Dort oben hätte man jetzt doch einen Würstlistand einrichten können, sagt Christian Meister und lacht: «Ich wäre der Erste, der jetzt dort stehen und zuschauen würde», deutet der Mann in der orangen Warnweste auf den etwas erhöhten Kinderspielplatz vis-à-vis des Seehotels Delphin. Auch jetzt verliert der Chef über dieses heikle Manöver seine Ruhe und seinen Humor nicht.

Jetzt, da die 78 Tonnen schwere «MS 2018» auf ihren letzten Metern zum Hallwilersee hinab schleicht, links und rechts nur wenige Zentimeter Platz bleiben, Polizisten Schaulustige hinter Absperrungen schicken und immer wieder kleine Hindernisse zu beseitigen sind. Drei Äste der Platane auf dem Hotelparkplatz müssen dran glauben, ein Strauch in einer Rabatte wird aus dem Weg gesägt, eine Beton-Blumenkiste mittels Manneskraft und Eisenfuss versetzt.

Ein wenig Lack ist ab

Bleibt nur noch der schwarz-weisse Strassenpfahl, der sich just auf Höhe Bug befindet und diesen zu zerkratzen droht. Zuerst sieht es aus, als könnte man ihn im Handumdrehen entfernen. Doch es lassen sich nur die Kunststoffhülle und eine Glühbirne herausschrauben – die Eisenstange darunter will partout bleiben, wo sie ist, neues Hallwilerseeschiff hin oder her.

Bis hierher hat man es ohne nennenswerte Blessuren geschafft, 200 Meter vor dem Ziel blättert doch noch etwas Lack ab: Auf der rechten Seite des Rumpfs setzt die Eisenstange über zwei Meter Länge ihre Unterschrift, bevor es vier aufmerksamen Helfern gelingt, sie mit vereinten Kräften zurückzuhalten und tiefergreifende Schäden abzuwenden. Die Crew der Hallwilersee-Schiffahrtsgesellschaft nimmt es gelassen: Im Wasser sieht man den Kratzer schliesslich nicht mehr.

Gegen 200 Zuschauer sind gekommen, um die «MS 2018» auf ihren letzten Metern zu begleiten. Am Hang, auf Terrassen, hinter Gartenzäunen warten Lehrerinnen mit Schülerscharen, Senioren mit Camcordern, die Köche des «Delphins» mit Kelle in der Hand. Sie stehen und staunen, fotografieren und fachsimpeln, werweissen, ob es reicht beim nächsten Baum.

«Lupfe, schwänke, abelah»

Nach Stunden des Manövrierens rollt der Lastwagen langsam auf die Landzunge aus Kies, die der einheimische Gartenbauer Oli Vatter mit seinem Team diese Woche planiert hat. «Wir mussten das Kies hier absenken und verbreitern, damit der Lastwagen so weit hinausfahren kann», erklärt Vatter, «sonst würde er jetzt hier im Wasser stehen.» Die Profis in der grünen Arbeitskleidung haben Massarbeit geleistet: Zwischen See und Vorderpneu des Zugfahrzeugs bleiben nicht mehr als zwei Handbreit.

Während im Hintergrund zwei Pneukrane aufgebaut werden, sagt Transportchef Meister: «Es ist ein schönes Gefühl, jetzt hier zu stehen. Die letzte Etappe war wie erwartet etwas harzig, und doch haben wir es pünktlich geschafft. Ich bin erleichtert.»

Der Bootsbauer der Lux-Werft putzt mit einem Besen Tannennadeln, Blätter und Äste vom Schiffsdeck. Florian Färber, Bereichsleiter Pneukran und Spezialtransporte bei der Richi AG aus Weiningen ZH, bereitet mit seinem Kollegen die zwei Jochs vor. Die Krane ziehen hoch. «Achtung, d Chueschnorre!», funkt Kranführer André Odermatt, als er langsam zum Schiff schwenkt, um die eisernen Karabinerhaken am Schiff zu befestigen. Auch er zeigt sich kurz vor dem grossen Moment ganz entspannt: «Ich mues eigentlich nu lupfe, schwänke, abelah, fertig.»

Hub auf!

«So, hämmer wellä?», funkt Färber an seine Crew. «Also, denn ziehnd mer a! ‹Hub auf!› 35 Tonne!» Das Schiff zeigt Tendenz, nach rechts zu schwenken. «Nomel ‹Hub auf› und e chli links hebä! No öppe 30 Zentimeter. Guet. Chönd afange usegeh.» Die Kranen schwenken Richtung See, fahren aus, das Schiff schwebt zwei Meter über dem Wasser. Staunende Blicke, Handyvideos, sogar der Polizist draussen auf dem Boot filmt mit.

Als das Schiff um 13.10 Uhr, nur 10 Minuten später als geplant, das Wasser berührt, brandet Applaus auf. «Fige, bi dir vilicht no es bizeli ‹Hub auf›, dass er no chli wiiter usechunnt. Genau. Wunderbar! Wuuuunderbar!» Florian Färber setzt das Funkgerät ab, hebt seinen Schutzhelm vorne an, wischt sich über die Stirn. Das gebe es nicht oft, dass er nervös werde, sagt er einen Schluck Eistee später. «Aber hüt han au ich e chli gschwitzt.»

Das neue Hallwilerseeschiff wird im Muttenzer Hafen zerlegt

Das neue Hallwilerseeschiff wird im Muttenzer Hafen zerlegt (22. Mai)

Am Dienstagmorgen traf die «MS 2018» auf dem Rhein im Auhafen Muttenz BL ein.