Museum Aargau

Rülpser gehörten zum guten Ton: Speisen wie im Mittelalter

Die rauchgeschwärzte Schlossküche auf der Lenzburg birgt viele Geschichten, weiss Historikerin Angela Dettling.

Historikerin Angela Dettling über mittelalterliche Tischsitten und das neue Kochbuch von Museum Aargau.

Wer mit Angela Dettling spricht, muss vor allem eines können: gut zuhören. Es sind keine langen Fragen nötig, um die Leiterin der Geschichtsvermittlung von Museum Aargau und promovierte Historikerin zum Reden zu bringen. Die Worte sprudeln geradezu aus ihr heraus. «Geschichte erzählt aus dem Leben von Menschen wie Ihnen und mir», sagt sie und fährt fort: «Geschichte ist spannend, aber auch schrecklich, sie ist lustig, kompliziert, manchmal hässlich und vor allem immer wieder überraschend.» Ihre blumigen Erzählungen begleitet sie öfter mit einem frischen, kehligen Lachen.

Seit 15 Jahren prägt die 45-Jährige Schwyzerin die Aktivprogramme von Museum Aargau, zu dem unter anderem die Schlösser Lenzburg, Hallwyl, Wildegg und Habsburg gehören, entscheidend mit.

«Die erste Reaktion ist immer: ‹Mittelalterlich? Das kann man sicher nicht essen! ›»: Angela Dettling, Leiterin Museumspädagogik, im Kurzinterview

«Die erste Reaktion ist immer: ‹Mittelalterlich? Das kann man sicher nicht essen! ›»: Angela Dettling, Leiterin Museumspädagogik, im Kurzinterview

Die kürzlich gestartete Schlosssaison verspricht lukullische Freuden und köstliche Gerüche aus dem Mittelalter, als die Habsburger hier das Sagen hatten. Die Themenwahl kommt nicht von ungefähr: Dettling ist nicht nur eine leidenschaftliche Historikerin, ebenso ist sie eine begeisterte Hobbyköchin. Wohin auch immer sie verreist, bringe sie ein Kochbuch mit nach Hause, erzählt sie und lacht. «Ich bekoche meine Gäste regelmässig mit neuen Gerichten. Bei mir kommt selten zweimal das gleiche Menü auf den Tisch.» Seit einiger Zeit kann es durchaus vorkommen, dass im Hause Dettling mittelalterlich inspiriert getafelt wird. Das hat seinen guten Grund: Gemeinsam mit ihren Kolleginnen Gabriela Gehrig und Eva Grädel von Museum Aargau hat Angela Dettling ein Kochbuch mit mittelalterlichen Rezepten zusammengestellt. «Von birn und mandelkern» lautet der Titel. Die Buchvernissage findet am Montag in Zürich statt. Museum Aargau hat dafür die Elite-Kochschule Belvoirpark ausgewählt.

Kreativer Kopf

Angela Dettling kommt richtig ins Schwärmen, wenn sie über die Recherchearbeiten zum Buch, das Probekochen und Anpassen der jahrhundertealten Rezepte spricht. «Manchmal hat es seine Zeit gedauert, bis das Gericht den heutigen Gaumenansprüchen genügte», sagt sie und schmunzelt. «Bis zu einem halben Dutzend Mal haben wir das Gleiche gekocht.» Zum Buch inspiriert wurden die Autorinnen von Besuchern des Schaukochens an den Mittelaltermärkten. Diese erkundigten sich nach den Rezepten der Gerichte, welche an den Anlässen über dem offenen Feuer gekocht werden. Bei den Schaukochen schwingt Dettling seit Jahren regelmässig den Löffel. Sie spüre gerne den Puls des Publikums, sagt sie. «Einerseits schätze ich die Abwechslung zwischen Kopf- und Handarbeit. Anderseits kann ich in der Praxis feststellen, ob unsere Projektideen beim Publikum tatsächlich auch ankommen.» Selbstkritisch hält sie fest: «Unsere Kreativität in Ehren: Doch wir können nicht einfach nur uns verwirklichen. Wir müssen das Publikum mit unseren Projekten erreichen und dafür begeistern können.»

Wissenssammlerin

Wer bei Angela Dettling nach 15 Jahren im Amt Anzeichen von Jobmüdigkeit sucht, liegt fehl. «Ich habe wohl den besten Job in der ganzen Schweiz», sagt sie und lacht. Das mögen viele andere von ihrer Arbeit ebenfalls behaupten. Was jedoch auf Dettling zutrifft: Die Art und Weise, wie sie ihr Tätigkeitsprofil als Leiterin der Geschichtsvermittlung lebt, dürfte tatsächlich einzigartig und einmalig sein. Und so liest sich auch Angela Dettlings Lebenslauf. An der Universität Zürich studierte sie Allgemeine Geschichte, Betriebswirtschaft und Historische Hilfswissenschaften. Die betriebswirtschaftlichen Belange vermochten die junge Studentin jedoch wenig zu fesseln. Sie wechselte zu Ur- und Frühgeschichte. «Ich bin eine Wissenssammlerin und will die Zusammenhänge verstehen können», erklärt sie. Und sie nennt als Beispiel Lady Mildred Bowes Lyon, die Grosstante von Queen Elisabeth II. und einstige Schlossherrin auf der Lenzburg, dank derer sich Dettling intensiv mit der Geschichte und der Gesellschaft Grossbritanniens auseinandergesetzt hat. «Deshalb kann ich die aktuellen politischen Vorgänge rund um ‹Brexit› besser verstehen.»

Während der Recherchen zu den Koch- und Ernährungsgewohnheiten im Mittelalter hat Angela Dettling zusätzlich so einiges über die Etikette früherer Zeiten erfahren. Über Tischmanieren, die heutzutage beste Unterhaltung liefern, wie sie schmunzelnd festhält. Und sie nennt einige Beispiele: «Es hiess, man sollte sich zu Tische nicht kratzen, da man Gefahr laufe, dass Flöhe und Wanzen in die Teller fallen.» Laut Dettling sogar erwünscht hingegen war ein Rülpser nach dem Mahl, und zwar so laut, dass die ganze Gesellschaft ihn hören konnte. «Das galt als Lob für den aufgetischten Festschmaus.»

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