Dottikon

«Nach zwei Jahren wollte ich den Bettel hinschmeissen»

Heinz Binder, Musiker und Dirigent aus Leidenschaft.

Heinz Binder, Musiker und Dirigent aus Leidenschaft.

Der Brunegger Heinz Binder gibt nach 18 Jahren das letzte Unterhaltungskonzert mit der Musikgesellschaft Dottikon. Zu Beginn fühlte sich der Dirigent nicht sehr wohl bei der Musikgesellschaft: Ihm fehlte der nötige Groove.

Konservative Blasmusikfans kommentierten die ersten Konzerte der Musikgesellschaft Dottikon unter der neuen Leitung von Heinz Binder zurückhaltend.

Der Publikumserfolg gab ihm von Anfang an recht: Innerhalb kurzer Zeit war die MGS mit ihren Unterhaltungsabenden wieder auf die Erfolgsstrasse zurückgekehrt. Das Dottiker Risi, welches in den Jahren zuvor an einem Konzert kaum richtig hatte gefüllt werden können, platzte jetzt an zwei Abenden hintereinander fast aus den Nähten.

«Die Musikgesellschaft Dottikon hat mich damals verpflichtet, weil sie vermehrt auf unterhaltende Blasmusik setzen wollte», blickt Binder zurück. Ihm als Tanzmusiker – er war damals noch Bandleader der Calibras-Showband – kam das zupass. «Mein Credo ist es, Musik zu machen, die bei einem Grossteil des Publikums ankommt.»

Die Musikrichtung, welche er mit der Musikgesellschaft Dottikon einschlug, kam an. Und auch menschlich klappte es auf Anhieb hervorragend. Dennoch fühlte sich Binder in der ersten Zeit nicht allzu wohl und sagt heute sogar: «Nach zwei Jahren war ich nahe daran, den Bettel hinzuschmeissen.» Irgendwie hätte er das Gefühl gehabt: «Das wird nichts.»

«Die Leute haben ihre Instrumente beherrscht, sie haben geübt und sie waren auch mit viel Engagement bei der Sache. Aber es hat mir einfach zu wenig Musik gemacht. Es fehlte das Feeling, der Groove.»

Binder blieb dran und schaffte es. «Die Spielfreude kam praktisch über Nacht. Plötzlich war eine enorme Spielfreude da und damit auch der Groove. Es war ganz offensichtlich eine Frage des Kopfes. Die Leute mussten erst das richtige Gefühl für die Unterhaltungsmusik entwickeln.»

Die Musikgesellschaft Dottikon setzte bald vollends auf Unterhaltungsmusik, setzte an ihren Unterhaltungskonzerten Gitarre, E-Bass und Keyboard ein, engagierte Sängerinnen und Sänger.

Es folgten Auftritte mit Beatboxer oder Pipes und auch auf der Marschmusik setzte der Verein unter seinem engagierten Dirigenten neue Akzente. Die Dottiker waren bei den Ersten, die das Publikum am Strassenrand mit Evolutionen begeisterten.

Absolute Höhepunkte für Binder selbst, aber auch riesige Publikumserfolge für den Verein, waren die gemeinsamen Konzerte mit dem Orchesterverein Dottikon: «Ein symphonisches Orchester leiten zu dürfen war ein grosser Traum, den ich mir in Dottikon erfüllte. Diese Konzerte bleiben mir immer in Erinnerung.»

Auch Erfolge an Wettbewerben blieben nicht aus. Dottikon siegte in Brunnen am ersten Schweizer Blasmusikfestival für Unterhaltungsmusik und belegte am zweiten Festival in Mels gegen weitaus grössere und stärkere Konkurrenz den zweiten Platz.

Am Eidgenössischen Musikfest in Luzern, an dem erstmals auch eine Marschparade mit Evolutionen möglich war, erwiesen sich die Freiämter als schweizweit beste Formation und in der gleichen Disziplin holte sich Dottikon auch den Aargauer Meistertitel.

Was vom «normalen» Publikum mit regelmässigen Grossaufmärschen bei den Auftritten des Vereins honoriert wurde, verfolgten die eher konservativen Blasmusik-Experten mit Argusaugen. Doch auch da konnte Binder etwas bewegen.

Mit seinem Engagement trug er wesentlich dazu bei, dass der Unterhaltungsmusik in den Blasmusikverbänden ein höherer Stellenwert beigemessen wurde. Sie war bald nicht nur in der Weiterbildung ein Thema, sondern auch an den traditionellen Musikfesten, wo interessierte Vereine in einer speziellen Kategorie auftreten durften.

Nach 18 Jahren hat Heinz Binder sich entschlossen, eine neue Herausforderung zu suchen und diese beim Verein Harmonie Wettingen Kloster gefunden. «Es ist Zeit zu gehen. Ich gehe überhaupt nicht gerne. Aber etwas Frischluft tut beiden gut. Mir und der Musikgesellschaft Dottikon. Sonst besteht die Gefahr, dass sich unsere Beziehung totläuft, die 18 Jahre hervorragend funktioniert hat.»

Der Dirigent freut sich auf die beiden Abschiedskonzert von heute Freitag und morgen Samstag. Und er wird ganz bestimmt noch einmal alles geben und zum Schlussapplaus vielleicht ein paar Tränen vergiessen. Abschiedstränen, die es wohl auch im Korps geben wird.

Die beiden Konzerte vom Wochenende sind nicht ganz der letzte Auftritt von Heinz Binder mit der Musikgesellschaft Dottikon. Er führt den Verein im kommenden Juni auch noch an das Kantonale Musikfest in Aarburg.

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