Egliswil
Online-Sitzungen und keine Gemeindeversammlung: So sieht der Ammann sein spezielles erstes Amts-Jahr

Zu Beginn des Coronajahres wurde Ueli Voegeli Gemeindeammann von Egliswil. Wie er die Krise meistert, erzählt er im Interview.

Ruth Steiner
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Gemeindeammann Ueli Voegeli und die neue Egliswiler Kanzlerin Sabrina Siegrist coronakonform ins Bild gestellt.

Gemeindeammann Ueli Voegeli und die neue Egliswiler Kanzlerin Sabrina Siegrist coronakonform ins Bild gestellt.

Chris Iseli

2020 haben Sie sich mit Ihrer Familie einbürgern lassen. Was bedeutet dieser Schritt für Sie?

Ueli Voegeli: Meine Familie wohnt seit 20 Jahren hier. Wir sind in dieser Zeit Egliswiler geworden. Insofern ist es ein Zeichen der Verbundenheit mit unserer sehr geschätzten Gemeinde und ihrer Bevölkerung.

Wie wird Ihnen das letzte Jahr sonst noch in Erinnerung bleiben?

Als erstes Jahr als Gemeindeammann, das ein spezielles Jahr wurde, wie wir es nicht erwartet hätten. Nachdem der Lockdown verordnet worden war, haben wir die Gemeinderatssitzungen online abgehalten, das hat gut funktioniert. Wir konnten die Geschäfte wie geplant bearbeiten. Prägend war sicher, dass wir coronabedingt keine Gemeindeversammlung abhalten konnten.

Sie sind wohl der einzige Gemeindeammann weitherum, der nach einem Jahr im Amt noch keine physische Gemeindeversammlung durchgeführt hat. Ist das nicht etwas schwierig?

Schwierig nicht. Natürlich war es ungünstig, dass weder die Sommer- noch die Wintergmeind stattfinden konnten. Wir spüren jedoch, dass die Egliswiler Bevölkerung eine Art Grundvertrauen in den Gemeinderat hat, dass «die das schon ordeli machen». Ein gutes Beispiel ist der Kredit für die Anschaffung von Informatikinfrastruktur für die Schule, der kürzlich mit grossem Mehr bewilligt wurde. Der Betrag von 140000 Franken ist viel Geld für unsere Gemeinde.

Wie halten Sie unter den erschwerten Bedingungen den Kontakt zur Bevölkerung aufrecht?

Ich versuche mit den Leuten ins Gespräch zu kommen, wenn ich ins Dorf gehe. Dadurch, dass ich coronabedingt im Homeoffice arbeite, kommt das deutlich mehr vor als vorher. Die üblichen Gelegenheiten, sich zu treffen, fallen derzeit weg. Zum Beispiel ist der wichtigste gesellschaftliche Anlass hier im Dorf der Turnerabend. Dass dieser nicht stattfinden konnte, haben wir alle bedauert. Wir versuchen jedoch, die Bevölkerung etwas ausführlicher über die Gemeindeinformation «Us em Humbelhuus» zu orientieren.

Muss man eine Gemeinde in einer Krisenzeit wie dieser anders führen?

Eine derartige Situation gestaltet sich für eine kleinere Gemeinde sicher etwas anders als für eine grössere. Für Egliswil möchte ich es so erklären: Im Frühling, als der erste Lockdown kam, hat sich der Gemeinderat überlegt, wie wir den Menschen im Dorf helfen könnten, die alleine sind, ob es nötig ist, ein Hilfesystem aufzubauen. Wir haben jedoch feststellen können, dass die Nachbarschaftshilfe funktioniert. Zudem waren wir hellhörig, mit welchen Anliegen die Bewohnerinnen und Bewohner auf die Gemeindekanzlei kamen. Ich bin sicher, dass in dörflichen Strukturen, wie wir sie haben, die Leute in Krisensituationen weniger verloren gehen.

Vor 50 Jahren sagte die Schweiz Ja zum Frauenstimmrecht. Nicht so Egliswil. Die Gemeinde hatte den tiefsten Ja-Anteil im Bezirk (28,7 Prozent auf nationaler Ebene).

Das habe ich nicht gewusst. Sicher kann man von Egliswil sagen, dass es einen etwas bewahrenden Charakter hat, dass den Bewohnerinnen und Bewohnern die Eigenständigkeit wichtig ist. Das zeigt sich jeweils auch bei den Abstimmungen. Es wird sehr bürgerlich gewählt. Das ist sicher ein stückweit eine Generationenfrage, auch heute noch. Und es ist in Bezug auf gewisse anstehende Projekte eine Herausforderung für den Gemeinderat. Tempo 30 ist ein gutes Beispiel dafür.

Was meinen Sie konkret damit?

Egliswil gehört zu jenen Gemeinden, welche Tempo 30 noch nicht eingeführt haben. Vor zehn Jahren wurde ein Vorstoss knapp abgelehnt. Wir sind jedoch der Meinung, dass das Projekt aufgrund der heutigen Bevölkerungsstruktur jetzt mehrheitsfähig ist im Dorf. Der Gemeinderat hat zu Tempo 30 eine Analyse durchführen lassen. Die Ergebnisse wollen wir wenn möglich im Verlaufe des Sommers vorstellen.

Welche Projekte sind noch auf der Gemeinde-Agenda?

Die Revision der Bau- und Nutzungsordnung (BNO) ist so weit fortgeschritten, dass sie im Frühling beim Kanton zur Vorprüfung eingereicht werden kann. Parallel dazu wird sie in Egliswil zur Mitwirkung aufgelegt werden. Unser (sportliches) Ziel ist es, die BNO im Herbst 2022 oder Frühling 2023 an die Urne zu bringen.

Welche grösseren Bauprojekte stehen an in Egliswil?

Ein grosses Projekt liegt im Gebiet Hostet. Im Oberdorf sind wir an der Sondernutzungsplanung für ein grösseres Baugebiet mit geplanten Ein- und Mehrfamilienhäusern. Für das markante Gebiet Hasenberg erarbeiten wir einen Gestaltungsplan.

Wartet dem Hasenberg eine neue Glasalp, wie das Gebiet zwischen Rüti und Suppetel mit den auffälligen Glaubauten im Volksmund genannt wird?

Der Hasenberg ist eine Top-Wohnlage, das ist richtig. Der Gestaltungsplan hat den Zweck, die künftige Überbauung an dieser exponierten Hanglage bestmöglich in das Dorf- und Landschaftsbild einzufügen. Zudem möchte Egliswil in Zukunft nur moderat wachsen, von heute 1480 auf 1750 Personen.

Wie weit sind die Überlegungen gediehen, die Feuerwehren Seon-Egliswil, Boniswil-Hallwil und Seengen zu fusionieren?

Eine Kommission hat drei Fusionsvarianten erarbeitet. Der Entscheid ist gefallen, die Variante «Grossfusion» weiter zu klären. Es entstünde eine der grössten Feuerwehren im Kanton Aargau mit über 200 Mitgliedern.

Wie lange ist ein Alleingang der Schule noch möglich? An der Schule Egliswil werden zwei Abteilungen Kindergarten und fünf Abteilungen Primarstufe (1. bis 6. Klasse) geführt mit total 118 Schülerinnen und Schülern.

Im Moment steht das Thema nicht im Raum. Wir sind zwar eine kleine, aber feine Schule mit einem guten Leitungsteam. Als Leiter eines grossen landwirtschaftlichen Bildungs- und Forschungszentrums (Anm. Direktor des Strickhofs im Kanton Zürich) sehe ich der neuen Schulorganisation relativ entspannt entgegen. Die bisherige getrennte finanzielle und strategische Führung mit Doppelspurigkeiten kann eliminiert werden. Wichtig ist, klare Strukturen zu setzen. Wir haben bereits entschieden, keine Schulkommission zu etablieren. Die Bevölkerung wird sich im Rahmen der bereits bestehenden Schulkonferenz einbringen können.

Auf der Gemeindeverwaltung hat ein einschneidender Wechsel stattgefunden: Peter Weber geht nach 34 Jahren in Pension. Seine Nachfolgerin Sabrina Siegrist ist seit Anfang Januar im Amt (siehe Text unten).

Peter Weber wird Sabrina Siegrist bis Ende März beim Einarbeiten unterstützen. Dieses Vorgehen ist richtig, auch wenn es mit Kosten verbunden ist.

Stehen im Gemeinderat auf Ende der Amtsperiode Demissionen an?

Das kann ich noch nicht definitiv sagen. So wie es jedoch aussieht, werden wir mit relativ hoher Kontinuität in die nächste Amtsperiode gehen können.

Sabrina Siegrist ist seit dem 1. Januar Gemeindeschreiberin

Für die neue Kanzlerin ist mit dem Stellenantritt in Egliswil ein Traum in Erfüllung gegangen. Das verrät die 27-jährige Sabrina Siegrist im Dorfinformationsblatt «Us em Humbelhuus». Schon während der kaufmännischen Ausbildung, welche sie mit der Berufsmaturität abschloss, habe sie die vielseitigen Aufgaben auf einer Gemeindeverwaltung als spannend und bereichernd empfunden.

Das hat sich auch anschliessend nicht geändert, als Sabrina Siegrist auf der etwas grösseren Gemeindeverwaltung in Wohlen ihr Wissen vertiefte und sich mit Weiterbildungen für neue Aufgaben rüstete. Sie blicke mit grosser Motivation auf die neue Herausforderung, erzählt sie. Mit welchen Mitteln eine Gemeindeverwaltung gut funktioniert, weiss sie ebenfalls. «Es braucht Bürgernähe, Effizienz und ein gutes Arbeitsklima.»

Sabrina Siegrist wohnt in Meisterschwanden, wo sie auch aufgewachsen ist. Der soziale Kitt in einem Dorf ist ihr eine Herzensangelegenheit, weshalb sie sich für das Allgemeinwohl einsetzt. «Als Leiterin der Jugendriege und als Aktivmitglied engagiere ich mich im Turnverein. Zudem bin ich im Vorstand der Meitlisonntagsvereinigung Meisterschwanden tätig und setze mich für diesen einmaligen Brauch ein.» (str)