Spitex Lenzburg

Neuorganisation des Krankenpflevereins dauert lange und kostet viel

Klientinnen und Klienten aus 10 Gemeinden werden vom Krankenpflegeverein Lenzburg betreut.

Klientinnen und Klienten aus 10 Gemeinden werden vom Krankenpflegeverein Lenzburg betreut.

Von Vetternwirtschaft, Begünstigung und Abzockerei ist die Rede beim Krankenpflegeverein Lenzburg. Was ist dran an den Vorwürfen über die fürstliche Entlöhnung des Interims-Geschäftsleiters, die hohe Personal-Fluktuation und die Statutenrevision?

Wie hoch darf der Lohn des Geschäftsleiters einer Spitex-Organisation sein? Gemäss Spitex-Richtlinien sollte sich der Jahreslohn bei einem Vollpensum zwischen 95000 und 120000 Franken bewegen. Markus Büchi, seit Anfang 2012 Geschäftsleiter ad interim des Krankenpflegevereins Lenzburg, soll da weit besser bedient sein. Herumgeboten wird: Büchis Stundensatz, aufgerechnet auf eine 100-Prozent-Stelle, ergebe ein Jahreseinkommen von über 400000 Franken. Zum Vergleich: Ein Aargauer Regierungsrat verdient rund 300000 Franken, ein Bundesrat etwa 420000 Franken. Markus Büchi garniere also – so wird moniert – einen unverhältnismässig hohen Lohn. Und das macht unter anderem die angeschlossenen Gemeinden hellhörig. Aber nicht nur dies.

«Es läuft nicht so, wie wir uns das vorgestellt hatten; es fehlt uns die Transparenz und wir sehen eine sehr hohe Fluktuationsrate beim Personal – auch in der Führung», räumt Hanspeter Gehrig, Gemeindeammann von Ammerswil, ein. Seine Gemeinde hat 2011 mit dem Krankenpflegeverein Lenzburg eine Leistungsvereinbarung abgeschlossen. «Tatsächlich haben wir auch schon daran gedacht, uns nach einer Alternative umzuschauen, falls sich nichts ändert.» Ist es das hohe Salär des Geschäftsleiters, das ihn besonders stört? Hanspeter Gehrig ist zurückhaltend, sagt aber: «Ich bin der Ansicht, dass alle Mitarbeitenden der Spitex recht entlöhnt werden müssen; aber der Ansatz des Geschäftsleiters ist schon sehr beeindruckend.»

«Diese Zahlen stimmen nicht», betont Marianne Scheuchzer, Präsidentin ad interim der Spitex Lenzburg. «Und auch die Ausgangslage ist eine andere. Markus Büchi ist nicht fest angestellt, sondern hat vom Vorstand ein Mandat mit entsprechenden Zielvorgaben erhalten. Wie viele Stunden für die Neuorganisation und die Interims-Geschäftsleitung benötigt werden, kann man zum heutigen Zeitpunkt noch nicht definitiv sagen. Wir gehen aktuell von einem 80-Prozent-Pensum aus.» Die Höhe des Stundensatzes will Marianne Scheuchzer aber nicht verraten. Markus Büchi selbst ist weniger zugeknöpft, wohl wissend, welche Zahlen herumgeboten werden. «Mein Stundenansatz bei Beratungsmandaten beträgt 220 Franken. Im Falle des Geschäftsleitungsmandats ist für 2012 ein Kostendach von 190000 Franken vereinbart, Leistungsziele und Kosten sind klar definiert.» Für das erste halbe Jahr weist Büchi nach eigenen Angaben Arbeitsstunden aus, die einem 80 Prozent-Pensum entsprechen. Die Aufrechnung auf ein volles Pensum ergäbe ein Jahreseinkommen von 237000 Franken.

So richtig gerumpelt hat es in der Spitex Lenzburg aber schon Mitte 2011. Das hat sich in einer eigentlichen Kündigungswelle (19 Kündigungen) manifestiert, Ende November wurde der bisherige Geschäftsleiter Gerhard Brunner nach nur einjähriger Tätigkeit freigestellt. Angesichts des Scherbenhaufens beschloss der Vorstand, eine «Neubeurteilung» der Spitex vorzunehmen. Als Berater wurde Markus Büchi verpflichtet. Vorstandsmitglied Markus Härdi hatte seine Kolleginnen und Kollegen auf Büchi aufmerksam gemacht, der mit seiner Beraterfirma seit Anfang 2011 in Räumlichkeiten an der Bachstrasse 40 in Lenzburg eingemietet war. Da diese Liegenschaft Markus Härdi selbst gehört, ist ein allfälliger Interessenskonflikt zwischen Mandatsvergabe und Vermietertätigkeit nicht von der Hand zu weisen. Zumal auch die Spitex in Härdis Liegenschaft eingemietet ist – und «nicht gerade günstig», wie es von dritter Seite heisst.

Von «Vetterliwirtschaft» will die Präsidentin nichts hören. «Markus Härdi hat uns Markus Büchi zwar als Berater vorgeschlagen, der Vorstand hat aber verschiedene Bewerber angeschaut, eine seriöse Evaluation vorgenommen und sich dann für Markus Büchi entschieden.» Ausserdem sei die Spitex schon seit 2006 in Markus Härdis Liegenschaft eingemietet. «Der Vorstand unter dem damaligen Präsidium von Peter Schmid hatte lange nach geeigneten Räumlichkeiten gesucht», erinnert sich Marianne Scheuchzer. «Diese zentral gelegenen Räumlichkeiten sind geradezu auf die Spitex zugeschnitten – und die Miete ist in all den Jahren gleich geblieben.» Geschäftsleiter Markus Büchi wird noch konkreter: «Für 190 m² Büroräumlichkeiten plus 70 m² Lagerraum bezahlen wir 3400 Franken Miete.»

Alles andere als günstig fiel offenbar das Honorar für Büchis Analysebericht aus, erstellt in den zwei letzten Monaten 2011. Doch dieses Honorar wird in der Erfolgsrechnung 2011 nicht erkennbar ausgewiesen. Sichtbar ist nur, dass der «Freie Fonds» – gespeist von Spenden und Legaten – gegenüber dem Vorjahr um fast 38000 Franken abgenommen hat, obwohl gegen 90000 Franken an Zuwendungen eingegangen waren. Die Jahresrechnung übrigens schloss mit einem Defizit von fast 120000 Franken ab. 2010 wurde noch ein Überschuss von fast 55000 Franken ausgewiesen. Dass Legatsgelder für die Beratertätigkeit verwendet werden, stösst auf Kritik, ja gar das Wort «Misswirtschaft» ist im Umlauf. Marianne Scheuchzer aber sagt: «Die Lage in der Spitex Lenzburg war damals aufgrund der vielen Kündigungen sehr kritisch; wir waren besorgt, unseren Auftrag nicht mehr erfüllen zu können.» Darum wurde dringend ein Berater benötigt. «Wir wollten aber die Gemeinden nicht mit den Mehrkosten belasten. Die Verwendung von Legatsgeldern zu diesem Zweck war absolut gerechtfertigt, weil das Ganze direkt dem Verein zugute kommt.»

Ammerswil hat bisher am besten der insgesamt 10 Gemeinden, die dem Krankenpflegeverein Lenzburg angehören, hingeschaut. «Wir haben unsere Überlegungen und Bedenken den anderen Gemeinderäten sowie der Spitex schriftlich mitgeteilt, Antworten haben wir nur teilweise erhalten», erklärt Hanspeter Gehrig. Als besonders seltsam stuft er die vorgeschlagene Statutenrevision ein. «Sie zielt darauf ab, den Gemeinden jegliche Einflussnahme zu entziehen.» Die Gemeinden haben zwar auch heute kein Stimmrecht, konnten aber in einer Vorversammlung ihre Anliegen einbringen. «Wenn die Gemeinden überhaupt nichts mehr zu sagen haben, ist das äusserst problematisch, da wir ja die Restkosten von über 40 Prozent der Gesamtkosten tragen müssen», sagt Hanspeter Gehrig. «Für die kleine Gemeinde Ammerswil macht das mehr als ein Steuerprozent aus.» Speziell findet er auch den Passus, der dem Vorstand das Recht einräumt, eine Revisionsstelle selber zu wählen – und auch wieder fristlos abzuwählen. «So etwas habe ich noch in keinen anderen Statuten gesehen.»

Der Widerstand der Gemeinden trägt nun zumindest einige Früchte. «Gemäss dem am Donnerstag erhaltenen Protokoll der Ausserordentlichen Abgeordnetenversammlung vom 12. Juni werden die Statuten in einigen Punkten überarbeitet. So soll künftig auch ein Gemeindevertreter dem Vorstand angehören», berichtet Hanspeter Gehrig. «Ein Zeitpunkt wird dafür allerdings nicht genannt. Ideal wäre jetzt, da die gültigen Statuten ohnehin 7 Vorstandsmitglieder vorschreiben – aktuell sind es deren 4.»

Marianne Scheuchzer meint: «Der Vorstand anerkennt, dass es extrem wichtig ist, die Gemeinden auf konstruktive Art wieder einzubinden. Markus Büchi führt weiter aus: «Wir beabsichtigen, mit den Gemeinden alljährlich über die Restkostenfinanzierung neu zu verhandeln. Und er hält gute Neuigkeiten für die 10 Gemeinden bereit: «Ich habe jetzt schon für das kommende Jahr ein Sparpotenzial von – vorsichtig geschätzt – 100000 Franken geortet.» Die Hälfte davon soll bei der Buchhaltung eingespart werden, als neue Mandatsträgerin soll die BDO Visura AG zum Zuge kommen; allerdings fungiert die Visura bereits als Revisionsstelle. «Eine unsensible Wahl» kritisiert ein Spitex-Mitglied.

An der Mittgliederversammlung am Mittwoch wurde der Vorstand vielleicht zum ersten Mal mit konkreten und kritischen Fragen konfrontiert. Es habe aber, rapportiert ein Teilnehmer, nur «ausweichende Antworten» gegeben. Anders haben es Marianne Scheuchzer und Markus Büchi erlebt, sie seien froh gewesen, die Mitglieder aus erster Hand informieren zu können. Denn: «Seit März läuft eine Kampagne unter der Gürtellinie gegen Vorstand und Geschäftsleitung», sagt Büchi. «Sie kostet uns viel Zeit und Energie.» Er hat ein gewisses Verständnis für jene, die an den alten Strukturen hängen, ist aber überzeugt, dass die Spitex Lenzburg den Sprung vom kleinen Krankenpflegeverein zur grossen Organisation mit 10 angeschlossenen Gemeinden noch nicht geschafft hat. «Wir wollen nicht alles über den Haufen werfen. Sogenannt Altbewährtes muss indes hinterfragt werden. Was gut und sinnvoll ist, bleibt bestehen. Aber an Orten, an denen unnötig Kosten entstehen oder Arbeitsabläufe nicht schlank abgewickelt werden, ist eine Veränderung mit Blick auf eine nachhaltige Entwicklung zwingend notwendig.»

Voraussichtlich im Frühjahr 2013 soll die Neustrukturierung der Spitex Lenzburg abgeschlossen sein. Erst dann wird der unterdotierte Vorstand komplettiert, die Interims-Präsidentin das Amt und Markus Büchi sein Geschäftsleiter- und Beratermandat abgeben. Zwar könnte man die künftigen Amtsträger schon jetzt ins Boot holen und sie an der Zukunft mitbauen lassen – Vorstand und Geschäftsleitung finden das aber wenig sinnvoll.

Nicht mehr im Boot ist dann Roswitha Süess, externe Beauftragte für die Buchhaltung. Sie will sich aber nicht äussern zur ganzen Situation. Doch es ist bekannt, dass sie auf Ende Juni ihr Mandat bei der Spitex Lenzburg gekündigt hat. Anzunehmen ist, dass sie Entscheide von Geschäftsleitung und Vorstand nicht mittragen will oder kann. 16 Jahre lang war sie Finanzverantwortliche des Krankenpflegevereins.

Seit Anfang Jahr haben 11 Mitarbeiterinnen gekündigt, vor der Krise waren es jeweils eine bis zwei pro Jahr. Kein Grund zur Beunruhigung für die Präsidentin. «Neuorganisationen haben immer eine gewisse Fluktuation zur Folge. Die meisten, die in diesem Jahr gekündigt haben, waren noch vom vorherigen Geschäftsleiter unter anderen Voraussetzungen angestellt worden; dafür kommen jetzt Leute zurück, die während der Tätigkeit des früheren Geschäftsleiters gekündigt hatten.»

Meistgesehen

Artboard 1