Rupperswil
«Ich will mehr Verantwortung übernehmen»: Mirjam Tinner (61) kandidiert als Ammann

Sie kam wegen des FC Rupperswil, arbeitet gerne in schwierigen Situationen und freut sich, dass ihr Mann künftig den Haushalt schmeisst: Die heutige Frau Vizeammann und Gemeindeammann-Kandidatin im Porträt.

Nadja Rohner
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Mirjam Tinner, Ammann-Kandidatin, porträtiert in ihrem Wohnquartier in Rupperswil, am 20. August 2021.

Mirjam Tinner, Ammann-Kandidatin, porträtiert in ihrem Wohnquartier in Rupperswil, am 20. August 2021.

Severin Bigler / © CH Media

Es gibt viele Gründe für Wohnortswechsel. Dass es aber der FC Rupperswil geschafft hat, zwei Stadtzürcher ins Dorf zwischen Aarau und Lenzburg zu locken, da der Mann hier im tiefsten Aargau seine Hobbyfussballkarriere weiterführt, erstaunt doch. Dass der weibliche Teil dieses Zürcher Paares nun, 37 Jahre nach dem Umzug, Oberhaupt der Gemeinde werden will, liegt indes auf der Hand: Mirjam Tinner-Forster (61) ist nun schon seit gut zwei Jahren Vizeammann. Und nachdem sich Ammann Ruedi Hediger aus der Politik zurückzieht, will sie das Zepter in «Robi», wie sie ihre Gemeinde nennt, übernehmen. «Nach 12 Jahren im Amt kenne ich die Abläufe gut und will mehr Verantwortung übernehmen. Ausserdem möchte ich Kontinuität in den Rat bringen.»

Sie führte sieben Jahre das Rupperswiler Betreibungsamt

Beruflich mag Mirjam Tinner heisse Eisen und schwierige Situationen. Nach der KV-Lehre arbeitete sie zuerst bei den Zürcher Elektrizitätswerken, dann bald beim Fürsorgeamt der Stadt. In Rupperswil führte sie sieben Jahre lang das Betreibungsamt. «Das würde ich nicht mehr in der eigenen Gemeinde machen», sagt sie. «Es ist mir schon sauer aufgestossen, wenn ich mein Klientel am Wochenende mit dem vollen Portemonnaie im Café oder an einem Fest gesehen habe und sie mir am Montag dann erzählten, sie hätten kein Geld.» Mittlerweile arbeitet die Mutter eines erwachsenen Sohnes bereits seit 22 Jahren beim Kanton. Im Amt für Migration und Integration ist sie zuständig für den Vollzug der Wegweisungen von straffällig gewordenen Ausländern. «Ich bin mit dafür verantwortlich, dass sie möglichst schnell nach ausländerrechtlichen Massnahmen die Schweiz verlassen», erklärt sie.

Beim Fussball gibt es einen Familiengraben

Vor 12 Jahren kam sie in den Gemeinderat, und freute sich sehr, dass das Bildungs- und Sozialressort noch frei war. Genau ihr Ding. Sie ist Gemeinderatsvertreterin in der Primar- und Oberstufe wie auch in der Musikschule, im Vorstand der Sozialen Dienste Region Lenzburg, im Altersheim-Verwaltungsrat, der Spitex, und war schon Präsidentin ihres FC Rupperswil. «Ich fühle mich sehr wohl in der FC-Familie, das Zusammengehörigkeitsgefühl ist gross.» Ihr Herz schlägt allerdings auch noch für den FC Zürich. «Mein Mann ist GC-Fan», verrät sie.

Aktuell arbeitet Mirjam Tinner 80 Prozent. Das geht gut an ihrem Gemeinderatsmandat vorbei. «Und Ende Jahr wird mein Mann pensioniert. Dann übernimmt er den gesamten Haushalt, für mich bleibt dann mehr Zeit, um mich meinen Ämtern zu widmen.» Das Ressort Bildung würde sie auch als Ammann behalten, samt den Zusatzanforderungen nach Abschaffung der Schulpflege. «In der Schulverwaltung und -leitung stehen Pensionierungen an. Ich kann da eine gewisse Kontinuität sicherstellen.»

Sozial, aber keine SPlerin

Zwar tritt Mirjam Tinner als Parteilose an und unterstreicht ihre Unabhängigkeit. Unterstützt wird sie aber von der SP. «Ich bin sehr sozial denkend», sagt sie. «Aufgrund meiner Arbeit im Ausländerbereich, wo ich wirklich einen tiefen Einblick habe, habe ich in dieser Sache aber beispielsweise ein ganz anderes Gedankengut als die SP.» Auf Gemeinderatsstufe, so betont Tinner, sei Parteidenken aber sowieso fehl am Platz.

Was steht nun an? «Die Bau- und Nutzungsordnung, an der wir acht Jahre gekaut haben, ist nun rechtskräftig geworden. Damit haben wir unter anderem die Grundlagen geschaffen, um im Bahnhofbereich einen grösseren Bau mit Tiefgarage zu ermöglichen, wo ein Grossverteiler einziehen könnte – wir würden gerne Migros oder Coop ins Dorf holen.» Auch ein Café, findet Tinner, brauche es wieder im Dorf. Bei den SBB will sie sich nach wie vor dafür einsetzen, mehr Zugshalte in Rupperswil zu erhalten. «Leider hat man uns bisher nicht erhört.»

Ausserdem müsse das 1968 erstellte Gemeindehaus behindertengerecht umgebaut und die Verwaltung gestärkt werden. «Auch die Schulraumplanung wird uns beschäftigen. Wir wachsen stark. Gerade haben wir eine Bedarfsabklärung in Auftrag gegeben.» Viele der Neuzuzüger seien junge Familien. «Das ist zwar schön fürs Dorf und bringt Leben, aber generiert Investitionsbedarf, ohne dass das Steuersubstrat entsprechend ansteigt.»

Und weiter: «Wir wollen gesunde Finanzen. Eine Erhöhung des Steuerfusses von 97 auf 99 Prozent haben die Stimmbürger jedoch abgelehnt. Das verstehe ich ein Stück weit, aber weil wir so viele gebundene Ausgaben haben, die wir nicht beeinflussen können, müssen wir halt bei den freiwilligen Ausgaben sparen – und dann betrifft es Dienstleistungen, die die Bevölkerung schätzt.» Für 2022, so sagt sie, werde mit 97 Steuerprozenten budgetiert, aber einen Verlust ausweisen.

Für die nächste Amtsperiode wünscht sich Mirjam Tinner, dass die persönlichen Angriffe auf die Gemeinderäte – sie hätten in den letzten Jahren deutlich zugenommen, bestätigt sie Aussagen ihrer Amtskollegen – wieder aufhören. Und: «Es wäre schön, wenn sich mehr Einwohner und Einwohnerinnen für das Geschehen im Dorf interessieren und sich aktiv einbringen würden.»

Neben Mirjam Tinner kandidiert auch Reto Berner als Gemeinderat und Gemeindeammann.

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