Lenzburg
Observierter arbeitete trotz attestierter Arbeitsunfähigkeit

Das Bezirksgericht Lenzburg sprach einen 50-jährigen Mann der arglistigen Täuschung schuldig. Er soll die SUVA getäuscht und sich so unrechtmässig bereichert haben. Er wurde zu einer Geldstrafe von fast 30000 Franken verurteilt.

Noëlle König
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Bezirksgericht Lenzburg

Bezirksgericht Lenzburg

AZ

Bei einem Verkehrsunfall im Dezember 2005 hatte sich W. Verletzungen im Bereich der Wirbelsäule zugezogen. Trotz diverser ärztlicher Behandlungen konnten die Schmerzen nicht gelindert werden. Deshalb hatte der Hausarzt W. volle Arbeitsunfähigkeit attestiert.

Im April 2007 beauftragte die Haftpflichtversicherung der Unfallverursacherin, gestützt auf einen Betrugsverdacht, eine Firma mit der Überwachung des Angeklagten. Die Observation ergab, dass sich W. über einen Zeitraum von rund sechs Monaten, regelmässig acht bis neun Stunden pro Tag im Unternehmen seines Bekannten aufhielt und dort trotz seiner Arbeitsunfähigkeit schwere Arbeiten verrichtete.

Resozialisierung und Entzug

Der Beschuldigte wirkte bei der Gerichtsverhandlung angespannt aber ruhig. Die Befragung der zwei Zeugen, der Hausarzt und der zuständige Mitarbeiter der Suva, wo W. als Arbeitnehmer für Unfälle versichert war, und des Geschäftsführers der Firma als Auskunftsperson verfolgte W. aufmerksam. Bei seiner eigenen Aussage wirkte er nervös und musste von der Gerichtspräsidentin Eva Lüscher mehrmals angehalten werden, auf die gestellte Frage zu antworten und nicht abzuschweifen.

Wie auch der Geschäftsführer betonte W., dass er im Zeitraum April bis Oktober 2007 keiner bezahlten Tätigkeit in der Firma nachgegangen war, sondern lediglich Handlangerarbeiten verrichtet hatte. Sein Ein- und Ausgehen in dem Unternehmen sei ein Versuch gewesen, nach einem Jahr zu Hause wieder sozialen Kontakt herzustellen und von seiner Medikamentensucht loszukommen. W. erklärte der Geschäftsführer sei für ihn wie ein Ersatzvater gewesen, mit dem er sprechen, aber auch einfach schweigen konnte.

Hausarzt und Suva kein Verdacht

Der Hausarzt und der verantwortliche Mitarbeiter der Suva sagten aus, dass aus ihrer Sicht zu keinem Zeitpunkt der Verdacht bestand, W. hätte nicht wirklich Beschwerden. Weiter führte der Hausarzt aus, W. hätte während zwei Jahren Arbeitsunfähigkeit immer wieder selber die Initiative für neue ärztliche Behandlungen ergriffen.

Dieser Sachverhalt und auch die Tatsache, dass W. vor dem Unfall sehr sportlich gewesen sei und eine gute Arbeit hatte, führte der Verteidiger bei seinem Plädoyer als Grund für die Unschuld seines Mandanten an. Weiter forderte er, die Aufnahmen der Überwachung nicht als Beweismittel zuzulassen, weil sie unrechtmässig gewesen sei.

Schuldig im einfachen Betrug

Das Bezirksgericht war nicht der Meinung des Verteidigers. Dies verurteilte W. zu einer bedingten Geldstrafe von 210 Tagessätzen à 140 Franken. Laut Observation müsse man davon ausgehen, dass der Angeklagte 2007 arbeitstätig war. Die Überwachung von W., die durch die Haftpflichtversicherung der Unfallverursacherin in Auftrag gegeben worden war, war ausschlaggebend für die Verurteilung.

Auf die Forderungen der Haftpflichtversicherung ist das Gericht jedoch nicht eingegangen, da ihr gegenüber keine Täuschung durch W. stattgefunden habe. Anders würde das bei der Suva aussehen. W. habe in zwei Gesprächen im Zeitraum April bis Oktober 2007 darauf verzichtet, den Verantwortlichen seines Falls über seine Tätigkeiten aufzuklären und sich so der Täuschung schuldig gemacht.

Der Verteidiger von W. akzeptiert das Urteil des Bezirksgerichts nicht. Er legt Berufung ein, das Obergericht wird sich mit dem Fall befassen.