Kriminal-Geschichte
Onlinehändler bietet Buch über den "Vierfachmord von Rupperswil" an – aber Vorsicht!

Der Vierfachmord von Rupperswil geht in die Schweizer Kriminalgeschichte ein. Und ist damit auch interessanter Stoff für ein Buch. Im Internet wird aktuell bereits ein solches feilgeboten. Doch es gibt Zweifel, ob das Werk überhaupt existiert. Ist alles nur eine Masche?

Jürg Krebs
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So wird für das Buch "Vierfachmord von Rupperswil" geworben. Details zum Buch sind allerdings nicht zu erhalten.

So wird für das Buch "Vierfachmord von Rupperswil" geworben. Details zum Buch sind allerdings nicht zu erhalten.

Screenshot

Der Mord von Thomas N. (33) an Carla Schauer (†48) und ihren beiden Söhnen Davin (†13) und Dion (†19) sowie dessen Freundin Simona (†21) kurz vor Weihnachten 2015 ist nach allem, was aus den Ermittlerakten bekannt ist, an Schrecklichkeit kaum zu überbieten und durchaus Stoff für einen Roman.

Und tatsächlich: Auf den Verkaufsportalen "preso.ch" und "begehrt.ch" taucht bereits ein Inserat auf: Angeboten wird seit dem 30. Juli 2016 ein Buch mit dem nüchternen Titel "Der Vierfachmord von Rupperswil".

So wird für das Buch "Vierfachmord von Rupperswil" geworben. Details zum Buch sind allerdings nicht zu erhalten.

So wird für das Buch "Vierfachmord von Rupperswil" geworben. Details zum Buch sind allerdings nicht zu erhalten.

Screenshot

Aber: Es ist ein Inserat, das stutzig machen muss.

Das Inserat mit der Nummer 937277 kommt wenig seriös daher. Das Bild, mit dem geworben wird, ist ein Screenshot – vermutlich aus dem Netz geklaut. Die Identität des mutmasslichen Mörders ist nicht unkenntlich gemacht. Der Inserent hat sich nicht einmal die Mühe gemacht, das Cursor-Kreuz aus dem Bild zu entfernen. In holprigem Deutsch und mit Tippfehlern werden Details feilgeboten. Das "Buch" soll 5 Franken kosten. Bestellt werden kann es über ein Kontaktformular mit dem Text: "Ich bin am Buch ‹Der Vierfachmord von Rupperswil› interessiert."

Leseprobe fehlt

Eine Leseprobe, wie sie andere Online-Buchhändler anbieten, gibt es nicht. Wer das Buch bestellt, kauft die Katze im Sack.

Hinzu kommt: Der Inserent agiert anonym. Auf eine Mailanfrage über das Kontaktformular am Montag reagiert er nicht. Eine E-Mail-Adresse ist nicht ersichtlich.

Gerne hätten wir gefragt, wer der Autor ist, auf welche Quellen sich das Buch stützt und warum das Buch jetzt erscheint, wenn der Prozess gegen den Mörder noch nicht einmal begonnen hat. Dabei werden am erst Prozess wichtige Details über den Tathergang und die Person des Mörders zu erfahren sein.

Die Staatsanwaltschaft, und nur sie kennt heute alle Details, beantwortet jedenfalls seit Monaten keine Fragen zum Thema. Warum sollte sie dies gegenüber einem möglichen Autor tun? Auf Anfrage erklärt Elisabeth Strebel, Sprecherin der Staatsanwaltschaft, es sei keine Anfrage im Zusammenhang mit einem Buchprojekt eingegangen.

Identität wird nicht preisgegeben

Immerhin: Wer sich bei "preso.ch" meldet, auf deren Seite das Inserat steht, erhält wiederum eine Antwort von "begehrt.ch" und einem Daniel Koch zurück. Auf die Identität des Inserenten angesprochen, heisst es: "Kontaktaufnahme zu den Inserenten erfolgt ausschliesslich via Kontaktformular. Wir geben weder Telefonnummern noch Namen oder Emailadressen bekannt." Wie viele Personen das Inserat aufgerufen oder das "Buch" gekauft haben, dazu will Koch keine Angaben machen.

Das Buch-Inserat ist auch auf anderen Portalen einsehbar. (24. August 2016)

Das Buch-Inserat ist auch auf anderen Portalen einsehbar. (24. August 2016)

Printscreen

Verläuft hier alles, wie es sollte? Wir fragen, wie Inserate auf ihre Seriosität geprüft werden? Koch schreibt: "User melden uns verdächtige Inserate. Ferner führen wir Blacklists für Emailadressen oder IP-Adressen."

In welcher Funktion Daniel Koch bei "preso.ch" oder "begehrt.ch" steht, ist unklar. "Ich kümmere mich um Kundenanfragen", schreibt er. Die beiden fast identischen Seiten seien keine Firma, sondern ein "privates Projekt".

Die beiden Seiten jedenfalls gehören einem Peter Troxler aus Bern. Sie wurden 2005 registriert, wie eine Who-is-Domain-Abfrage ergibt.

Was im Fall "Vierfachmord von Rupperswil" bisher geschah:

Vierfachmord Rupperswil – von der Tat bis heute 21. Dezember 2015: an diesem Tag kommt es zum Vierfachmord: Kurz vor Mittag geht bei der Feuerwehr Rupperswil-Auenstein ein Notruf über einen Brand in einem Einfamilienhaus in Rupperswil ein.
29 Bilder
Beim Einsatz finden Feuerwehrleute vier verkohlte Leichen im Haus.
Schnell ist klar: Es handelt sich um ein Verbrechen. Die Opfer waren gefesselt und wiesen Stich- und Schnittverletzungen auf.
Eine Forensikerin auf dem Weg zum Tatort im Rupperswiler Spitzbirrli-Quartier.
Die Ermittler sichern Spuren im und um das Haus.
Kapo-Medienchef Roland Pfister informiert die Medien über die vier gefundenen Leichen im Wohnhaus.
23. Dezember 2015: Zwei Tage nach der Bluttat sind die Opfer identifiziert: Es handelt sich um Carla Schauer (†48), ihre beiden Söhne Davin (†13) und Dion (†19) sowie dessen Freundin Simona (†21).
Mit Flugblättern sucht die Polizei bald in Rupperswil nach Personen, die Auskunft zur Bluttat mit den vier Personen machen können.
Auf dem Flugblatt ist auch das Bild von Carla Schauer (†48) zu sehen, wie sie am Tag wenige Stunden vor ihrem Tod an einem Geldautomaten in Rupperswil 1000 Euro abhebt.
Später taucht auch dieses Bild einer Überwachungskamera auf: Carla Schauer hebt knapp 20 Minuten nach dem Bancomat-Bezug weiteres Geld an einem Bankschalter in Wildegg ab. Es sind zirka 9000 Franken.
Trauerbekundungen beim Haus im Rupperswiler Spitzbirrli-Quartier, wo die vier getöteten Personen gefunden wurden.
Die Ermittlungsarbeiten zum Tötungsdelikt in Rupperswil reissen auch über die Feiertage nicht ab.
Für die Ermittler bedeutet der Fall Knochenarbeit: Ein Polizist leuchtet in einen Schacht.
8. Januar 2016: In Rupperswil findet ein Gedenk-Gottesdienst für die Opfer statt.
Rund 500 Personen wohnten dem Trauer-Gottesdienst bei. Wegen des grossen Andrangs mussten rund 200 Gäste den Gottesdienst vom Saal des Kirchgemeindehauses aus verfolgen.
Der Schock über die schreckliche Tat sitzt tief: Trauernde geben sich Halt
21. Januar 2016: Die Aargauer Staatsanwaltschaft gelangt an die ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY – ungelöst". Im April wird der Mordfall von Rupperswil in München aufgezeichnet.
18. Februar 2016: Polizei und Staatsanwaltschaft informieren erstmals ausführlich über die Geschehnisse in Rupperswil an einer Pressekonferenz.
An dieser Pressekonferenz setzen die Behörden eine Belohnung von bis zu 100'000 Franken für Hinweise auf die Täterschaft aus.
Aus der Bevölkerung gehen hunderte Hinweise ein – keiner führt die Polizei auf die richtige Spur. Um den Vierfachmord von Rupperswil aufzuklären, haben die Aargauer Untersuchungsbehörden einen Aufwand betrieben wie noch nie zuvor.
13. Mai 2016: Fast fünf Monate nach dem Tötungsdelikt laden Polizei und Staatsanwaltschaft kurzfristig zu einer zweiten grossen Pressekonferenz ein.
Oberstaatsanwalt Philipp Umbricht enthüllt: Der Täter ist gefasst! Es handelt sich um einen 33-Jährigen aus Rupperswil, der nicht vorbestraft ist.
Der mutmassliche Mörder von Rupperswil: Thomas N. war jahrelang Fussball-Trainer und betreute C-Junioren.
Seine Fussballkollegen beschreiben ihn als Einzelgänger und guten Trainer.
In diesem Haus in Rupperswil – nur wenige Meter vom Haus der Familie Schauer entfernt – wohnte Thomas N.
Vierfachmord Rupperswil (All in one)
Die Haustür des Gebäudes wurde von der Polizei – nach einer Hausdurchsuchung – amtlich versiegelt.
Wenige Tage nach der Ergreifung des Täters wird bekannt: Die Rechtsanwältin Renate Senn wird den Mörder von Rupperswil vor Gericht vertreten.
Ein Jahr nach der Tat wird es in Rupperswil keine Gedenkfeier geben. Ammann: Ruedi Hediger: «Die Wunden «sind am Verheilen.»

Vierfachmord Rupperswil – von der Tat bis heute 21. Dezember 2015: an diesem Tag kommt es zum Vierfachmord: Kurz vor Mittag geht bei der Feuerwehr Rupperswil-Auenstein ein Notruf über einen Brand in einem Einfamilienhaus in Rupperswil ein.

Keystone/PATRICK B. KRAEMER

Konsumenten-Seiten warnen

Bei Kunden ist Peter Troxler offenbar nicht besonders beliebt. Auf den Internetseiten von "Beobachter" und "K-Tipp" wird vor seinen diversen Seiten gewarnt. User "Locia" schrieb im Februar 2016 auf "Beobachter.ch" zu einer Aufzählung seiner Seiten: "Ihr werdet uf dütsch gseit verarscht."

Wer über diese Seiten einkaufen will, muss damit rechnen, dass er zwar bezahlt, aber keine Gegenleistung erfährt. Wir haben Daniel Koch mit dem Vorwurf per Mail konfrontiert, dass vor "preso.ch" gewarnt wird und dass man zwar bestelle, aber keine Gegenleistung erhalte. Koch schreibt zurück: "Wenn uns User solche Fälle melden, entfernen wir die entsprechenden Inserate."

So wie sich der Fall derzeit präsentiert, lässt sich nur ein Fazit ziehen: Das Buch "Vierfachmord von Rupperswil" gibt es wohl eher nicht. Vorsicht also.

Nachtrag: Dass Vorsicht angebracht war, zeigt die Reaktion: Nach Publikation dieses Artikels wurde das Angebot im Verlaufe des Donnerstags vom Netz genommen.