Othmarsingen
«Jedes Stück ist ein Unikat»: Sie näht nachhaltige Babykleider, die mitwachsen

Jeannette Kaufmann näht Babykleider aus neuen Stoffen, aber auch aus Kleidung, die sonst in der Sammlung landen würde. Sie tut das der Umwelt und Fairness zuliebe, aber auch für sich selbst.

Eva Wanner
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Jeannette Kaufmann stellt Babykleider her. Sie nutzt dafür auch Stoffe aus dem Brocki oder von Kleidung, die nicht mehr getragen wird, und stellt den Aspekt der Nachhaltigkeit in den Fokus.

Jeannette Kaufmann stellt Babykleider her. Sie nutzt dafür auch Stoffe aus dem Brocki oder von Kleidung, die nicht mehr getragen wird, und stellt den Aspekt der Nachhaltigkeit in den Fokus.

Eva Wanner

Babys kann man beim Wachsen fast zuschauen. Für Eltern macht sich das besonders an der Kleidung bemerkbar: Was gestern noch passte, zwickt heute schon an diversen Stellen.

Auch Jeannette Kaufmann hat das erlebt. Heute 56, brachte sie vor 28 Jahren ein Mädchen zur Welt, zog es alleine auf – und an. «Ich hätte mir gewünscht, dass es damals ein Angebot gegeben hätte, wie meines heute», sagt sie. Denn gerade wer wenig Geld übrig habe, mache sich umso mehr Gedanken darüber, was mit der Kleidung geschieht, die das Kind nicht mehr tragen kann. In die Kleidersammlung geben oder gar wegwerfen, tue dann besonders weh.

Nachhaltig durch und durch

Das ist einer der Gründe, weshalb die Othmarsingerin ihr Label «Jeani's kids art» gegründet hat. Die gelernte Konfektions- Industrieschneiderin, Schnitttechnikerin und Designerin setzt den Fokus voll auf die Nachhaltigkeit.

Und das geht so: Sie designt und näht Kinderkleidung, die über drei Grössen mit dem Baby «mitwächst», sei es durch Binden, Um- und Aufkrempeln oder andere Kniffs. Die meisten ihrer Designs können ausserdem gewendet werden, so werden aus einem Kleidungsstück quasi zwei.

Ein weiterer Clou: Kaufmann verwendet wohl auch neu gekaufte Stoffe, aber eben nicht nur. Sie hat beispielsweise aus einem Herrenhemd eines Vaters ein quasi baugleiches Hemd in deutlich kleinerer Grösse für dessen Sohn genäht. Oder aber sie verwendet Stoffe, die sie im Brocki findet; näht etwa aus einem Tischtuch einen Baby-Overall. Auch Tablare, Boxen oder Köfferchen, die bestückt mit Kleidung an Babypartys verschenkt werden können, kauft sie im Brocki und gestaltet sie selbst um.

Und damit noch nicht genug. Kaufmann plant noch einen weiteren umweltfreundlichen Aspekt in ihr neues Geschäft einzubringen, um den Kreislauf zu komplettieren: Secondhand. Wenn Kleinkinder aus der Kleidung oder auch etwa den gehäkelten Schühchen von «Jeani's kids art» herausgewachsen sind, können Kunden und Kundinnen die Textilien an die Othmarsingerin zurückgeben.

Dafür gewährt sie, abhängig vom Zustand der Kleidung, einen Rabatt auf den nächsten Einkauf und sie bereitet die Kleidung auf und verkauft sie günstiger. Zu finden sind die Stücke auf der Website, einige sind aktuell ausserdem im Werkraum 21 in Lenzburg ausgestellt und Kaufmann ist via Website auch per E-Mail erreichbar und berät persönlich.

Alles von Hand hergestellt

Auf die Idee, sich neben ihrem Bürojob wieder mehr an die Nähmaschine zu setzen, kam sie wegen der Pandemie. «Plötzlich war alles anders. Ich sass oft zu Hause und sah mir Dokumentationen an.» Darunter auch solche über die Textilindustrie und Plastikabfall. Die Bilder von Kindern, die in armen Ländern unter widrigen Umständen und zu Billigstlöhnen Kleidung für andere Kinder herstellen, die dann günstig verramscht wird, das gab ihr zu denken.

Aus Kleidung für Erwachsene stellt Jeannette Kaufmann Kleidchen für Babys her.

Aus Kleidung für Erwachsene stellt Jeannette Kaufmann Kleidchen für Babys her.

zvg

Und gab den Anstoss, die Nähmaschine rattern zu lassen und die Häkel- und Stricknadeln zu entstauben. «Alles, was ich verkaufe, ist in liebevoller Handarbeit und immer mit speziellen Details hergestellt. Jedes Stück ist ein Unikat.»

Entsprechend sind die Preise höher, als jene von Kleidung ab der Stange. 49 Franken kostet beispielsweise eine grössenverstellbare Wendejacke, 69 ein gehäkeltes Jäckchen mit Kapuze. Kaufmann fragt rhetorisch: «Ich arbeite bis zu 16 Stunden an einer Häkeljacke und das Material ist noch nicht eingerechnet. Dann ist das nicht zu viel, oder?»

Im Hinblick auf die Pensionierung

Die Kleider sind mit viel Liebe zum Detail gefertigt.

Die Kleider sind mit viel Liebe zum Detail gefertigt.

zvg

Nebst allen Nachhaltigkeits- und Umweltaspekten ist Kaufmann eines noch wichtig: Was sie tut, macht ihr Spass. Sie arbeitet in einem 80-Prozent-Pensum im Büro, «Jeani's kids art» ist für sie auch ein Ausgleich dazu. «Ich freue mich immer wahnsinnig, wenn eines der kleinen Teile fertig ist», sagt sie strahlend.

Was sie jetzt aufbaut, ist auch eine Investition in die Zukunft. «Ich möchte mir im Hinblick auf meine Pensionierung etwas aufbauen. Die Tage sind lang, wenn man keine Aufgabe hat», sagt sie.