Sylvia Baumann ist Bewohnerin der ersten Stunde. Die 84-Jährige hat sich kurz, nachdem die Wohnungen ausgeschrieben waren, eine 2,5-Zimmer-Wohnung reserviert. Am 1. September, als die Schlüssel für die neuen Alterswohnungen in der Lindenmatt übergeben wurden, ist Sylvia Baumann mit Sack und Pack eingezogen. Ihre Familie habe ihr dabei geholfen, erzählt sie. Stolz führt sie durch die Räume, die sie sich mittlerweile wohnlich eingerichtet hat. Es ist offensichtlich: Sylvia Baumann ist in der «Lindenmatt» angekommen. Trotzdem denkt die rüstige Seniorin immer noch gerne an die Zeit vorher und erzählt, was sie zum Umzug bewogen hat. «Wir hatten ein schönes Haus mit Umschwung hier in Fahrwangen. Aber am Ende konnte ich den Garten nicht mehr instand halten, das Jäten und Laub rechen jeden Tag wurde mir zu viel. Deshalb habe ich mich zu diesem Schritt entschieden. Sobald meine Möbel in der Wohnung waren, fühlte ich mich zu Hause», erzählt Sylvia Baumann. Sie ist gerade dabei das Mittagessen vorzubereiten. Auf dem Tisch steht bereits eine Apfelwähe bereit. Sylvia Baumann schaut aus dem Fenster auf die Laube: «Ich wohne gerne hier – die Nachbarn sind sehr nett», sagt sie. Schon jetzt freut sie sich auf das Programm der kommenden Woche. «Am nächsten Donnerstag backen wir zusammen Guetzli im Gemeinschaftsraum.»

In der «Lindenmatt» in Fahrwangen bietet die Wohnbau-Genossenschaft Oberes Seetal (WGOS) mit den neuen Alterswohnungen Seniorinnen und Senioren mehr als nur ein Dach über dem Kopf an. Das Wohnprojekt «Wohnen im Alter» stehe für Wohnen mit Mehrwert, heisst es. Den Bewohnern steht eine Betreuungsperson und bei Bedarf auch die Spitex Oberes Seetal zur Verfügung.

Hilfe zur Selbsthilfe

Den Anstoss für das neue Wohnmodell gab der Altersheimverein Fahrwangen-Meisterschwanden. Mit der Spitex Oberes Seetal konzipierte man dann das Projekt «Wohnen im Alter». Dabei entstanden 1- bis 3,5 - Zimmer-Wohnungen für Menschen im Alter von 60 bis 90 Jahren. Zu den Wohnungen hinzu kommt ein Gemeinschaftsraum und eine grosse Sonnenterrasse. Im Parterre ist die Spitex Oberes Seetal einquartiert. Ab kommendem Monat leben 14 Senioren aus Fahrwangen, Meisterschwanden, Bettwil und Sarmenstorf in der Überbauung. Nur drei Wohnungen sind noch leer. «Die Belegung hat meine Kalkulation übertroffen», erklärt Martin Biedermann, WGOS-Vorstandsmitglied.

Genossenschafter ist neben den Mieter auch die Gemeinde Fahrwangen, die mit einem Legat Genossenschaftsanteile gezeichnet hat. «Mit Ausnahme der Photovoltaikanlage sind keine Steuergelder in das Wohnprojekt geflossen», hält der WGOS-Präsident Daniel Kühne fest. Zudem wurde das Projekt von der «Age-Stiftung» mit einem Förderbetrag begünstigt. Die Stiftung unterstützt Projekte, die innovativ und nachahmungswürdig sind. Mit dem Fördergeld konnte das Herzstück, der Gemeinschaftsraum, gebaut werden.

Die Idee der Wohnbau-Genossenschaft ist es, den Zusammenhalt der Wohngemeinschaft und die Hilfe zur Selbsthilfe zu fördern. Laut Kühne kommt dem Gemeinschaftsraum eine zentrale Funktion zu, als Ort des geselligen Beisammenseins, für Geburtstagsfeste oder kleine Kaffeekränzchen. Die WGOS hat den Raum vollständig möbliert. In der dazugehörenden Küche kann gemeinsam gekocht werden.

Auf dem Tisch liegt an diesem Morgen ein angefangenes Puzzle. Daneben liegt ein Zettel, auf dem steht: «Niemand muss müssen, aber alle die wollen müssen dürfen mit Vergnügen.» Biedermann lacht. «Diese Aufforderung trifft unsere Vorstellung genau», erklärt er und betont, es sei wichtig, dass das Begleit- und Betreuungskonzept flexibel und auf die Bedürfnisse der Bewohner ausgerichtet sei.

Zusammen einen Jass klopfen

Den Bewohnern steht auch eine Begleit- beziehungsweise Betreuungsperson zur Seite. Mit einem Pensum von 10 Prozent sorgt Margrit Massmann dafür, dass die Abläufe in der Wohnbau- Genossenschaft funktionieren und eine gewisse Kontinuität geschaffen wird. Massmann ist sozusagen die Haus-Animatrice: Sie soll initiieren, vermitteln und unterstützen. «Fürs Erste haben wir einen monatlichen Bewohnertreff geplant», erklärt sie. Zwei Treffen haben bereits stattgefunden. Massmann ist zufrieden mit dem Ergebnis. «Die Bewohner zeigen Interesse am Angebot.» Bei der letzten Zusammenkunft habe sie vor allem festgestellt, «dass das Bedürfnis zu reden da ist». Margrit Massmann organisiert zudem Zusammenkünfte zu verschiedenen Themen. Daneben steht es den Bewohnern frei, selber Anlässe auf die Beine zu stellen. Oder ganz einfach Vorschläge vorzubringen. Kühne lacht und sagt: «Man könnte beispielsweise einen Jass klopfen.» «Wir hoffen, dass der Gemeinschaftsraum rege benutzt wird, dass Fonduessen oder Grillabende zum Selbstläufer werden», erklärt Martin Biedermann. Ideen, den Alltag in der «Lindenmatt» zu gestalten, sind viele da: Nachbarschaftshilfe, freiwilligen Arbeit und Micro Jobs gehören dazu. Daniel Biedermann schmunzelt. «Einer der Bewohner ist pensionierter Elektriker. Er wurde bereits zur Hilfe gerufen, als eine Lampe kaputt ging und ein Fernseher ausstieg.» Das Angebot sei vielfältig, man wolle die Bewohner dazu animieren aktiv zu sein. «Zudem sollen die Bewohner, wenn sie dies möchten, kleinere Hauswartsarbeiten übernehmen können, die mit einem Taschengeld vergütet werden.»

Wohnmodell mit Zukunft

Wohnmodelle, wie dasjenige in Fahrwangen, haben Zukunft. Wie die kantonale Fachstelle «Alter und Familie» aufgezeigt, sind die heutigen Seniorinnen und Senioren länger gesund und aktiv und möchten möglichst lange selbstständig wohnen. Alterswohnungen sollen diesem Bedürfnis Rechnung tragen: kleinere, zentrale, hindernisfreie Wohnungen, für Menschen mit punktuellem Unterstützungsbedarf. Diesem Auftrag will die WGOS nachkommen. Mit dem regionalen Angebot «Wohnen im Alter» will die Genossenschaft sowohl für die finanzielle Entlastung des Kantons, sowie für die psychologische Gesundheit ältere Menschen sorgen. In der Zukunft hofft sie auf mehr Interesse der Behörden der Nachbargemeinden. Eine regionale Koordination von ähnlichen Projekten ist unabdingbar, wenn Doppelspurigkeiten und lokale Überkapazitäten vermieden werden sollen. Alle sind sich einig: Im Alter soll niemand alleine sein.