Dorers nächster Halt

Nachtbus nach Sarmenstorf – mit dem vollen Programm

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Bisher bin ich immer tagsüber Bus gefahren. Nun wollte ich den Nachtbus kennen lernen und bat den Disponenten, mich am Ostersamstag für die späteste Nachtschicht einzuteilen - Ende um 4 Uhr morgens.

Der Nachtbus hat ein paar Eigenheiten. Erstens: Die meisten Fahrgäste sind jung, ihr Zustand beginnt bei angeheitert, ohne Grenze nach oben. Zweitens: Jeder muss einen Nachtzuschlag von fünf Franken bezahlen, den ich kontrolliere oder verkaufe. Gegebenenfalls weise ich freundlich darauf hin, dass Nachtzuschläge von vorletzter Woche nicht gültig sind. Und ebenso wenig solche, die ein Kollege auf dem Handy weitergeleitet hat. Beides ist unschwer zu erkennen - schliesslich bin nicht ich betrunken.

Dritte Eigenheit: Jeder Nachtbus wird von einem Sicherheitsmann begleitet. Das hat prophylaktische Wirkung; die Fahrgäste kommen gar nicht erst auf die Idee, ihre Party im Bus fortzusetzen. Sicherheitsmann Mike, 45, fährt heute in meinem Bus mit. Er hat in zwei Jahren Lenzburger Nachtbus erst zwei leichtere Zwischenfälle erlebt. Früher begleitete er Zürcher Busse - da hatte er mindestens einmal pro Monat Ärger. Und noch früher, als Türsteher eines Nachtclubs, allabendlich.

Um 1 Uhr bin ich enttäuscht: Nur vier Fahrgäste steigen in Lenzburg auf die Linie N90 nach Schafisheim-Seon-Fahrwangen-Sarmenstorf. Um 2 Uhr sind es immerhin zwölf. Alle sind bestens gelaunt. Die Fahrt ist eine Art Happening. Manche Fahrgäste schütteln Mike und mir beim Aussteigen die Hand, was man im normalen Kursbetrieb nie erlebt. Um 3 Uhr steigen in Lenzburg wieder nur ein paar wenige Fahrgäste ein - offenbar ist Ostern nicht Partytime.

Dann klingelt das Bustelefon: Unterwegs will jemand zusteigen - und meldet das an, weil der Nachtbus nur nach Bedarf fährt. Der «Jemand» stellt sich als Gruppe von zehn Jugendlichen heraus, die Party gemacht haben - offenbar eine sehr wilde Party . . . Jetzt wollen sie nur eins: schnell nach Hause.

Okay, ich bin zügig unterwegs auf der nachtleeren Strasse. Trotzdem liegt es wohl kaum an meinem Fahrstil, dass einer der Jugendlichen bleicher und bleicher wird. Leider schafft er es an der Haltestelle um wenige Sekunden nicht, rechtzeitig aus dem Bus zu stürzen. Und so erbricht er eben quer über den Fahrzeugboden.

Es gibt Schöneres, als um 4 Uhr einen übel riechenden Bus zu reinigen. Aber schliesslich war ich es ja, der Nachtbus fahren wollte. Jetzt hatte ich es erlebt. Und zwar das volle Programm.

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