Lenzburg
Neuzuzüger lernen Lenzburg kennen: «Jugendfest - was ist das?»

719 Personen haben im vergangenen Jahr in der Bezirkshauptstadt Wohnsitz genommen, 120 haben an der Veranstaltung für die Neuzuzüger teilgenommen. Unter ihnen der 8-jährige Mattin und seine Mutter.

Ruth Steiner
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Urs Schwager zeigt Mattin das fachgerechte Geisselschwingen.

Urs Schwager zeigt Mattin das fachgerechte Geisselschwingen.

Ruth Steiner

Mattin staunt: Vor dem Rathaus steht ein Herr im Frack, auf dem Kopf einen Zylinder. Neben ihm festlich gekleidete Mädchen, Blumenkränzli aus blauen Kornblumen und Schleierkraut im Haar. Sie schlottern vor Kälte in ihren dünnen weissen Sommerröckli. «Jugendfest - was ist das?» Vorerst versteht Mattin nur Bahnhof. Das kommt schon noch, beruhigt ihn seine Mutter.

719 Personen haben im vergangenen Jahr in der Bezirkshauptstadt Wohnsitz genommen, 120 haben an der Veranstaltung für die Neuzuzüger teilgenommen. Unter ihnen der 8-jährige Mattin und seine Mutter Sabina Skrijelj. Letzten August ist die Familie aus Basel zugezogen - rechtzeitig zu Beginn des neuen Schuljahres. Mattin besucht im «Lenzhard» die 2. Primarschule. Er habe bereits erste Freundschaften geschlossen, sagt er. Die Familie stammt aus Montenegro, Mattin ist in der Schweiz geboren.

Jetzt, auf dem Spaziergang durch die Altstadt vernimmt er als einer der neuen Mitbürger, wofür die Alteingessenen bei den Neu-Lenzburgern das Feuer entfachen wollen. Mit dem Begriff «Tradition» kann Mattin zwar nichts anfangen, umso mehr haben es ihm die Chlausklöpfer angetan. Und zwar so sehr, dass Mattin nach anfänglichem Zögern selber eine Geissel in die Hand nimmt und unter fachkundiger Anleitung über dem Kopf zu schwingen beginnt.

Die ersten Knall-Geräusche lassen nicht lange auf sich warten. Ein glückliches Lächeln huscht über Mattins Gesicht. Und er versuchts gleich noch einmal. - «Das kenne ich», sagt er bald darauf zu den Jungtambouren und zeigt auf ihre Trommeln. «Das hatten wir in Basel (Fasnacht) auch.»

Hingegen lassen ihn die in weisse Tücher gewandeten Schützen als Vertreter des Joggeli-Umzugs etwas ratlos zurück. Er weiss nicht so recht, was er damit anfangen soll, die Ausführungen der Präsidentin interessieren ihn wenig - Mattin schaut gelangweilt um sich. Ehrfürchtig blickt er dem Freischaren-General in seiner schmucken Uniform entgegen. «Das Freischarenmanöver ist ein einzigartiges Schauspiel, das Sie in dieser Form nirgends auf der ganzen Welt erleben können», verkündet Ursus del Polstero stolz.

Für die Neu-Lenzburger hat sich der General a.D. eigenhändig in die Uniform gestürzt. «Sind die Gewehre echt?», fragt Mattin die Kadetten, welche sich ausnahmsweise friedlich neben den Freischaren in Montur und Flinte präsentieren. Mattin traut der Sache nicht ganz, steht da, die Schultern leicht hochgezogen und lässt etwas Distanz zwischen sich und dem Geschehen - vorerst. Seine Mutter lacht, er sei halt so, wolle lieber auf Nummer sicher gehen.

Jugendfest

Und eben das Jugendfest. «Das ist der grösste und traditionsreichste Anlass, den Sie unbedingt besuchen müssen» wird Stadtammann Daniel Mosimann den Neuzuzügern später in seiner Begrüssungsrede ans Herz legen. Und er dämpft die allzu hohe Erwartung all jener, welche den Bezirkshauptort primär aus Standortüberlegungen zu ihrem neuen Wohnsitz gewählt haben. Weil sie hoffen, mit ihrem Auto allzeit freie Bahn in alle Richtungen zu geniessen. «Die verkehrstechnische Lage mit der direkten Anbindung an die Autobahn und das Netz der Schweizerischen Bundesbahn ist ein grosser Vorteil, doch zugleich auch eines der grössten Probleme der Stadt.» Vor allem der motorisierte Individualverkehr stehe zu Spitzenzeiten mehr, als er rolle. «Die verkehrspolitische Diskussion ist ein Dauerthema bei uns», sagt der Stadtammann.

Mattin kümmert dies noch wenig. Langsam taut er auf. Krieg mag er nicht, meint er, doch bei den Kadetten mittun, das wäre schon etwas. «Und die Kadetten gewinnen immer gegen die Grossen - ist das wahr?», fragt er mit ungläubigem Staunen. Er wird sich beim Freischarenmanöver davon überzeugen können. Bald schon. Als Zweitklässler dieses Mal noch auf den Zuschauerrängen.