Seon
Pilotversuch: Diese Bauern verzichten beim Maisanbau auf Pflanzenschutzmittel

Wo der Mais wächst, spriesst Unkraut, ausser man spritzt Unkrautvernichter. Dann wächst zwischen den Mais-Stängeln gar nichts – der momentan häufigste Anblick auf Deutschschweizer Feldern. Urs und Simon Häfeli versuchen nun auf zwei Arten, den Einsatz von Herbiziden zu vermeiden.

Janine Gloor
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Simon und Vater Urs Häfeli mit der Projektverantwortlichen Andrea Enggist vom Landwirtschaftszentrum Liebegg.

Simon und Vater Urs Häfeli mit der Projektverantwortlichen Andrea Enggist vom Landwirtschaftszentrum Liebegg.

Janine Gloor

Urs und Simon Häfeli haben etwas gewagt. Etwas Neues, das sich viele andere Landwirte nicht getraut hätten: Sie haben auf ihrem Hof im Fornholz in Seon ohne Pflanzenschutzmittel Mais angebaut. Auf zwei Versuchsfeldern haben Vater und Sohn im Frühjahr auf verschiedene Arten Mais gepflanzt, um herauszufinden, wie die Pflanze ohne die herkömmlichen Mittel gegen Unkraut gedeiht.

Auf die Idee für den Versuch sind die Häfelis gekommen, weil sie eine neue Maschine zum Ansäen brauchten. Sie investierten in eine, die gleichzeitig Mais und eine Untersaat aussäen kann. Untersaat bezeichnet Pflanzen, die zusammen mit der Hauptfrucht auf dem gleichen Feld wachsen. «Wir sind generell interessiert an Neuem», sagt Vater Urs Häfeli. Damit sich die Investition in die neue Maschine lohnt, soll sie überbetrieblich eingesetzt werden können. Doch damit andere Bauern sie nutzen, müssen sie zuerst von der neuen Art des Maisanbaus überzeugt werden.

Häfelis sind dabei nicht allein. Für beide Versuchsfelder arbeiten sie mit dem Landwirtschaftszentrum Liebegg zusammen. Auf einem Feld ist zusätzlich das Forum Ackerbau involviert, auf dem anderen die Landi Unteres Seetal, UFA Samen sowie die ETH. Zwei verschiedene Aspekte wurden bei den Feldern untersucht, stets steht das Unkraut im Zentrum; wo der Mais wächst, spriesst es. Ausser, man spritzt Unkrautvernichter. Dann wächst zwischen den Mais-Stängeln gar nichts; der momentan häufigste Anblick auf Deutschschweizer Feldern.

Schlüsselwort Untersaat

Auf zwei Arten versuchen Häfelis, den Einsatz von Herbiziden zu vermeiden. Im ersten Feld wird ausser Mais nichts gesät, es kommen mechanische Methoden zum Einsatz, um gegen das Unkraut vorzugehen. Der Mais wächst, das Unkraut wird ohne chemische Mittel, dafür mit Maschinen entfernt. Diese Methode funktioniert grundsätzlich, der Mais gedeiht und das Unkraut ist unter Kontrolle. Doch für Häfelis ist sie nicht befriedigend, denn sie bedeutet mehr Arbeit, das Feld muss in mindestens zwei zusätzlichen Durchgängen bearbeitet werden. Die neue Maschine – eine Aerosem Pcs Duplex Seed – macht alles auf einmal: Sie sät Mais und Untersaat als Konkurrenz zum Unkraut. Der Boden ist auf der Hälfte des Feldes nicht gepflügt.

Auf dem zweiten Versuchsfeld sind die Resultate deutlich sichtbar. Die Maschine sät die Maispflanzen in zwei Reihen an. Dazwischen kommt die gewünschte Untersaat. Zum Beispiel Englisches Raigras, Rotschwingel und unterschiedliche Kleearten. Fünf verschiedene Saatmischungen testen Häfelis hier zusammen mit ihren Partnern. «Die Untersaat muss sich gegen das Unkraut durchsetzen, darf aber gleichzeitig nicht mit dem Mais konkurrieren», sagt Simon Häfeli. Je nach Saatmischung konnte sich das Unkraut dennoch durchsetzen. Zwischen den Mais-Reihen wachsen hohe Halme. «Das ist Hirse», sagt Urs Häfeli. «Ein hartnäckiges Unkraut.»

Ertrag noch unklar

Vater und Sohn sind bis jetzt zufrieden mit dem herbizidlosen Mais. «Wie hoch genau der Ertrag ausfällt, wird im Herbst bei der Ernte ersichtlich», sagt Andrea Enggist, die für das Landwirtschaftszentrum Liebegg für das Projekt zuständig ist. Auf den ersten Blick drohen Häfelis keine nennenswerten Ausfälle bei der Maisernte. Nächstes Jahr werden sie wieder mit der Duplex Seed Mais anpflanzen. Bis dann haben die Samenproduzenten Zeit, die Mischungen anzupassen. «Die Technik ist bereit, doch noch fehlt die perfekte Samenmischung», sagt Urs Häfeli. Für die beiden Bauern hat der Maisanbau ohne Pflanzenschutzmittel viele Vorteile. Die Methode schont die Umwelt und befriedigt die Innovations-Lust. Zudem wird der herbizidlose Anbau vom Bund mit Direktzahlungen gefördert.

Unter Landwirten stösst die Methode auf grosses Interesse: An einer Feldbegehung nahmen über 100 Landwirte aus dem Aargau und aus Nachbarkantonen teil. Urs Häfeli hofft, dass auch andere den Schritt wagen. «Es ist Zeit, dass sich eine Alternative zu Herbiziden wie zum Beispiel Glyphosat durchsetzt», sagt er. Doch niemand wolle die Ernte und dazu das Gesicht verlieren. Sohn und Vater Häfeli haben es gewagt. Der Mais ist gewachsen und das Gesicht noch dran. Und dank der effizienten Duplexmaschine haben Urs und Simon Häfeli erst noch mehr Zeit für anderes.

Bauern gegen «Pestizid-Initiative»

Im Mai ist in Bern die Initiative «Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide» eingereicht worden. Die Initiative würde den Betrieb bei den Landwirten gänzlich umkrempeln. Für Simon und Urs Häfeli ist ein Betrieb gänzlich ohne chemische Pflanzenschutzmittel heute nicht realisierbar. Auch mit der Untersaat-Methode wächst das Unkraut und kann versamen. «Ohne Pflanzenschutzmittel in späteren Kulturen wird das Unkraut verschleppt und könnte nur mit sehr grossem Aufwand bekämpft werden», sagt Urs Häfeli. Vater und Sohn betreiben zusammen einen Hof mit 60 Hektaren Ackerfläche. «Vor 50 Jahren haben sechs bis sieben Personen zwölf Hektaren bewirtschaftet», sagt Urs Häfeli. Nur mit diesem personellen Aufwand könne ganz auf Herbizide verzichtet werden. Der Schweizer Bauernverband lehnt die Pestizid-Initiative ab. Die Umsetzung der Initiative würde die landwirtschaftliche Produktion verteuern, da zum Beispiel auch Importprodukte ihr unterliegen. Ebenfalls dieses Jahr eingegeben wurde die Initiative «Für sauberes Trinkwasser und gesunde Ernährung». Simon und Urs Häfeli versuchen schon heute, weniger Pestizide einzusetzen. Es stört sie jedoch, dass oft bei den Bauern die Schuld gesucht wird. «Auch Private, die im Garten Pflanzen spritzen oder vor der Garage ihr Auto waschen, tragen zur Umweltverschmutzung bei», sagt Simon Häfeli. (JGL)