Frauen im Malerberuf
Raue Sitten auf dem Bau: Wenn der Traumberuf zum Albtraum wird

Trotz einer Frauenquote von 60 Prozent bei den Lernenden im Malergewerbe steigen viele Frauen nach dem Lehrabschluss aus. Gründe dafür sind ein falsches Berufsbild, Kinder und die rauen Sitten auf dem Bau.

Sebastian Wendel
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Corina Mahrer gefällt ihr Beruf. Sh

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Die Zahlen erstaunen. 1984 wurden im Kanton Aargau 84 neue Lehrverträge im Malergewerbe abgeschlossen, davon nur 16 von Frauen. Das entspricht einem Anteil von 19 Prozent.

2009 zeigte ein völlig anderes Bild: 44 der 73 neuen Lehrverträge schlossen Frauen ab. Macht eine Frauenquote von satten 60 Prozent. Und das in einem Beruf, der in der Gesellschaft immer noch als Frauen im Malerberuf Männerdomäne gilt.

Nach Abschluss der Lehre folgt dann aber der grosse Bruch: Ein grosser Anteil der Malerinnen steigt aus dem Beruf aus. Anlässlich dieser Problematik lud der schweizerische Maler- und Gipserverband in Baden zu einem Frauenforum ein.

Vertreterinnen der Arbeitnehmerinnen, der Unternehmer, des Branchenverbandes und der Arbeitnehmergewerkschaft Unia nannten Gründe für die hohe Ausstiegsquote:

Erwartungen: Vor Ausbildungsantritt herrscht bei den jungen Frauen ein falsches Berufsbild. Sie erhoffen sich dekoratives Schaffen, bei dem sie ihre Kreativität ausleben können. Doch der typische Maleralltag bedeutet harte körperliche Arbeit.

Nicht jeder Frauenkörper ist für diese gemacht. Nach Abschluss der Lehre lässt sich ein grosser Teil der Frauen im dekorativen Bereich weiterbilden oder steigt ganz aus.

Kinder: Anders als in einem Bürojob ist Teilzeitarbeit im Malergewerbe nicht leicht umsetzbar. Unternehmer sind auf die Präsenz der Angestellten angewiesen, wenn es gilt, Aufträge innerhalb eines Zeitfensters zu erfüllen.

Viele Arbeitgeber scheuen sich davor, Mütter mit einem Teilzeitpensum einzustellen, weil diese nur begrenzt verfügbar sind.

Arbeitsklima: Auf dem Bau herrschen raue Sitten. Eine Frau muss sich den Respekt der Männer erst erarbeiten. Um akzeptiert zu werden, muss sie oft mehr als ein Mann leisten.

Anfeindungen erfolgen nicht von Malerkollegen, sondern von Arbeitern anderer Berufsgattungen auf dem Bau. Diesem Druck können und wollen nicht alle Frauen standhalten.

Individuelle Arbeitsverhältnisse

Statistiken zeigen, dass die besten Abschlussprüfungen von Frauen gemacht werden. Bei der letzten Schweizer Meisterschaft der Maler gewann eine Frau. Daher ist der Verband bemüht, die Lehrabgängerinnen in der Branche zu behalten.

Am Forum in Baden wurde vor allem das Thema Teilzeitarbeit diskutiert. Die Unia und der schweizerische Malerverband fordern, dass die Unternehmer Modelle von Teilzeitstellen für Mütter erarbeiten.

Es wurde jedoch deutlich, dass allgemein geltende Modelle nicht möglich sind. Die Arbeitsverhältnisse müssen individuell gestaltet werden. Zudem ist es in einem kleinen Betrieb mit familiärem Arbeitsklima einfacher, Frauen im Teilzeitpensum zu beschäftigen. In Grossbetrieben, so die Unternehmer, könne nicht auf die individuellen Wünsche eines jeden Rücksicht genommen werden.

Soll die Ausstiegsquote von Frauen in der Malerbranche verringert werden, braucht es Kompromissbereitschaft vonseiten der Arbeitnehmerinnen und der Unternehmer.

Erstere müssen sich über die körperlichen Anforderungen und das Arbeitsklima auf dem Bau im Klaren sein, bevor sie die Ausbildung zur Malerin beginnen. Gleichzeitig müssen die Unternehmer die Rahmenbedingungen herstellen, die für den Beruf geeigneten Frauen auch im Teilzeitpensum anzustellen.