«Papa, Papa», ruft ein Junge und streckt dem Ritter einen kleinen grünen Drachen entgegen. Statt aber den Drachen zu erschlagen, wie man es von einem mittelalterlichen Ritter vielleicht erwartet hätte, lächelt Daniel Severin nur.

«Viele Menschen haben eine falsche Vorstellung vom Mittelalter», erklärt er. Als Marschall und Leiter der Gruppe Comthurey versetzt er mithilfe von befreundeten Gruppen und dem Museum Aargau das Schloss Lenzburg ins Jahr 1137 nach Christus zurück.

Insgesamt 80 Darsteller stellen militärische Übungen, Handwerk und auch Lebensweise des 12. Jahrhunderts so geschichtstreu wie möglich nach. Schmied, Schreiner, Schuster, Mägde: Sie alle haben viel zu tun. Denn ein Besuch von Kaiser Barbarossa wird erwartet, mit ihm ein grosses Gefolge.

Er wird das Erbe von Graf Ulrich IV. aufteilen und so seine Macht in Lenzburg festigen. Hoftage werden veranstaltet, um das Geschäftliche zu erledigen, dabei darf aber auch ein Festessen nicht fehlen. An Nahrung, Kleider, Leder und auch an Gold und Silber scheint es nicht zu mangeln.

«Das 12. Jahrhundert ist auch als die Renaissance des Mittelalters bekannt», erklärt Daniel Severin. «Der Handel floriert, man reist viel herum und es gibt auch Universitäten, die das gesammelte Wissen aus Orient und Okzident vermittelten.» Das gesamte Mittelalter auf einen Nenner zu bringen, sei aber unmöglich, «immerhin handelt es sich um eine Zeitspanne von 1000 Jahren, in dieser Zeit hat sich extrem viel verändert».

Jedes Detail soll stimmen

Die Gruppe um Severin hat sich auf die Darstellung des 12. Jahrhunderts spezialisiert. Wie gut informiert sie sind, zeigt sich schon beim ersten Schaukampf des Tages. Mit Kettenhemd und Schwert ausgerüstet, entsteht vor dem Duell eine kurze Diskussion über die Schilder, die verwendet werden sollen, denn: Die oben abgerundeten Schilder sind eher zu alt, die flachen zu modern für 1137.

«Wir versuchen, uns in den Kostümen auf einen Zeitraum von plus minus zehn Jahren zu beschränken», erklärt Severin. Das sei wichtig, damit das historische Bild nicht verzerrt werde. «Doch natürlich müssen wir bei dieser Menge an Darstellern auch Kompromisse eingehen.» Trotzdem: Es soll kein bunt gemischter Mix aus allen Jahrhunderten entstehen, «schliesslich soll es nicht aussehen wie auf einem Mittelaltermarkt», sagt Severin und lacht.

Ritter, Adelige und Handwerker: Mittelalter-Fest auf dem Schloss Lenzburg

Ritter, Adelige und Handwerker: Mittelalter-Fest auf dem Schloss Lenzburg

Auf dem Schloss Lenzburg fühlt man sich bis 24. Juli ins Jahr 1173 zurückversetzt. An den mittelalterlichen Erlebnistagen machen über 80 historische Darsteller, Musiker und Tiere mit.

Dennoch sind viele der Darsteller durch Mittelaltermärkte auf den Geschmack gekommen. Das trifft auf Daniel Severin und seine Frau zu, aber auch auf den Ritter Andreas Rub aus Thun. «Ich habe historisch gefochten und durfte dadurch auf einigen Mittelaltermärkten auftreten», so hätte er auch begonnen, sich zu verkleiden.

Als ehemaliger Geschichtsstudent achtet er dabei auf ein korrektes Kostüm. Das bedeutet manchmal auch viel Handarbeit, wie zuletzt bei seinem Kettenhemd. Aus 20'000 Ringen hat er es Abend für Abend zusammengesetzt. Ein Jahr hat es gedauert, bis es fertig war.

Ob das die Kinder wissen, die gerade von einem anderen Ritter erklärt bekommen, wie man ein Kettenhemd erstellt, ist nicht klar. Interessiert spitzen sie die Ohren, während er ihnen zeigt, wie sich die Teilchen durch Nieten fest verbinden lassen.

Weiter hinten arbeitet gerade eine Weberin an einem wollenen Band und ein Junge in Ritterkostüm hört gespannt einem Händler bei seinen Erzählungen zu. An einem anderen Tisch beruhigt eine Mutter ihr Kind: «Keine Angst, das sind keine bösen Männer. Die sind alle ganz lieb», sagt sie.

Der Blondschopf verstummt, blickt jedoch weiter kritisch auf den vorbeigehenden Bischof. Er ist aus Italien angereist. «Den weitesten Weg haben einige Engländer zurückgelegt», sagt Daniel Severin, «doch ein Event wie die historischen Erlebnistage im Schloss Lenzburg ist selten. Da nimmt man den Weg gerne auf sich.»