200 Jahre alt

Neues Kapitel in der Baumtragödie: Politische Krise wegen einer Edelkastanie

Edelkastanien sind schön - dass eine gefällt wurde, sorgt nun für Ärger.

Edelkastanien sind schön - dass eine gefällt wurde, sorgt nun für Ärger.

Bei der zentralen Frage zur gefällten Edelkastanie driften die Meinungen von zwei Lenzburger Experten auseinander.

Das Fällen einer alten Edelkastanie am Steinbrüchliweg hat in Lenzburg zur nächsten politischen Krise geführt. Angefangen hat die leidige Geschichte im vergangenen Herbst, als der Baumbesitzer mit einer Notiz an seiner Garage die Nachbarschaft über die geplante Fällung des 200-jährigen Baumes informierte. Kurz vor Weihnachten gipfelte die Auseinandersetzung in einer öffentlich erhobenen Anschuldigung der SP gegen den Stadtrat, einseitig über das Ergebnis eines in Auftrag gegebenen unabhängigen Gutachtens informiert zu haben.

Nun haben sich gleich zwei Lenzburger Experten zu Wort gemeldet. Andres Schmocker, Baumsachverständiger und Naturgartenfachmann, und Brigitte Vogel, Gartenbauingenieurin und Teilzeitbäuerin hinter dem Gofi, geben ihre Sichtweise auf die Baumtragödie bekannt.

«Mit der Edelkastanie am Steinbrüchliweg wird der wohl älteste Baum im Siedlungsgebiet von Lenzburg gefällt», sagt Andres Schmocker und bedauert, dass man mit der Kastanie nicht fürsorglicher umgegangen sei. Der Baumexperte hält fest: «Es wären noch diverse, weniger einschneidende Massnahmen möglich gewesen. Eine Fällung ist immer die allerletzte Option für ein derartiges Baumdenkmal. Ein Gutachten hat sich sogar für die Erhaltung dieses Baums ausgesprochen. Wichtig ist jetzt, dass man zusammensitzt, in Lenzburg endlich Weichen stellt und klare Fakten schafft, dass in Zukunft so etwas nicht mehr passiert.

In Zeiten des Klimawandels, der Biodiversität und der Wichtigkeit von Schutzkonzepten, dem Wissen um die vielen Mikrohabitate, des CO2-Eintrages von alten Bäumen und letztlich der monumentalen Stammansicht und der grossartigen Ausstrahlung eines solchen Baumes, ist die viel gepriesene Ersatzpflanzung keine Option. Sie kann auch ohne vorangegangene Fällung erfolgen.»

Lenzburger Experten wurden übergangen

Schmocker ist enttäuscht, dass Lenzburger Baumsachverständige und diesbezüglich stark engagierte Vereine (Natur und Vogelschutzverein Lenzburg und Gartenbauverein Lenzburg, www.baumtrilogie.ch) zum Thema gar nicht erst zu Rate gezogen wurden. «Sie wurden bei der Meinungsbildung schlichtweg ignoriert.» Und weiter: «Dem Stadtrat von Lenzburg wird dringend empfohlen, die Verantwortung für solch wichtigen städtischen Anliegen in Hände zu geben, die das notwendige Verständnis, den Mut, die Energie und das entsprechende Durchsetzungsvermögen für einen optimalen Baumschutz aufbringen!» Andres Schmocker war viele Jahre lang Mitglied der Natur- und Landschaftskommission. Im vergangenen Sommer wurde er in diesem Gremium von der Gartenbauingenieurin Brigitte Vogel abgelöst, welche sich ebenfalls zur Kastanie äussert. «Jeder Baum ist ein einzigartiger Lebensraum für viele Kleintiere, Vögel und Insekten, ebenfalls ein bedeutendes Habitat», sagt sie und hält weiter fest: «Ich habe das Gutachten aufmerksam studiert und mit Befremden festgestellt, dass die Medienmitteilung der Stadt Lenzburg anders tönt, wichtige Argumente verschwiegen werden.»

Technische Hilfsmittel sind nicht immer zielführend

«Im Gutachten werden die wertvollen Eigenschaften eines solch alten Baumes hervorgehoben und dieser wichtige Lebensraum ist absolut unbestritten. Beim Stichwort ‹Baumkronensicherung› müssen aber spätestens die Alarmglocken läuten. Von niemandem wird erwähnt, dass das Gutachten ausdrücklich darauf hinweist, dass mit der nötigen Baumkronensicherung dieser Baum als erhaltenswert eingestuft wird.» Zur Sicherungsfrage sagt Brigitte Vogel: «Sobald bei einem Baum mit technischen Hilfsmitteln die Baumkrone gesichert werden muss, ist es aus meiner Sicht sehr fraglich, ob dieser Eingriff das Leben des Baumes sinnvoll verlängert oder ob es für die Natur nicht zielführender ist, einen neuen Baum zu pflanzen. Selbstverständlich braucht jeder Baum wieder viele, sehr viele Jahre, bis er zu einem annähernd ebenbürtigen Habitat wird. Diesbezüglich ist es wichtig, dass ein Baumbestand in einem gewissen Abstand laufend erneuert wird, damit nicht auf einmal zu viele Bäume ersetzt werden müssen.» Sie könne es sich leisten, auf den Weiden am Goffersberg sehr wichtiges Totholz stehen zu lassen, da es keine Sicherheitsbedenken gebe bei einem Wintersturm, erklärt Brigitte Vogel. Sie plädiert dafür, dass in der Stadt vermehrt Bäume gepflanzt werden zur Verbesserung des Klimas.

Vogel zeigt sich erfreut, darüber, «dass der von der Bauherrschaft versprochene Ersatz anscheinend auch schon eine stattliche Grösse für eine Neupflanzung aufweist». Sie werde dem Stadtrat ebenfalls ans Herz legen, dass er die Bauherrschaften künftig auf den Erhalt von Bäumen hinweise oder aber einen ansprechenden Ersatz fordere, der in weiterer Zukunft seine positiven Eigenschaften für die gesamte Bevölkerung von Lenzburg bringe.

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