Vierfachmord Rupperswil
Pfarrer Christian Bühler: «Man darf sich das Leben nicht nehmen lassen»

Schon vor einem Jahr traf die az Pfarrer Christian Bühler vor der Trauerfeier in Rupperswil. Ein besonderes Wiedersehen.

Mario Fuchs
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Man sei «ein bisschen wie in Watte gepackt», sagt Pfarrer Christian Bühler. Die Leute versuchten, sich langsam zu distanzieren.

Man sei «ein bisschen wie in Watte gepackt», sagt Pfarrer Christian Bühler. Die Leute versuchten, sich langsam zu distanzieren.

Chris Iseli

«Sehr geehrter Herr Fuchs, gerne würde ich heute nach dem Mittag etwas früher kommen. Können wir uns auch schon um 13.30 Uhr am selben Ort treffen?» Christian Bühler ist im Schuss. Es ist wieder Dezember, und Dezember bedeutet für einen Pfarrer: Hochsaison.

Der 55-Jährige kommt gerade aus Bern, wo er ein 70-Prozent-Pensum belegt, und muss weiter nach Basel. Dazwischen bleibt eine knappe Stunde für einen Kaffee im Bahnhof Aarau.

In den restlichen 30 Prozent wirkt Bühler als Pfarrer in der Reformierten Kirchgemeinde Rupperswil. Er sagt: «Von der Kapazität auf meiner inneren Festplatte beansprucht das aber weit mehr als die Hälfte.» Grund ist das, was am 21. Dezember 2015 geschah: Vier Menschen wurden in Rupperswil getötet.

Zuletzt getroffen haben wir uns vor fast einem Jahr. Es war Anfang Januar, in Rupperswil fiel der erste Schnee. Bühler bereitete gerade die Trauerfeier für die drei Opfer, für die Familie Schauer, vor. Er sagte, er werde Worte sprechen, die den Angehörigen helfen, «wieder ins Leben hinauszugehen». Dann hielt er inne, blickte zum Fenster hinaus. Und sagte leise: «Falls man das hier überhaupt kann.» Der Satz war Sinnbild für ein ganzes Dorf, für den Schockzustand, in dem sich Rupperswil befand. Der Schock mag heute überwunden sein. Trauer und Schmerz werden es noch lange nicht sein.

Einfach nicht verhandelbar

Nein, das sei nichts, das spurlos an einem vorbeigehe. Deshalb habe er sich mit Marc Nussbaumer von der evangelisch-methodistischen Kirchgemeinde – sie hatte beim Tötungsdelikt ihr junges Mitglied Simona verloren – entschlossen, eine Gedenkfeier zum Jahrestag zu organisieren. «Wir wollen damit einen Ort schaffen, an dem alle, die mögen, zusammenkommen und der Opfer gedenken können» (siehe Text links).

Vordergründig spreche man heute nicht mehr über das Tötungsdelikt. Es sei ein wenig wie ein Tabu – im persönlichen Gespräch komme man manchmal darauf, in der Öffentlichkeit nie. «Es ist vielleicht auch einfach nicht verhandelbar.»

Hintergründig sei es nach wie vor ein Thema, gerade in der kirchlichen Arbeit. Für ihn sei es schwieriger geworden, eine Predigt zu schreiben, sagt Pfarrer Bühler: «Die fröhliche Seite des Glaubens, Gott zu loben ... man reflektiert alles doppelt.» Er wolle nicht sagen, das sei nicht mehr möglich. Ganz viele Leute hätten Anrecht darauf, sich zu freuen. Wenn ein gesundes Baby getauft wird, wenn man am Jugendfest gemeinsam singt, wenn so viele Leute an den Basar kommen wie noch nie. Bühler sagt: «Man darf sich das Leben nicht nehmen lassen. Aber wir müssen uns bewusst sein, dass Menschen unter uns sind, die man nicht mit ein paar Worten trösten kann.» Für die Angehörigen sei es unvorstellbar schwer. Und es werde nicht einfacher. «Das nimmt alle Energie.»

Die Substanz, das zu tragen

Man sei «ein bisschen wie in Watte gepackt»: Die Leute versuchten, sich langsam zu distanzieren. Sie gingen rücksichtsvoller miteinander um. Alles sei sehr fragil. Vielleicht komme irgendwann eine Zeit, in der man die Tat als historisches Ereignis bezeichne. «Jetzt aber ist das undenkbar. Es ist noch alles ganz nah an der Haut.»

Er sei tief berührt, wie viel Mühe sich alle in der Gemeinde gäben, nichts falsch zu machen. «Ich habe schaurig den Plausch an den Rupperswilern. Sie sind auf eine gute Art präsent. Mit beiden Füssen auf dem Boden.» Das sei vielleicht das Positive am Ganzen: «Das Ereignis hat ein Dorf getroffen, das die Substanz hat, das zu tragen.»

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