Beatrice Burgherr mag Birken. Sie steht im neuen Quartier «Im Lenz» und wartet geduldig, bis der Wind ihr mit der richtigen Intensität in die Haare pustet, damit die Fotografin abdrücken kann. Hinter ihr rauscht eine Böe durch die Blätter. Die Bäume erinnern sie an Skandinavien. Auch die Überbauung. «Solche Quartiere gab es in Stockholm», sagt sie.

Burgherr hat als Kantischülerin in Schweden ein Austauschjahr verbracht. Dort, im Land der Birken, hat sie eine neue Sprache gelernt, ein Musikgymnasium besucht und in einer Krippe gearbeitet. «Eine prägende Zeit», sagt sie. Und der Beginn einer Beziehung zum Norden, die bis heute dauert. Nach der Kantonsschule studierte Beatrice Burgherr an der Uni Zürich Germanistik, Spanisch und Nordistik. Studienfächer, die man aus Leidenschaft statt mit Karrierehunger auswählt. «Ich hatte mir immer überlegt, Lehrerin zu werden», sagt Burgherr und lächelt. Sie schloss mit dem Lizenziat ab, Lehrerin wurde sie nie.

Als Studentin war Beatrice Burgherr für ihre Austauschorganisation tätig, hat in den Jugendstrukturen des Europarats und der EU die Schweiz vertreten. An einem Anlass in Deutschland lernte sie ihren heutigen Mann kennen. Einen Isländer. Das Paar beschloss, in der Schweiz sesshaft zu werden. «Meine Schwester lebt in Island», sagt Burgherr. Noch eine Tochter ganz an den Norden zu verlieren, wäre für die Eltern schwierig gewesen.

Verhandeln und zuhören

Burgherr und ihr Mann lebten zunächst in Aarau, in alten Blöcken im Telli. «Acht Wohnungen haben sich ein Badezimmer geteilt», erinnert sie sich. Sie hat immer gearbeitet, auch als ihre zwei Söhne klein waren. Nach dem Studienabschluss sammelte sie erste Erfahrungen beim Aufbau eines Beschäftigungsprogramms für Stellenlose, heute arbeitet sie bei Helvetas. Das Austauschjahr in Schweden war nur der erste Abstecher in fremde Welten. Ein Jahr hat sie in Mexiko gearbeitet; später viele Entwicklungsländer besucht.

Zehn Jahre nach ihrem Studienabschluss absolvierte sie noch ein zweijähriges Kulturmanagement-Studium an der Universität Basel. Neue Orte und neue Menschen treiben sie an. «Ich denke immer in Alternativen», sagt sie. «Wie man es auch noch machen könnte.» Bei Helvetas ist sie für Veranstaltungen und Ausstellungen zuständig. «Wenn ich in einem Museum eine Ausstellung zeigen will, muss ich auch andere Museen kennen, um zu verhandeln.» Genau so wichtig wie verhandeln sei zuhören. «Eine Eigenschaft, die Frauen vielleicht besser beherrschen, als Männer.» Schon deshalb gehöre wieder eine Frau in den Stadtrat.

Engagement ist selbstverständlich

2001 kam die junge Familie nach Lenzburg, bezog das Elternhaus von Beatrice Burgherr an der Bannhalde. «Wir suchten das Grüne und das Übersichtliche», sagt sie. Ein Heimkommen zu Jugendfest und Joggeliumzug. «Die Sachen, die es nur hier gibt, halten die Stadt zusammen.»

Sich in der Stadt zu engagieren, ist für Burgherr selbstverständlich. «Ich will für eine gute Zukunft sorgen», sagt sie. Dazu gehört das Einbinden der neuen Quartiere. Als Präsidentin der Kulturkommission füllt sie mit dem Projekt «Transformator» verschiedene Stadtteile mit Kunst und Veranstaltungen, dieses Jahr im «Im Lenz», nächstes Jahr ist die Widmi dran.

Das Engagement in der Kulturkommission ist für Burgherr exemplarisch für ihren Einsatz für die Stadt: «Die Kulturkommission ist als einzige Kommission nicht parteipolitisch belegt», sagt sie. «Kultur thematisiert Gesellschaftspolitisches.» Jetzt will sie den Sprung ins politische Gewässer wagen. «Ich habe Zeit und Lust», sagt sie. «Und etwas zu sagen.»

Sie fällt auf in ihrem blau gemusterten Hosenanzug vor den weissen Birkenstämmen und den grauen Hausfassaden. Aber ein Fremdkörper ist sie nicht. Als ein Mann im Parterre zum Fenster hinausschaut, erkennt sie ihn und winkt. Sie mag Lenzburg, das alte und das neue. Mit oder ohne Birken.