Ende Mai versuchte Fidis Finance offenbar zu retten, was noch zu retten war: In einer aufsehenerregenden Aktion schickte die Fiat-Leasingbank 17 Sattelschlepper zur SAR Premium Cars in Dintikon AG. Männer in Anzügen rannten mit Listen zwischen den Autos hin und her. «Alles wird mitgenommen!», brüllte ein Fidis-Angestellter über den Platz, «kein Auto geht rein oder raus!»

Insgesamt wurden über 60 Fahrzeuge aufgeladen - darunter Autos, bei denen unklar war, ob sie Fidis gehören. SAR-Chef Riccardo Santoro verschwand an jenem Tag von der Bildfläche.

Santoros Anwalt spricht von einem Skandal

Nun bricht Santoro sein Schweigen und kritisiert die ehemalige Geschäftspartnerin scharf: «Fidis hat meine Firma zerstört, die ich in jahrelanger Arbeit aufgebaut hatte», sagt Riccardo Santoro der az. Sein Anwalt Rudolf P. Schaub spricht von einem Skandal: «Die Räumung wurde unter Missachtung des gesetzlichen Rechtsweges und unter Verletzung strafrechtlicher Normen durchgeführt.» Santoro prüft nun rechtliche Schritte gegen Fidis.

Am 25. Mai lässt Fidis Finance über 60 Fahrzeuge bei der SAR Premium Cars in Dintikon abholen

Am 25. Mai lässt Fidis Finance über 60 Fahrzeuge bei der SAR Premium Cars in Dintikon abholen

Fahrzeuge im Wert von 22 Millionen verkauft?

Fidis reichte zwei Tage nach der Räumungsaktion Strafanzeige gegen Riccardo Santoro und weitere SAR-Verantwortliche ein. Diese liegt der az vor. Santoro wird vorgeworfen, eigenmächtig Leasingverträge vorzeitig aufgelöst und Autos im Eigentum der Fidis verkauft zu haben. Konkret geht es um 190 Fahrzeuge im Wert von 22 Millionen Franken.

Um die Autos verkaufen zu können, soll SAR Anträge mit gefälschten Fidis-Unterschriften bei Strassenverkehrsämtern eingereicht haben, damit der Code 178 («Halterwechsel verboten») aus dem Fahrzeugausweis entfernt wird.

Santoro: «Ich bin selbst ein Opfer»

Diese Vorwürfe weist Riccardo Santoro vehement zurück und hält fest: «Ich bin selbst ein Opfer.» Sein Anwalt Rudolf P. Schaub ergänzt: «Fidis Finance behauptet aktenwidrige Dinge wider besseres Wissen.» Er könne beweisen, dass Fidis selbst das SAR--Leasingmodell mit den vorzeitigen Fahrzeugrückgaben mitgestaltet habe und verweist auf eine Vereinbarung vom Januar 2008.

Im Vertrag, welcher der az vorliegt, verpflichtet sich SAR, «Fahrzeuge von Fidis sofort wiederzuerwerben (...), falls ein Leasing- oder Finanzierungsvertrag aus irgendwelchen Gründen vorzeitig aufgelöst wird.» Dies war laut Santoro das Erfolgsrezept des SAR-Leasingmodells, bei dem Kunden nach 6 bis 12 Monaten einen Maserati zurückbringen und sogleich mit einem Bentley wegfahren konnten.

Schaub weist auch den Vorwurf zurück, dass Santoro Formulare für das Strassenverkehrsamt gefälscht habe. «Fidis hatte der SAR Blanko-Formulare zur Verfügung gestellt, da sie diese wegen der vielen Fahrzeugwechsel nicht rechtzeitig liefern konnten.» Über die Löschungen sei Fidis immer orientiert worden, was aus den Akten ersichtlich sei.

Konkurs über SAR Premium Cars eröffnet

Riccardo Santoro scheint sich seiner Sache sicher zu sein - und verweist auf einen ersten Erfolg: Das Bezirksgericht Lenzburg hat den Antrag der Fidis, über SAR den Konkurs zu eröffnen, vor einer Woche vertagt. Dies bestätigt das Gericht. «Wir haben die Argumente der Fidis fürs Erste mit Akten widerlegt», sagt Anwalt Schaub dazu.

Fidis könnte nun nochmals Stellung nehmen. Dies wurde aber hinfällig, weil das Bezirksgericht parallel in einem anderen Verfahren den Konkurs über SAR eröffnet hat. Laut Rudolf P. Schaub sei dies aufgrund einer Wechsel- und Checkbetreibung erfolgt. Die SAR hätte einen Check nicht mehr begleichen können, weil sämtliche Vermögenswerte durch die Staatsanwaltschaft Aargau blockiert wurden.

Anfang Jahr war die Welt noch in Ordnung

Fidis Finance nimmt zum Fall mit Verweis auf das laufende Verfahren keine Stellung. Offen bleibt auch die wichtigste Frage: Warum zog Fidis der SAR den Stecker, obwohl diese laut Santoro einen Viertel zum Fidis-Umsatz beitrug? Bei Santoro gaben sich zudem Banker, Spitzensportler und Politiker die Klinke in die Hand.

«Ich war schon immer bereit, Risiken einzugehen.» (Archivbild: Maya Sommerhalder)

Riccardo Santoro zu seinen besten Zeiten

«Ich war schon immer bereit, Risiken einzugehen.» (Archivbild: Maya Sommerhalder)

Anfang Jahr jedenfalls war die Welt noch in Ordnung. Ein Fidis-Schreiben vom 28. Februar an Santoro schliesst mit der Hoffnung, «dass die Zusammenarbeit auch in Zukunft profitabel und zufriedenstellend sein wird». Im Frühling aber verdunkelte sich der Himmel: Die Aargauer Kantonalbank kündigte der SAR einen Rahmenkredit von 4,25 Millionen Franken. Dies geht aus dem GV-Protokoll der SAR hervor, das der az vorliegt. Santoro suchte neue Investoren und sprach gegenüber Kunden von einem Problem, das lösbar sei.

Am 28. Mai war dann alles vorbei und Santoros Fahrzeuge weg. Der Garagist sagt, er habe von der Räumungsaktion nichts gewusst. Der Fall dürfte die Gerichte also noch länger beschäftigen. Der leitende Staatsanwalt Adrian Schulthess spricht von einem «aufwändigen Fall».

Das ganze Interview mit Riccardo Santoro lesen Sie in der az-Ausgabe von Donnerstag, 14. Juli 2011.