Auf dem Wegweiser zum Parkplatz vor der Praxis steht «Dr. Dietiker». Das Wartezimmer sieht aus wie immer. Doch es ist nicht Richard Dietiker, der die Patientin ins Sprechzimmer bittet, sondern André Brzenska, der neue Hausarzt. Nach zweijähriger Suche hat Richard Dietiker endlich einen geeigneten Nachfolger gefunden und geht nach 35 Jahren als Niederlenzer Hausarzt in Pension.

«Meine Lehrmeister wollten damals, dass ich in Richtung Chirurgie gehe», sagt Richard Dietiker. Doch das hätte nicht zu ihm gepasst. Auch, weil er schon geheiratet hatte und eine Familie gründen wollte. «Als Hausarzt konnte ich meine Idee von Familie besser umsetzen», sagt er. Ausserdem konnte er so in Niederlenz arbeiten. «Ich bin in diesem Dorf aufgewachsen, ging hier zur Schule.» Und er war hier 35 Jahre lang Hausarzt. Er untersuchte Patienten, impfte Schulkinder, schrieb Rezepte. «Bei der Arbeit als Hausarzt sind das Gespräch und das Eingehen auf den Patienten enorm wichtig.» Wer seine Patienten kenne, könne rascher über die Behandlung entscheiden. «Deshalb wäre der Hausarzt die Kostenbremse par excellence. Doch die Politik hat es versäumt, Anreize für den Beruf zu schaffen.»

Kein Schweizer Nachfolger

Das erfuhr Richard Dietiker am eigenen Leib. Die Suche nach einem Nachfolger gestaltete sich schwierig. Zwar hätten sich einige Interessentinnen gemeldet. Doch hätten sie nur Teilzeit arbeiten können. Richard Dietiker ist überzeugt: «Auf dem Schweizer Markt findet man niemanden mehr.» Doch er gab nicht auf. «Ich habe die Praxis aufgebaut und wollte, dass es weitergeht.» Er weitete die Suche auf das Ausland aus und wurde fündig.

«Ich dachte, dass ich bis zur Pension in Deutschland praktizieren werde», sagt André Brzenska, der 25 Jahre lang Hausarzt in Berlin Kreuzberg war. Doch dann entschied seine Vermieterin, den Mietvertrag der Praxis nicht zu verlängern. «Ich war gezwungen, etwas Neues zu finden.» Er und seine Frau entschlossen sich, in die Schweiz zu ziehen. Wie Richard Dietiker vor über dreissig Jahren fällte André Brzenska den Entscheid mitunter für die Familie. «Wir haben eine kleine Tochter, Nina. Für sie sind die Rahmenbedingungen hier gesünder als in Berlin», sagt er.

Drei Stunden Wartezeit

Für Brzenska bedeutet der Praxiswechsel eine willkommene Umstellung. «In Deutschland hatte ich pro Tag 100 bis 150 Patienten. Da arbeitet man wie am Fliessband. Die durchschnittliche Wartezeit für den Patienten beträgt drei Stunden.» Schuld daran seien die vielen Bagatellfälle, die er behandeln musste. Es sei sogar vorgekommen, dass er einen Patienten nach seinen Beschwerden fragte und dieser mit einem saloppen «Wollte nur mal reinschauen» antwortete. «Oder man bekommt einen Notfall gemeldet, packt seinen Koffer, rennt fünf Stockwerke hoch zu der besagten Adresse und dort steht einer und fragt ‹Haste mal Feuer?›. Und dann sage ich ‹Nein, ich rauche nicht.› und gehe wieder», erzählt André Brzenska.

In Niederlenz könne er sich mehr Zeit nehmen für die Patienten. Einzig das mit der Pünktlichkeit müsse er noch lernen. «Doktor Dietiker hat seine Patienten nie warten lassen. Das ist selbst für die Schweiz aussergewöhnlich. Ich werde versuchen, das beizubehalten.» Richard Dietiker lächelt. «Ich bin überzeugt, den richtigen Mann gefunden zu haben.»

Um ganz sicher zu gehen, hat Richard Dietiker André Brzenska während der ersten Monate begleitet. «Ich hatte eine Probezeit», sagt André Brzenska lachend. «Und die hast du bestanden!» Auch Richard Dietiker lacht. Dann wird er wieder ernst und sagt: «Auf der einen Seite bin ich froh, einen guten Nachfolger gefunden zu haben und noch gesund in die Pension zu gehen. Andererseits fällt es mir auch schwer.» Er habe in den 35 Jahren eine Beziehung zu den Patienten aufgebaut. «Und ich weiss, dass ein solcher Wechsel gerade für ältere Patienten schwierig sein kann.» Deshalb werde er bei einigen Patienten weiterhin Hausbesuche machen und ab und zu in der Praxis vorbeischauen. «Dann überlasse ich ihm wieder den Arbeitsplatz im grossen Sprechzimmer», sagt André Brzenska. Richard Dietiker lacht. «Nein, nein. Der gehört jetzt dir!»