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Nostalgische Gefühle im Dorf: Warum 42 Dintiker einen Urnengang verhindern möchten

«Von weitem ballenbergmässig super schön»: Das Bauernhaus Oberdorfstrasse 13 mit seinem markanten Baum.

«Von weitem ballenbergmässig super schön»: Das Bauernhaus Oberdorfstrasse 13 mit seinem markanten Baum.

Am 18. Oktober geht’s an der Urne um die neue BNO – und damit um Häuser wie die «Oberdorfstrasse 13». Eine Gruppe von 42 Dintikern möchte die Abstimmung verhindern. Ihnen geht es vor allem darum, wie viel vom alten Dintikon erhalten bleibt.

Warum hat es der Gemeinderat Dintikon bei der Genehmigung der Bau - und Nutzungsordnung (BNO) so eilig? In der AZ vom 25. September schloss Christian Wernli nicht aus, «dass der Gemeinderat von privaten Bauherren oder Investoren unter Druck gesetzt wird». Wernli ist Sprecher der Gruppe von 42 Dintikern, die mittels Stimmrechtsbeschwerde die Urnenabstimmung vom übernächsten Wochenende, 18. Oktober, zu verhindern versuchen. Vorerst ohne Erfolg. Der Beschwerde ist die aufschiebende Wirkung aberkannt worden.

Angst vor alten Bauruinen

Eigentlich hätte die BNO an einer Gemeindeversammlung diskutiert und genehmigt werden sollen – mit der Möglichkeit für Änderungsanträge. Wegen Corona hat sich der Gemeinderat für den Urnengang entschieden. Wenn überhaupt, so hätten sich die Opponenten gewünscht, dass dieser frühestens am 29. November stattgefunden hätte und damit eine breitere Diskussion möglich gewesen wäre. Es geht den Opponenten darum, wie viel vom alten Dintikon erhalten bleiben soll.

Der Gemeinderat will dagegen nicht konservierend wirken, sondern eine Entwicklung ermöglichen. In den Abstimmungsunterlagen spricht er davon, es sei «von grosser Wichtigkeit, zu verhindern, dass durch zu restriktive Schutzvorschriften baulicher Unterhalt vernachlässigt wird oder sogar Bauruinen entstehen könnten». Er möchte eine Reihe von Objekten aus dem Volumen-, ja sogar dem (weitergehenden) Substanzschutz entlassen. Also letztendlich den Abbruch von beispielsweise ehemaligen Bauernhäusern ermöglichen.

Opposition fordert mehr Unterschutzstellungen

Ganz anderes fordert die Opposition. In der Abstimmungsvorlage heisst es: «Auf die vorgesehene Schutzentlassung sämtlicher Gebäude soll verzichtet werden, da damit einerseits der dörfliche Charakter und andererseits Freiräume in der Siedlung, welche einen wichtigen Beitrag an die Siedlungsqualität leisten, verloren gehen. Neben dem Verzicht auf die Schutzentlassung sämtlicher Gebäude sollen zusätzliche Gebäude wie zum Beispiel das Bauernhaus an der Oberdorfstrasse 13, das Bauernhaus an der Bachgasse 9 oder das Wohnhaus an der Hinterdorfstrasse 9 künftig geschützt werden.»

Als besonders exemplarisch erweist sich das Bauernhaus Oberdorfstrasse 13 mit seinem markanten Birnenbaum (Mostobst). In einem Leserbrief hat sich Mitbesitzerin Monika Widmer-Tanner zu Wort gemeldet. Die Liegenschaft liegt in der neuen BNO in der Dorfzone (zwei Vollgeschosse, maximale Höhe 12 Meter). Auf dem Gelände ist ein finanziell attraktiver Neubau möglich – falls das Haus nicht unter Schutz gestellt wird.

Die Abstimmung wird spannend

Monika Widmer-Tanner schreibt dazu: «Wir sind in diesem Haus aufgewachsen und kennen es deshalb (im Gegensatz zu den ‹besorgten Dintikern›) sehr genau.» Natürlich sehe die Fassade des alten Hofteils, auch dank des tollen Blumenschmucks, von weitem ballenbergmässig super schön aus. «Ein Blick hinter die Fassade zeigt aber, dass von der alten Behausung nichts mehr übrig ist!», so Monika Widmer. «Bereits vor über 30 Jahren wurden die aus feuerpolizeilicher Sicht nicht mehr bewohnbaren Räume ausgehöhlt und zu Tenne, Rüben- und Vorratskeller und Stall umgebaut. Die Zimmer im oberen Stock befinden sich ebenfalls in einem desolaten, unbewohnbaren Zustand.»

Für die Mitbesitzerin ist klar: «Die vor 60 Jahren an das alte Haus angebaute Scheune und das Wohnhaus sind weder besonders schön noch alt und deshalb ‹nichts Besonderes›.» Monika Widmer-Tanner bitte namens ihrer Schwestern, den Entscheid «nicht in nostalgischer Stimmung zu fällen, sondern der Abstimmungsvorlage des Gemeinderates positiv gegenüber zu stehen».

Es ist offen, ob der Souverän die Argumente wie beim Fallbeispiel Oberdorfstrasse 13 stärker gewichtet oder den Wunsch nach einem möglichst unveränderten, dörflichen Dorfbild. Die Abstimmung am 18. Oktober wird spannend.

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Autor

Urs Helbling

Urs Helbling

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