Beinwil am See

Rekordbesuch an der Gmeind: Stimmbürger wollen mehr Land auszonen

Die 1,9 Hektaren grosse, traumhaft gelegene «Tschuepli»-Wiese soll überbaut werden. Allerdings weniger dicht, als angedacht.

Die 1,9 Hektaren grosse, traumhaft gelegene «Tschuepli»-Wiese soll überbaut werden. Allerdings weniger dicht, als angedacht.

An der Gemeindeversammlung liessen sich die Böjuer nicht von allfälligen Entschädigungsforderungen abschrecken und gaben dem Gemeinderat einen klaren Auftrag.

Die hohen Leerstände (fast jede 20. Wohnung ist unbenutzt), das starke Bevölkerungswachstum (plus 500 auf 3274 Einwohner in den letzten neun Jahren): Der anhaltende Bauboom hat in Beinwil am See Spuren hinterlassen – nicht nur in der Landschaft.

Die Stimmberechtigten wollen das Steuer herumreissen: Sie erteilten dem Gemeinderat am Montag den Auftrag, mehr Land auszuzonen und das viel diskutierte Gebiet «Tschuepli» weniger stark zu überbauen. Dies auf die Gefahr hin, dass die Gemeinde entschädigungspflichtig wird: Es könnte um Millionen gehen.

Ein Quadratmeter Bauland mit Seesicht kostet in Beinwil am See (Pfnüsel- nicht Goldküste!) zwischen 1000 und 1200 Franken. Wird ausgezont, gibts nur noch etwa 10 Franken. Im «Tschuepli» ist die Gemeinde als Grossgrundbesitzerin selber betroffen. Sie hat dort bisher mit einem Verkaufserlös von 4.5 Millionen Franken gerechnet. Nach der jetzt eingeleiteten Herabzonung dürfte es viel weniger geben.

Rekordbeteiligung an ausserordentlicher Gmeind

«Wir hatten noch nie so viele Teilnehmer», erklärte Gemeindeammann Peter Lenzin im «Löwensaal». 344 Personen (Stimmbeteiligung 14,6%) kamen an die ausserordentliche Gemeindeversammlung. Einziges Traktandum war die vor vier Jahren eingeleitete Gesamtrevision der Nutzungsplanung Siedlung und Kulturland.

Weitaus am meisten zu diskutieren gab der Bauzonenplan. Unter anderem, weil Verfahrensfragen im Abstimmungsprozedere einiges zu reden gaben, dauerte es fast drei Stunden bis zur Schlussabstimmung.

Die Gesamtrevision wurde grossmehrheitlich (bei sechs Gegenstimmen) angenommen  – allerdings wurden erhebliche Teile ausgeklammert, an den Gemeinderat zur Überarbeitung zurückgewiesen.

Bei den beiden wichtigsten Anträgen waren die Stimmenverhältnisse derart eindeutig, dass nicht ausgezählt werden musste. So wurden sämtliche unüberbauten Parzellen in der Wohnzone W2b (ausgenommen das «Tschuepli) zur Prüfung von Auszonungen an den Gemeinderat zurückgewiesen.

Und im 1,93 Hektaren grossen «Tschuepli» soll neu statt einer faktischen Mehrfamilienhauszone, wie das der gegenwärtig aufliegende Gestaltungsplan vorsieht, eine Landhauszone mit Ein- und Doppeleinfamilienhäusern (Ausnützung maximal 0,35 statt wie vorgeschlagen 0,45) entstehen.

Der entsprechende, vielbeklatschte Antrag ist von einem Anwohner («Ich bin ein Ur-Böjuer») eingebracht worden, der unter anderem um seine Seesicht fürchtet. Der Entscheid bedeute statt einer Verdichtung eine Verdünnung, meinte Gemeinderat Matthias Räber. «Man kann wesentlich weniger bauen, als heute.»

Bausperre an Top-Lage an See aufgehoben

Nach der Schlussabstimmung hob der Gemeindeammann die erst Ende September verhängte Planungszone (Bau-Sperre) über acht erschlossene Parzellen südlich der Jugendherberge, des Hotels Hallwil und der Bootswerft Männich (Gebiet Hallwil-/Muttenstrasse) auf.

Dies aus Gründen der Gleichbehandlung. Denn jetzt stehen etwa auch Parzellen in den Gebieten Seehalde, Zihlstrasse, Eggelerbach zur Disposition. Der Gemeinderat hofft, die Abklärungen über die Auszonungsfähigkeit der entsprechenden Parzellen im Idealfall bis zur Sommergemeindeversammlung 2020 gemacht zu haben.

Realistischer dürfte die Wintergemeindeversammlung 2020 sein. Offen ist, ob der Regierungsrat die vorgestern grundsätzlich verabschiedete Gesamtrevision trotz der vielen ausgesparten Gebieten verabschieden wird.

Klar ist, dass die aktuell laufende, öffentliche Auflage (bis am 17. Dezember) eigentlich überflüssig geworden ist. Denn für eine «Landhaus»-Überbauung, wie sich das die grosse Mehrheit der Stimmberechtigten wünscht, wird ein neuer Gestaltungsplan nötig sein.

Schwierige Hanglage am Hallwilersee

Das Grundproblem von Beinwil am See sind «die zu gross dimensionierten Bauzonen» (abschliessender Vorprüfungsbericht des Kantons). Je nach Betrachtung reichen die Reserven für bis zu 40 statt nur für 15 Jahre. Seit der Verabschiedung des neuen Raumplanungsgesetzes im Jahr 2013 (66% der Böjuer stimmten zu) sind die diesbezüglichen Anforderungen gestiegen.

Gemäss dem gemeinderätlichen Antrag hätten 1,3 Hektaren ausgezont werden sollen. Der Kanton hatte sich damit einverstanden erklärt. Eine Verdichtung ist in der Gemeinde mit den vielen Hanglagen ob dem See (schlecht geeignet für grössere Mehrfamilienhäuser) vergleichsweise schwierig.

Umweltorganisationen machen Druck

Die Naturschutzorganisationen pochen auf mehr Auszonungen, wie das das neue Raumplanungsgesetz vorsieht. Der Landschaftsschutzverband Hallwilersee (LSVH), die Pro Natura und die Stiftung Landschaft Schweiz haben im Frühling während der öffentlichen Auflage der Revision Einwendungen eingereicht.

Aus Kreisen des LSVH stammte denn auch am Montag der wichtigste Änderungsantrag (Wohnzone W2b überprüfen). Eine ihrer Sprecherinnen wies darauf hin, dass, falls die Gesamtrevision ohne nachmalige Auszonung durchgewinkt werde, Pro Natura eine Beschwerde einreichen werde und aus Beinwil am See einen Präzedenzfall machen wolle.

Autor

Urs Helbling

Urs Helbling

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