Raser-Urteil

Nebelfahrt: Der Todesfahrer von Seon muss elf Jahre ins Gefängnis

Das Bezirksgericht Lenzburg hat den Verursacher einer Frontalkollision, bei der zwischen Seon und Schafisheim am 2. November 2014 zwei Menschen starben, zu einer Haftstrafe von elf Jahren verurteilt. Die Höhe der Strafe überrascht.

In der Nacht auf den 2. November 2014 fuhr Paolo Chiesa (Name geändert) kurz nach ein Uhr mit seinem Mazda von Seon nach Schafisheim. Es herrschte dichter Nebel, die Fahrbahn war feucht. Vor Chiesa fuhren hintereinander ein Skoda und ein Toyota. Trotz unübersichtlicher Rechtskurve und ausgezogener Sicherheitslinie überholte Chiesa die beiden Autos, beschleunigte auf 133 km/h und kollidierte auf der Gegenfahrbahn mit einem korrekt entgegen kommenden Personenwagen, in dem zwei befreundete Ehepaare unterwegs waren. Bei der heftigen Kollision kamen zwei Menschen ums Leben, drei Personen, darunter der Unfallverursacher, wurden schwer verletzt.

11 Jahre für Todesraser von Seon

11 Jahre für Todesraser von Seon

Zwei Unbeteiligte tötete der 32-Jährige 2014 mit seinem fahrlässigen Überholmanöver. Das Urteil des Bezirksgerichts Lenzburg fällt nun noch härter aus, als gefordert.

Todesfahrer ohne Erinnerung

Vor Gericht erklärte Chiesa, er habe keinerlei Erinnerung mehr an die Nacht des 2. Novembers, könne deshalb auch keinerlei Angaben zum Unfallhergang machen. Aber er wünschte sich, er könnte sich erinnern, und was er da angerichtet habe, tue ihm «mega leid».

Basierend auf den Angaben von Polizei und Zeugen hatte die Untersuchungsbehörde eine 3-D-Animation erstellt, die virtuell zeigte, was in jener Nacht geschah, wie und mit welcher Wucht es zur Kollision kam. Mehrmals musste sich der Beschuldigte die Animation ansehen.

Für den Staatsanwalt war die Sache klar: Chiesa kannte die Strecke von Seon nach Schafisheim. Er wusste, dass da die Sicherheitslinie war und ein Überholverbot. Er sah, dass er nichts sah; die Strecke war unbeleuchtet und dichter Nebel hüllte alles ein, er wusste, dass andere Fahrzeuge entgegenkommen konnten.

Verkehrssünder: Für acht Jahre hinter Gitter?

Verkehrssünder: Für acht Jahre hinter Gitter? (Januar 2016)

Ein 30-Jähriger fährt letzten November bei schlechter Sicht zwischen Seon und Schafisheim viel zu schnell in eine Rechtskurve und prallt frontal in das entgegenkommende Auto. Nun drohen ihm acht Jahre Haft.

Dennoch riskierte Chiesa das waghalsige Überholmanöver, bremste nach dem ersten Auto nicht ab, obschon das möglich gewesen wäre. Chiesa wollte Verkehrsregeln brechen, er habe die Pflichten des Fahrzeuglenkers bewusst verletzt, er habe eine Kollision und die Gefährdung von Menschenleben in Kauf genommen, eine Art russisches Roulette gespielt. Damit habe sich Chiesa der eventualvorsätzlichen Tötung und der eventualvorsätzlichen Körperverletzung schuldig gemacht und sei zu einer Freiheitsstrafe von acht Jahren zu verurteilen.

Im Gerichtssaal anwesend waren auch Angehörige der beiden Opfer mit ihrem Anwalt. Er erklärte, welche Auswirkungen der Unfall auf die beiden Familien hatte, dass die Verletzten noch immer mit den Folgen zu kämpfen hätten. Er bemängelte, dass sich Chiesa nie bei den Familien gemeldet und entschuldigt habe. Und er teilte mit, dass auf Chiesa noch happige Schadenersatzforderungen zukommen.

Verteidiger: 24 Monate bedingt sind genug

Der Verteidiger argumentierte, es handle sich keinesfalls um eventualvorsätzliche Tötung und Körperverletzung, sondern es gehe bloss um fahrlässige Tötung und schwere Körperverletzung. Dafür sei der Beschuldigte mit 24 Monaten Gefängnis, bedingt erlassen, zu bestrafen.

Der Verteidiger erklärte, wie schwierig die Abgrenzung zwischen eventualvorsätzlich und fahrlässig sei; dass man im Zweifelsfalle für den Angeklagten entscheiden müsse und um einen solchen Zweifelsfall handle es sich hier. Denn die 3-D-Simulation zeige zwar einem möglichen Ablauf des Geschehens in der Unglücksnacht. Doch was genau geschehen sei, werde man wohl nie erfahren; auch, weil sich der Beschuldigte nicht erinnern kann. Der Beschuldigte habe zwar mehrfach falsche Entscheidungen getroffen, aber keinesfalls bewusst das Leben anderer Menschen aufs Spiel gesetzt. Deshalb: fahrlässig ja, aber keinesfalls eventualvorsätzlich.

Kapitalverbrechen: Tatwaffe Auto wird vernichtet

Nach kurze Beratung präsentierte das Bezirksgericht Lenzburg unter Leitung von Daniel Aeschbach das überraschend harte Urteil: Chiesa wurde der mehrfachen eventualvorsätzlichen Tötung und der mehrfachen eventualvorsätzlichen schweren Körperverletzung schuldig gesprochen und zu einer Freiheitsstrafe von elf Jahren verurteilt. Das Auto als Tatwaffe wird vernichtet. Es handle sich um ein Kapitalverbrechen; das Verschulden Chiesas wiege schwer, sagte Aeschbach . Durch seine Handlungsweise habe der Beschuldigte die tödlichen Folgen bewusst in Kauf genommen. «Kein vernünftiger Mensch überholt in dieser Rechtskurve, auch nicht bei stahlblauem Himmel», sagte Aeschbach.

Die Verteidigung prüft den Weiterzug des Urteils ans Obergericht.

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Autor

Jörg Meier

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