Wanderausstellung

Ohne Baumwolle wärs brenzlig geworden: Wie sich Boniswil zu einem Pionierzentrum entwickelte

Vor 300 Jahren mauserte sich Boniswil zum Pionierzentrum der Baumwollindustrie. Das ist Thema einer neuen Wanderausstellung.

Kümmerlich spriesst das Getreide, auf dem Pflanzblätz hinter dem Haus wachsen knorrig Kohl und Rüebli, im Stall steht klapprig eine Milchkuh. Ein paar Batzen lassen sich mit dem Getreide verdienen, zum Leben aber reicht es kaum. Den Menschen im Seetal steht das Wasser bis zum Hals, das Leben ist ein ständiger Kampf. Viele verlassen ihre Dörfer, wandern aus.

Das war vor 300 Jahren, anno 1719. Der Moment grösster Not, in dem die Berner Herren die Manufaktur-Ordnung erlassen; die rechtliche Grundlage für die Einführung der Baumwolltuchindustrie im Berner Aargau. Es ist der Moment, in dem sich Boniswil zum Pionierzentrum eines Industriezweiges mausert.

Plötzlich webte das halbe Dorf die meterlangen Tücher

Ausgerechnet Boniswil. Das Dorf auf der Schattenseite des Hallwilersees, knapp 200 Einwohner gross. Hier kauft ein gewisser Rudolf Holliger Rohbaumwolle und lässt seine Mitbewohner nach Zürcher Vorbild in Heimarbeit spinnen, spulen und weben. Das alles im sogenannten Verlagssystem: «Holliger blieb Eigentümer des Materials und bezahlte die Heimarbeiter bei Abliefern der fertigen Ware», sagt Daniel Humbel, Präsident der Historischen Vereinigung Seetal, der sich für die Wanderausstellung «Spurensuche zu den Anfängen der Baumwoll-Tuchfabrikation im Berner Aargau» mit der Boniswiler Geschichte auseinandergesetzt hat.

Es ist die Rettung des ärmlichen Dorfes: Durch dieses Verlagssystem konnten alle – eine gewisse Fingerfertigkeit vorausgesetzt – Vollzeit oder nebst der Arbeit auf dem Hof einen dringend nötigen Batzen dazuverdienen. Um 1800 produzierten 45 Weber und ihre Familien 3000 Tücher pro Jahr, jedes mit einer Länge von bis zu 19 Metern und einer Breite von gut einem Meter.

«Die Leute waren plötzlich unabhängig vom Wetter, vom Ertrag ihrer Felder. Das linderte die Not schlagartig», sagt Humbel. Das zeigt sich nicht zuletzt im Bevölkerungswachstum: Innert 100 Jahren verdoppelt sich die Einwohnerzahl auf knapp 400.

Am Wochenende startet in Boniswil die Wanderausstellung "Spurensuche" zu den Anfängen der Baumwollindustrie im See- und Wynental. Im Bild: Ein Spulrad aus dem 18. Jarhundert. Aufgenommen am 15. Oktober 2019 in Seengen.

Ein Spulrad aus dem 18. Jarhundert.

Am Wochenende startet in Boniswil die Wanderausstellung "Spurensuche" zu den Anfängen der Baumwollindustrie im See- und Wynental. Im Bild: Ein Spulrad aus dem 18. Jarhundert. Aufgenommen am 15. Oktober 2019 in Seengen.

Was im Seetal Rudolf Holliger ist, sind in Menziken seine Schwäger, die Brüder Martin und Samuel Weber. Ab 1725 ziehen sie auch in Reinach im Schneggli und im Grossen Schneggen eine Tuchfabrikation auf. «Von Menziken und Boniswil aus verbreiteten sich Spinnereien und Webereien epidemieartig über den grössten Teil des Berner Aargaus und die angrenzenden Gebiete», schreibt Heidi Neuenschwander in der Stadtgeschichte von Lenzburg. Lenzburg entwickelte sich zum Verlagszentrum und Speditionssammelpunkt für weisse und bedruckte Baumwolltücher.

Ohne Baumwollindustrie sähen das Seetal, das Wynen- und Ruedertal anders aus. Grund genug für ein Täler-übergreifendes Projekt: Nebst der Historischen Vereinigung Seetal beteiligen sich der Verein Hansjakob-Suter-Sammlung, das Museum Burghalde in Lenzburg, das Museum Schneggli in Reinach, das Webereimuseum Ruedertal in Schmiedrued und Museum Aargau mit dem Schloss Hallwyl an der Wanderausstellung. Dies im Rahmen des Aargauer Themenjahrs #zeitsprungindustrie.

Von Wynentaler Schlitzohren und erbosten Berner Herren

Die Besucher der Ausstellung erfahren nicht nur etwas zur Geschichte der Baumwollindustrie und bekommen historische Gegenstände zu sehen. «Wir wollen den Besuchern zeigen, wie mühselig und aufwendig es war, in der Baumwollindustrie zu arbeiten», sagt Humbel. Deshalb dürfen sie anpacken: Karden, Spinnen, Spulen, Haspeln, Weben, sogar Drucken können sie, mit alten Druckstöcken.

Alte Druckstöcke, wie sie früher für den Indienne-Druck gebraucht wurden.

  

Weniger zu sehen, dafür viel zu hören gibt es in Reinach: Ursula Rüesch erzählt von den Anfängen der Baumwollindustrie im Oberwynental. Stattfinden wird der Anlass in der BrauGarage hinter dem «Schneggen». Der Veranstaltungsort ist kein Zufall, wie Rüesch erklärt: «Die beiden damaligen Schneggen-Besitzer Hansjakob Hediger und Josef Weber waren Schlitzohren: 1762 begannen sie, ihre Stoffe selber zu bleichen und zu färben – ohne Bewilligung. Gemäss der Berner Herren waren das Bleichen und Färben beziehungsweise Drucken den Städten Aarau, Lenzburg und Zofingen vorbehalten.» Warum Josef Weber dann doch nicht hinter dem Grossen Schneggen ein «Farbhaus» bauen konnte – wohl das Vorgängerhaus der BrauGarage – und wie die Wynentaler die Berner besänftigt haben, wird Rüesch am Vortrag verraten.

Ziel der Ausstellung sei es, die Besucher auf eine Zeitreise zu schicken. «Wir wollen die Leute 300 Jahre zurückspringen lassen», sagt Rolf Urech von der Hansjakob-Suter-Sammlung. «Wir wollen ihnen zeigen, wie unsere Dörfer einst aussahen und wie unsere Vorfahren lebten, was sie bewegte und was sie bewegten.»

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