Niemand mag ihn, den Frühlingsputz. Doch stellen Sie sich einmal vor, Sie müssten nicht nur die Stube kehren, zwei Teppiche ausklopfen und ein paar Fenster putzen, sondern 35 Räume schrubben, 50 Topfpflanzen aus dem Keller räumen, drei Kubikmeter neuen Kies auf dem Vorplatz verteilen und tausende Quadratmeter Garten jäten und neu bepflanzen.

Das alles ist nötig, um das Schloss Lenzburg noch vor der Saisoneröffnung am kommenden Freitag auf Vordermann zu bringen.

Tönt anstrengend, ist es auch. Doch Schlossverwalter Peter Jud und seine Helfer strotzen vor Tatendrang. Dienstag, morgens um 10 Uhr auf dem Schlosshof: «Ich zieh’ den Japaner rauf», ruft Jud und drückt den Knopf am Galgenkran neben der Schlosskasse. Seit dem 17. Jahrhundert hievt der Kran Lasten vom Vorplatz in den Schlosshof. Früher betrieben ihn die Schlossherren mit dem riesigen Laufrad aus Eichenholz, das noch immer neben dem Kran steht.

«Das funktioniert theoretisch noch. Seit ein paar Jahren aber hat der Kran zum Glück einen elektrischen Motor», sagt Jud, zieht den mit Kies beladenen «Japaner» (so nennt er die alte Garette) zu sich heran und rennt los über den Schlosshof um das neue Kies zu verteilen.

Oleander mit Sonnenbrand

Jud ist eigentlich Geschäftsführer der Stiftung Schloss Lenzburg. Doch beim Frühlingsputz packt er, der normalerweise in seinem Schlossbüro sitzt, tatkräftig mit an. Noch sind die beiden Schlossbrunnen leer, noch sind nicht alle Primeli gepflanzt, noch ist nicht aller Kies verteilt, aber Jud ist zuversichtlich, dass die «Schlossputzete» auch in seinem 20. Jahr auf der Lenzburg rechtzeitig fertig wird. «Der grosse Rittersaal ist jedenfalls ‹scho gschläcket› und auch den kleinen schrubben wir noch.»

Und über Ostern will Jud dann auch die Oleander, die an der Wand des Ritterhauses stehen, im Schlosshof verteilen. «Die überwintern wir im Rittersaal. Die ersten Tage im Frühling stellen wir sie an den Schatten, sonst kriegen die Sonnenbrand», sagt Jud und rennt mit dem leeren Japaner zurück zum Galgenkran.

Neue Ausstellung für junge Schlossfans

Weniger eilig hats Martina Huggel, Kuratorin des Schlossmuseums. Sie sitzt in der Schlossbibliothek und schwärmt von sprechenden Bäumen. Der 150-jährige Trompetenbaum, der neben dem Schlossbrunnen steht, erzählt ab dem 3. Mai nämlich Geschichten. Er ist eine von mehreren Installationen, die auf verschiedenen Aargauer Schlössern und Burgen im Rahmen der Ausstellung «Ganz Ohr!» Geschichte hörbar machen.

Bis die Hörtrichter angeliefert werden, hat die Museumskuratorin aber noch viel zu tun. «Wir müssen zum Beispiel alte Originaldokumente, die im Staatsarchiv überwintert haben, abholen und neue Pergamentblätter für die Besucherurkunden zurechtlegen», erzählt Huggel, die mit ihrem Team den ganzen Winter über an neuen Ausstellungskonzepten gefeilt hat.

Für ihre Arbeit kann sie sich frei aus der knapp tausendjährigen Schlossgeschichte bedienen. «Am 30. April eröffnen wir dann unsere neueste Ausstellung. Sie wurde von Kindern mitgestaltet, richtet sich an 8- bis 13-jährige Schlossfans und wird super spannend!» Mehr will Huggel noch nicht verraten.

30 Franken für Fauchi

Alle Hände voll zu tun hat Betriebsleiter Thomas Welte. Er ist so etwas wie der Schlossabwart und sorgt dafür, dass im Museum alles rund läuft. Gerade eben hat er alle 18 Beamer gecheckt, die die Geschichte der Lenzburg in Schattenspielen an die Schlossmauern projizieren. Seine nächste Aufgabe: Fauchi schmieren.

Die Gelenke des Schlossdrachens erhalten vor dem Saisonstart eine spezielle Ölung, damit der fauchende Drache nicht unnötig giebscht. Welte hat Fauchi schon das Fell abgezogen und die Gummischuppen frisch gewaschen, damit der Schlossdrache sich den Fans von seiner besten Seite präsentieren kann. Fauchi-Fans gibts übrigens viele.

Davon zeugt die zahlreiche Fanpost, die Welte jedes Jahr aus dem Fauchikäfig fischt. Zwischendurch findet er im Käfig auch mal ein paar Münzen. «Dieses Jahr warens etwa 30 Franken, die wir beim Frühlingsputz zusammengeklaubt haben», erzählt der Schlossabwart.
Schlossgeister, tote Fledermäuse oder heimliche Dracheneier hat er aber auch bei der diesjährigen Putzete keine gefunden. «Hand aufs Herz, das hier ist eigentlich ein ganz normaler Frühlingsputz. Wirklich viel Aufregendes finden wir nicht», sagt Welte.

Garantiert aufregend wird die neue Schlosssaison. Rund 160 Events gehen auf dem Schloss Lenzburg 2016 über die Bühne, bevor das Schloss Ende Oktober dann wieder in den Winterschlaf verfällt. Die Schlossverwaltung erwartet wiederum rund 80 000 Besucher. Nur einer wird nichts von all dem Schlosstrubel mitbekommen: Der Gefängniswächter im Museumskeller. Der schnarcht weiter friedlich vor sich hin und wird auch die bevorstehende Schlosssaison verpennen. Selber schuld!