Fahrwangen
Psychiater in der Schule: Was tun, wenn ein Mitschüler depressiv ist?

30 Jugendliche sterben jährlich in der Schweiz durch Suizid. Doch wie kann man reagieren, wenn ein Mitschüler depressiv ist? Ein Workshop an der Kreisschule Oberes Seetal hat diese Frage thematisiert.

Stefanie Suter
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Workshop Suizidprävention an der Kreisschule Oberes Seetal
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Erich Slamanig gibt den Schülern Tipps, wie sie das Eis zwischen ihnen und Tanja brechen können.
Schüler Sven gibt Fips (gespielt von Erich Slamanig) Nachhilfe in Mathe. Fips kommt aber seit drei Wochen jedes Mal eine Stunde zu spät.
Sven aber sollte schon im Fussballtraining sein. Schliesslich steht am Samstag ein wichtiger Match an. Was ist Sven wichtiger – Fussball oder seinem Freund in einer schwierigen Situation zu helfen?
Im Kreis Jeder Schüler spielt eine bestimmte Eigenschaft vor. Die Schüler sollen die Körpersprache lesen können.

Workshop Suizidprävention an der Kreisschule Oberes Seetal

Alex Spichale

«Was luegsch mi so a?», poltert Lena «Was wetsch eigentlich vo mer?», schimpft die Schülerin und reckt das Kinn kämpferisch in die Luft. «Sehr gut», sagt Theaterpädagoge Erich Slamanig.

«Was denkt ihr, was hat Lena gerade für eine Eigenschaft gespielt?», fragt er in die Runde. «Lena ist aggressiv», meint ein Schüler. «Reizbar», «angriffslustig» werfen andere ein.

Darum geht es bei den Aktionstagen «Psychische Gesundheit»

Der Kanton Aargau organisiert mit Mitgliedern des kantonalen Netzwerks Psychische Gesundheit seit 2014 die Aktionstage Psychische Gesundheit. Das Ziel: Die Aargauer Bevölkerung für das Thema sensibilisieren. Begonnen haben die Aktionstage gestern am Weltsuizidpräventionstag in der Kreisschule Oberes Seetal mit einem Workshop des Suizid-Netzes. (az)

Wir sind mitten in einem Schulzimmer der Bezirksschule Fahrwangen. Die Klasse 3a steckt gerade im Workshop «Achterbahn. Ein Stück über Leben», den die Theaterpädagogen Slamanig und Tatjana Steinbichl leiten.

Im Zentrum stehen eigene und fremde Probleme, aber auch Suizid und Suizidgedanken. Wichtige Themen, wie ein Blick in die Statistik zeigt: In der Schweiz sterben jährlich rund 30 Jugendliche durch Suizid, rund drei pro Jahr im Aargau.

«Viele Jugendliche getrauen sich nicht, ihre Probleme anzusprechen», sagt Urs Hepp, Bereichsleiter und Chefarzt Psychiatrie und Psychotherapie der Psychiatrischen Dienste Aargau (PDAG) und Vorstand von Suizid-Netz. «Deshalb ist es so wichtig, dass der erste Schritt von der Umgebung erfolgt.»

Und er ergänzt: «Viele Jugendliche nehmen zwar wahr, wenn es jemandem nicht gut geht, trauen sich aber nicht, das Thema anzusprechen.» Genau dies soll nun die Klasse 3a im Workshop «Achterbahn» lernen.

Mit der ersten Übung haben die beiden Theaterpädagogen die Jugendlichen darauf sensibilisiert, was die Körpersprache über die Gefühlslage aussagen kann. «Es bedeutet etwas, wenn jemand beispielsweise den Augenkontakt meidet», sagt Slamanig.

In der nächsten Übung sollen die Jugendlichen lernen, wie sie in solchen Situationen reagieren können: Tanja (gespielt von Tatjana Steinbichl) fehlt seit zwei Wochen in der Schule. Nun erhält sie Besuch von vier Schülern. Tanja reagiert launisch, desinteressiert, depressiv. Wie können die Schüler das Eis brechen?

«Wir bringen dir die Hausaufgaben», beginnt eine Schülerin das Gespräch. «Wieso bist du nicht in die Schule gekommen?», will ein anderer wissen. «Ich war krank», antwortet Tanja knapp und liest weiter in ihrem Heft. Ihre Mitschüler ignoriert sie. Stille.

Dann unterbricht Slamanig die Übung. «Wie war diese Situation für euch?», fragt er die vier Schüler. «Komisch», lautet die Antwort. «Versucht, mit Tanja zu reden. Stellt ihr Fragen», rät Slamanig.

Die vier Schüler probieren es noch einmal. Beim zweiten Versuch bleiben sie nicht stehen, sondern setzen sich zu Tanja, sprechen mit ihr auf Augenhöhe. Beim dritten Mal muntern sie Tanja auf, indem sie von einem Streich eines Mitschülers erzählen.

Und beim vierten Mal sagen sie ihr: «Wir würden uns freuen, wenn du wieder in die Schule kommen würdest.» Jedes Mal gelingt es ihnen besser, das Eis zu brechen und Tanja in ein Gespräch zu verwickeln.

«Es gibt verschiedene Möglichkeiten, zu reagieren», gibt Steinbichl den Schülern am Schluss mit auf den Weg. «Aber die Hauptsache ist, dass ihr überhaupt reagiert.»

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