Stadtammann

Noch dieses Jahr erreicht Lenzburg 10'000 Einwohner

«Lenzburg ist und bleibt eine kleine Stadt, wir werden nicht mondän», sagt Stadtammann Daniel Mosimann.

«Lenzburg ist und bleibt eine kleine Stadt, wir werden nicht mondän», sagt Stadtammann Daniel Mosimann.

Der Lenzburger Stadtammann Daniel Mosimann (SP) erklärt im grossen Interview, an welcher Frage die Bahnhofsplanung zurzeit anstösst und in welche Richtung sich der Steuerfuss der Stadt bewegt.

Als Sie vor zehn Jahren erstmals für den Stadtrat kandidierten, erklärten Sie: «Es kann nicht das Ziel sein, nur einfach mehr Einwohner anzustreben.» Heute haben viele Lenzburger das Gefühl, genau das geschehe. Wichtig sei es, endlich 10 000 Einwohner zu haben (aktuell 9960). Stimmt das?

Daniel Mosimann: Seit meiner Wahl in den Stadtrat war es nie primäres Ziel, möglichst schnell 10 000 Einwohner zu erreichen. Das Ziel war, Lenzburg als attraktiven Wohn- und Arbeitsort weiter zu entwickeln und damit verbunden auch zu wachsen. Bei der Widmi war die Entwicklung nach der Revision der Bau- und Nutzungsordnung 1997 absehbar. Der Verkauf des Hero-Areals dagegen kam für die Stadt überraschend. Damit hatte man 2008 plötzlich zwei Boomzonen.

Wann wird Lenzburg 10 000 Einwohner haben?

Das wird im Verlauf dieses Jahres sein. Wir haben uns im Stadtrat seit 2012/13 intensiv mit der Weiterentwicklung von Lenzburg auseinandergesetzt. Die Räumliche Entwicklungsstrategie (RES) wurde unter anderem im Dialog mit der Bevölkerung erarbeitet. Wir stellen darin fest, dass Lenzburg bis 2030 auf eine Grösse von 12 000 bis 12 500 Einwohnern anwachsen kann. Dieses Wachstumspotenzial darf jedoch nicht isoliert betrachtet werden, sondern steht im Zusammenhang mit einer generellen Zunahme der Bevölkerung im Kanton Aargau.

Können Sie verstehen, dass viele Einwohner genug haben vom Bauboom?

Ja, das kann ich gut verstehen. In kurzer Zeit wird viel umgestaltet und gebaut und die Veränderungen können Sorge bereiten. Der Bauboom macht auch der Stadtregierung nicht immer nur Freude. Aber eines darf man nicht vergessen: Seit den 70er-Jahren bis Anfang 2000 zählte Lenzburg immer rund 7500 Einwohner. Das war eine Phase der Stagnation. Der Stadtrat hat deshalb Ende der 90er-Jahre beschlossen, eine Entwicklung anzustreben, mit welcher die Lasten auf viele Schultern verteilt werden können.

Wenn Sie das Rad zurückdrehen könnten, würden Sie versuchen, die Entwicklung zu bremsen?

Nein. Wenn Lenzburg boomt, heisst das ja andererseits auch, dass Lenzburg ein attraktiver Ort ist. Wachstum ist unter anderem das Resultat dieser Stärke. Wachstum bringt aber natürlich Veränderungen mit sich und auch mehr Einwohner. Die neuen Einwohner wiederum bringen frischen Wind und haben andere Ansprüche. Diese Herausforderung ist meiner Meinung nach wichtig für ein Gemeinwesen und auch für die Politik. Sie führt dazu, dass man nicht selbstzufrieden stagniert.

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie durch das Quartier «Im Lenz» laufen?

Es ist ein eindrückliches Quartier, sehr urban. Es kommt stark darauf an, von welcher Seite man es betritt. Wenn man vom Aabachpark herkommt, greift das Grün wie Finger ins Quartier. Das finde ich sehr schön. Wenn man das Quartier vom Bahnhof her betritt, wirkt es jedoch eher kühl. Das Areal um den Markus-Roth-Platz muss sich zusammen mit den Anwohnern, die gefordert sind, noch entwickeln.

Also muss noch ein bisschen Leben einziehen?

Ja, es muss Leben reinkommen. Man darf aber nicht vergessen, dass das Quartier noch nicht fertig gebaut ist. Das Hochhaus und die alte Spenglerei davor sind immer noch Baustellen. Entscheidend ist auch, dass die Erdgeschossnutzungen gefüllt werden, also die Gewerbeflächen.

Ursprünglich waren viele Eigentumswohnungen geplant, jetzt sind es vor allem Mietwohnungen. Was bedeutet das für die Stadt?

Mietwohnungen ergeben eine andere Bewohnerstruktur, einen anderen Mix. Das Angebot an Wohnungen hat sich aber nicht gross geändert. Es werden sicher Familien einziehen, aber auch vermehrt Pendler. Es gibt auch viele junge Leute, die dort zum ersten Mal eine eigene Wohnung haben und das Quartier «Im Lenz» als Sprungbrett brauchen, um sich umzuschauen, ob es auch noch etwas anderes gibt in Lenzburg.

Aber es ist schon so, dass Mietwohnungen für die Stadt anspruchsvoller sind, weil sie mehr Infrastruktur brauchen. Es hat weniger ältere Leute, die keine Kinder haben.

Es ist das Ziel des Stadtrats, dass wir eine gut durchmischte Bevölkerung haben. Das macht das Zusammenleben interessant. Wir merken natürlich, dass wir in der Schule erhöhten Raumbedarf haben. Wir mussten beispielsweise einen weiteren Kindergarten eröffnen und haben jetzt zehn Kindergartenabteilungen. Hier konnten wir einen alten Kindergarten wieder aktivieren. In der Primarschule führen wir ebenfalls zwei neue Abteilungen, aber wir sind mit dem künftigen Raumangebot im Angelrain gut aufgestellt. Das Oberstufenzentrum Lenzhard entwickelt sich ebenfalls gut, auch dort laufen wir nicht am Limit.

Wie können die neuen Quartiere («Im Lenz», Widmi) ein Teil von Lenzburg werden?

Es ist eine Frage der Integration – und Integration ist ein gegenseitiger Prozess. Die Quartiere sollen zusammenkommen und zusammenwachsen. Dafür müssen alle Bewohner Anstrengungen unternehmen und auch ein gewisses Verständnis füreinander entwickeln. Man sollte sich als Lenzburger das neue Quartier «Im Lenz» anschauen gehen und gwundrig sein, wie es dort ist. Wir haben das Glück, dass die Kulturkommission mit dem Projekt Transformator diese Veränderungen aufnimmt, aktuell zum Beispiel mit den Erdbeerfeldern und mit den folgenden Kulturveranstaltungen.

Kann Lenzburg den beschaulichen Kleinstadtcharakter behalten, wenn die Einwohnerzahlen so stark steigen?

Wir sind immer noch eine charmante Kleinstadt. Nur weil wir die 10 000er-Marke überschritten haben, werden wir nicht zur Grossstadt. Wir haben eine lebendige Altstadt mit Restaurants, Geschäften und einem hohen Wohnanteil, dieser Charakter wird sich nicht verändern. Lenzburg ist und bleibt eine kleine Stadt, wir werden nicht mondän.

Sind Sie eigentlich Profi-Politiker?

Ja, zurzeit beschäftige ich mich nur mit Politik. Mein Pensum als Stadtammann umfasst 75 Prozent, dazu kommen das Grossratsmandat und die Präsidien des Verbands Lebensraum Lenzburg-Seetal und des Abwasserverbandes.

Seit Januar haben Sie ein Doppelmandat Stadtammann/Grossrat. Wie hat sich das bewährt?

Das kann ich noch nicht wirklich sagen, denn bis jetzt hatten wir herzlich wenige Grossratssitzungen. So ist es schwierig, als Neuling in einen Rhythmus hineinzukommen. Was sich sicher bewährt, sind die überregionalen Kontakte, die man knüpfen oder weiter pflegen kann.

In Lenzburg scheint die Verkehrspolitik zehn Jahre hinter der baulichen Entwicklung herzuhinken. Das ist für eine Stadtregierung nicht eben ein Ruhmesblatt.

Zusammen mit dem Kanton sind wir daran, die Brennpunkte zu lösen. Es ist grundsätzlich schwierig, die Verkehrsinfrastruktur, vor allem für den Strassenverkehr, im Voraus, also vor dem Bau der Wohn- oder Gewerbegebäude, bereitzustellen, nicht zuletzt, weil man oft auf grossen Widerstand stösst. Jetzt steht zuerst die Sanierung des Knotens Neuhof an, als Anschlussprojekte folgen die Hendschikerstrasse und der Freiämterplatz. Dann werden die Niederlenzerstrasse und die Ringstrasse Nord in Angriff genommen. An der Verlängerung der Ringstrasse Nord arbeiten der Stadtrat Lenzburg und der Gemeinderat Niederlenz schon seit einiger Zeit. Die Prozesse dauern lange, weil immer wieder Einwendungen und Einsprachen gemacht werden.

Also muss dort am dringendsten etwas passieren?

Für den Stadtrat ist es absolut vordringlich, dass man mit der Sanierung des Knotens Neuhof starten kann. Dort wird eine Entflechtung erreicht, indem der Verkehr ins Freiamt direkt weggeführt wird. Dadurch bekommen wir Stauraum für das künftige Verkehrsmanagement. Wenn der Knoten fertig gebaut ist, wird der Verkehr mit Pförtneranlagen durch die Stadt gesteuert, dadurch wird die Staubelastung in der Stadt minimiert. Heute haben wir einfach einen einzigen langen Stau durch die Stadt hindurch.

Zeithorizont?

Wir beginnen im Frühling 2018 mit dem Spatenstich. Die Abstimmung war 2013. Wegen diverser Einwendungen wird es bis zum Baustart fünf Jahre gedauert haben.

Die Planung des Bahnhof-Neubaus scheint festgefahren zu sein. Müssten Sie nicht einmal laut und deutlich auf den Tisch klopfen?

Das Projekt ist nicht festgefahren. Wir haben zusammen mit den SBB den Zeitplan festgelegt. Die SBB haben 2014 entschieden, in Lenzburg einen ganz neuen Bahnhof mit breiteren, sichereren Perronanlagen und einem neuen Bahnhofsgebäude zu bauen. Aufgrund dieser neuen Ausgangslage wurde durch Stadt, Kanton und SBB die funktionale Studie Verkehr erstellt. Diese soll eine ideale Anordnung des Bushofs und ein reibungsloses Funktionieren der Verkehrsdrehscheibe am Bahnhof auch in Zukunft sicherstellen. Wir drängen nun auf einen baldigen Entscheid der SBB und des Bundesamts für Verkehr (BAV), ob es eine oder zwei Perronunterführungen gibt. Erst dann können wir mit der Planung des Bahnhofsumfelds weiterfahren.

Im Moment hängt es von der Frage ab, ob man eine oder zwei Unterführungen baut?

Der Bahnhof Lenzburg wurde ursprünglich für ca. 16 000 Ein- und Aussteiger pro Tag konzipiert. Heute steigen täglich 25 000 Personen um, und man rechnet damit, dass es 2030 rund 40 000 sein werden. Die Frage ist, ob man für all diese Leute einen einzigen grossen Perrondurchgang bereitstellt oder ob man zwei Unterführungen baut. Wir sind dezidiert der Meinung, dass es zwei braucht.

Wann erwarten Sie diesen Grundsatzentscheid?

Der Entscheid sollte im Verlauf dieses Herbsts gefällt werden.

Sie haben auch schon gesagt, dass Sie eine Zusatzrunde gemacht haben, damit das BAV auch im Boot ist. Faktisch erreichen Sie so Ende dieses Jahr erst, was Sie eigentlich vor einem Jahr haben wollten – einfach mit der Sicherheit, dass das BAV auch im Boot ist.

Ja, aber die Zustimmung des BAV ist für uns wirklich entscheidend. Wir wollen Planungssicherheit haben, ob es eine oder zwei Unterführungen gibt, denn davon hängt die Konzeption des Bushofes und des Park&Rides ab.

Nach dem BAV-Entscheid können wir eine Testplanung starten, die aufzeigen soll, was rund um den Bahnhof möglich ist, etwa für die Post, die SBB oder für die privaten Grundeigentümer.

Lenzburg hat einen Steuerfuss von 108 Prozent. Gibt es 2018 eine dreiprozentige Senkung, wie dies im Rahmen Lastenverschiebung hin zum Kanton Aargau versprochen worden ist?

Ja, die geben wir zurück.

In Lenzburg wird der Steuerfuss auf 105 Prozent sinken?

Ja, genau. Wir führen diesen Steuerfussabtausch durch, wie er beim Finanz- und Lastenausgleich vorgesehen ist.

Die FDP und die SVP haben einen Wahlpakt geschlossen. Sollten sie Erfolg haben, könnte das Regieren in Lenzburg für Sie schwierig werden. Haben Sie Respekt vor diesem Wahlausgang?

Ich habe Respekt vor jedem Wahlausgang. Entscheidend ist, wie wir nachher im Gremium miteinander umgehen. In der Regel macht man in der Exekutive nicht Partei-, sondern Sachpolitik. Dies wird hoffentlich auch nach diesen Wahlen so sein.

Die SP hat 1997 ihren zweiten Sitz an den wild kandidierenden Konrad Bünzli verloren. Warum glauben Sie, ihn jetzt mit Beatrice Burgherr zurückerobern zu können?

Es geht der SP nicht darum, einen verlorenen Sitz zurückzuerobern. Aber der SP ist es wichtig, dass den Stimmbürgerinnen und Stimmbürgern eine gute Auswahl an Kandidierenden präsentiert wird. In einem gut funktionierenden Gremium sind die Frauen angemessen vertreten. Mit Beatrice Burgherr stellt sich eine Frau zur Wahl, die sich in der Kulturkommission aktiv mit den brennenden Themen des Wachstums und der Integration von neuen Bevölkerungskreisen beschäftigt und konkrete Massnahmen umsetzt. Die SP erreichte bei den letzten Grossratswahlen in Lenzburg zudem den höchsten Wähleranteil und erhebt deshalb berechtigten Anspruch auf einen zweiten Sitz im Stadtrat. Die Wählerinnen und Wähler werden letztendlich entscheiden.

Woran liegt es, dass der Lenzburger Wahlkampf nicht dynamischer ist? Mag man nicht so streiten?

Es sieht fast so aus. Ich finde, Sachthemen und Sachfragen sind bisher nicht gross erörtert worden. Ich hoffe, dass sich das beim Podium nächste Woche ändert.

Ihnen kann es recht sein.

Ja, denn ich stelle fest, dass man in Lenzburg konstruktiv zusammenarbeitet und miteinander zu Lösungen kommt, sowohl im Einwohnerrat als auch im Stadtrat. In Lenzburg pflegt man generell einen höflichen und sachlichen Umgang miteinander. Dies ist nicht überall so.

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