Lenzburg

«Oft wäre weniger etwas mehr»: Gewerbe-Präsident Erich Renfer über die Corona-Hilfsvorschläge

Der Lenzburger Gewerbe-Präsident Erich Renfer in der Lenzburger Rathausgasse.

Der Lenzburger Gewerbe-Präsident Erich Renfer in der Lenzburger Rathausgasse.

Der Lenzburger Gewerbe-Präsident Erich Renfer ist skeptisch gegenüber den stadträtlichen Corona-Hilfsvorschlägen und zu grossem Staatsinterventionismus. Laut ihm sollen bei der Vergabe von Aufträgen stattdessen gezielt ortsansässige Unternehmen berücksichtigt werden.

Erich Renfer (67) sass sechs Jahre lang für die SVP im Einwohnerrat Lenzburg. Der Immobilienunternehmer ist Präsident eines der wichtigsten Verbände in der Region, dem Gewerbeverein Lenzburg und Umgebung (320 Mitglieder). Er nimmt Stellung zum Geschäft «Corona­virus; Wirtschaftsförderung», über das der Einwohnerrat am kommenden Donnerstag befinden wird.

Herr Renfer, der Stadtrat will 500 000 Franken in ein Rabatt- oder Bonussystem investieren, mit dem der lokale Konsum angekurbelt werden soll. Geht es den Lenzburger Läden derart schlecht, dass so etwas nötig ist?

Erich Renfer: Sie werden sicher verstehen, dass ich nicht von jedem Fachgeschäft oder Unternehmen weiss, wie sein derzeitiger Zustand ist – aber für jeden aktiven Unternehmer könnte es am Ende des Tages sicher immer etwas mehr sein. Keiner von uns hat jemals eine Krise wie jetzt Corona erlebt. Die Folgen werden uns noch einige Zeit beschäftigen.

Finden Sie den Vorschlag des Stadtrates gut, oder ist es nur ein Tropfen auf einen heissen Stein?

Wenn einem der Staat etwas Gutes tun will, wie dies jetzt vom Stadtrat Lenzburg vorgeschlagen wird, steht dahinter immer eine Steuererhöhung. Denn letztlich ist es das Geld des Steuerzahlers, das der Staat ausgibt. Ich bin darum gegenüber dem Vorschlag des Stadtrates eher etwas kritisch eingestellt. Denn oft wäre weniger etwas mehr.

Erste Diskussionen deuten darauf hin, dass die Gewährung von Rabatten (5% für Güter des täglichen Bedarfs, 2,5% für Investitionen) administrativ ausserordentlich anspruchsvoll werden könnte. Wäre es nicht einfacher, wenn die Stadt jedem Lenzburger 50 Franken schenken würde?

Der Wirtschaft wäre nicht geholfen, wenn jeder Lenzburger 50 Franken erhalten würde, denn die angedachten Rabattsätze sollten eine Investitionswelle auslösen, die am Ende gesamthaft gegen 10 Millionen Franken Auftragsvolumen generieren sollten. Damit wäre auch sichergestellt das die 500000 Franken für Lenzburger Unternehmen verwendet werden.

Der Stadtrat denkt darüber nach, die Grossverteiler aus dem Bonussystem auszuschliessen. Was halten Sie davon?

Glücklicherweise mussten nicht alle Betriebe während des Lockdowns ihre Türen schliessen. Darum ist es sicher richtig, wenn nur die wirklich betroffenen Betriebe profitieren können und da gehören die Grossverteiler nicht dazu.

Was wäre in Ihren Augen in der aktuellen Situation eine ideale kommunale Wirtschaftsförderung?

Grundsätzlich steht es jedem Bürger frei, wo er seinen Einkauf tätigen will. Aber von der Stadtverwaltung könnte man erwarten, dass sie bei der Vergabe von Aufträgen gezielt ortsansässige Unternehmen berücksichtigt. Das wäre gut als kommunale Wirtschaftsförderung. Wie rasch sich das Gewerbe erholen wird, hängt aber letztlich von den Konsumentinnen und Konsumenten ab.

Sie warnen immer wieder vor zu grossem Staatsinterventionismus. Wie erleben Sie die Politik in den letzten Wochen?

Angst ist nie ein guter Ratgeber – und für Politiker schon gar nicht. Masshalten und ordnungspolitische Disziplin sind angezeigt. Gefragt ist eine Entlastung von Steuern und Abgaben statt der Einführung von neuen Belastungen. Die Stadt hat sich in der letzten Zeit sehr stark eingebracht mit Massnahmen und Ideen für die Unternehmen. Aber eine Untergangsstimmung ist aus meiner Sicht völlig fehl am Platz. Sicher sind die Betriebe auf Unterstützung angewiesen, aber dies kann nicht die Hauptaufgabe der Stadt Lenzburg sein. Daher wäre, ich sage se es nochmals, weniger etwas mehr.

Autor

Urs Helbling

Urs Helbling

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