflos, ja gelähmt. Aber: «Jeder kann etwas tun – schon die Nummer 144 zu wählen, ist eine Hilfeleistung.»

Zum Glück sind solch dramatische Situationen auch für Doris Hirt die Ausnahme. 29 Jahre lang war sie als Samariter-Lehrerin tätig (bzw. als Kursleiterin und technische Leiterin, wie es heute heisst); 24 davon im Samariterverein Lenzburg und Umgebung. In dieser Zeit absolvierten über 1800 Personen bei Doris Hirt den Nothelferkurs. Über 300 Mütter und Väter besuchten den Kurs «Notfälle bei Kleinkindern». 55 Samariter schlossen bei ihr die Ausbildung ab. Jetzt ist auch für Hirt die Zeit für einen Abschluss gekommen: Sie gibt die ausbildnerische Tätigkeit ab – bleibt im Verein aber als Ehrenmitglied dabei.

Automatismen helfen im Notfall

Eine eindrückliche Bilanz – dazu leistete Doris Hirt aberhunderte Stunden Postendienst an öffentlichen Anlässen wie dem Jugendfest oder dem Lenzburgerlauf. «Durchschnittlich waren es wohl rund 150 Stunden Postendienst – pro Jahr», sagt Hirt. «Die Kurse kommen noch hinzu.»

Wie schafft sie es, in einem Notfall ruhig zu bleiben? «Durch die jahrelange Ausbildung werden Automatismen geschult», sagt die Samariterin. «Dann läuft in Gedanken einfach das Schema ab: Schauen, Denken, Handeln.» Wichtig sei, dass jemand die Verantwortung übernimmt, delegiert und Anweisungen gibt.

Doris Hirt weiss aber, dass es Grenzen gibt: «Wenn ein eigenes Familienmitglied betroffen ist, kommen die Emotionen hinzu. Ich weiss auch nicht, wie ich dann reagieren würde.»

Sohn Kevin ist «Held des Alltags»

Medizinische Themen faszinierten Doris Hirt schon in jungen Jahren. Sie arbeitete als medizinische Praxisassistentin, bevor 1990 der erste Sohn auf die Welt kam. Drei Töchter folgten, und Doris Hirt setzte die berufliche Tätigkeit aus. Dafür engagierte sie sich im Samariterverein. «Da konnte ich mir die Zeit immer selbst einteilen». Oft nahm sie den Nachwuchs mit, wenn sie tagsüber Kurse gab. Dabei halfen die Kinder mit: Als Figuranten imitierten sie Verletzte und lernten nebenbei alles über die Nothilfe.

Keines der vier heute erwachsenen Kinder ist Doris Hirt in den Samariterverein gefolgt. Doch die Freude am Vereinsleben und am ehrenamtlichen Engagement lebt in der nächsten Generation weiter. So wurde Sohn Kevin im Jahre 2015 vom Schweizer Radio und Fernsehen SRF stellvertretend für rund 2,5 Millionen Freiwillige in der Schweiz als «Held des Alltags» ausgezeichnet – für seinen Einsatz in der Jugendarbeit bei der Cevi Staufen. «Alle vier sind sehr aktiv, sei es in der Jungschi oder im Unihockey-Verein», sagt Doris Hirt.

«Anforderungen sind gestiegen»

Seit acht Jahren ist Doris Hirt wieder berufstätig. Sie arbeitet 50 Prozent in der Notfallpraxis des Kantonsspitals Aarau. Es komme häufig vor, dass ehemalige Kursteilnehmer von ihr im Wartezimmer sitzen. «Dann höre ich plötzlich: ‹Hoi Doris!›, und habe keine Ahnung, wer das ist», sagt Doris Hirt lachend.

Vieles hat sich verändert in den 29 Jahren. «Die Anforderungen an uns sind gestiegen». Früher sei der Samariterverein als «Pflästerliverein» betitelt worden; heute muss ein Samariter auch reanimieren und defibrillieren können. «Wir stehen halt in der Öffentlichkeit», sagt Doris Hirt. «Trotzdem sind wir nicht professionelles Personal wie der Rettungsdienst, sondern die erste Anlaufstelle. Wir entscheiden, ob der Arzt oder der Rettungsdienst kommen soll und überbrücken die Zeit.»

Doris Hirt hat einen Grossteil ihrer Kindheit im Ausland verbracht. Sie wurde 1963 in England geboren, wo ihr Vater damals als Stationsmechaniker der Swissair stationiert war. 1964 zügelte die Familie nach Griechenland. Sie schwärmt noch immer davon. «Es ist ein Glück, dass ich dort aufwachsen durfte: Das Klima ist schön, die Leute offen und gastfreundlich.» Jedes Jahr folgt Doris Hirt dem Heimweh und verbringt mit der Familie Ferien im Land ihrer Kindheit.

«Das seit mer emfall ned so!»

Doris Hirt spricht noch immer Griechisch – grammatikalisch aber nicht ganz einwandfrei, wie sie lachend eingesteht. Darauf werde sie von ihren zwei Töchtern, die Griechisch-Kurse besuchen, gerne aufmerksam gemacht: «Ich höre oft: ‹Mami, das seit mer emfall ned so!›»

Seit ihrem Rücktritt als Samariterlehrerin hat Doris Hirt mehr Freizeit. Sie besucht nun öfter ihre Eltern in Glattbrugg, hütet die bisher einzige Enkelin und geniesst es, mehr Zeit für den Garten zu haben. Und zusätzlich ist sie seit zwei Jahren Präsidentin vom Jugendspiel Lenzburg. Langweilig wird ihr also bestimmt nicht.