Es ist kein alltägliches Baugesuch, das bis zum 23. April beim Stadtbauamt von Lenzburg aufliegt. Nicht um einen Neubau geht es da, sondern um eines der wenigen verbliebenen Zeugnisse der Lenzburger Industriegeschichte: das alte Wasserrad am Aabach in «Klein-Venedig». So nennen die Lenzburger eine der malerischsten Ecken der Stadt, die etwas versteckt hinter dem «Müli Märt» liegt.

«Der Aabach ist dort leider kaum noch zugänglich», bedauert Stadtrat Martin Stücheli. «Mit einer Restaurierung des alten Wasserrads wollen wir das wieder ändern», sagt er. Als Präsident des Vereins Industriekultur am Aabach ist er mitverantwortlich für das Baugesuch.

Es geht darum, die komplette, schätzungsweise 200 Jahre alte Anlage instand zu setzen. Wasserrad und Wehr sollen restauriert und der Zulaufskanal mit einem Gehsteg umfasst werden. Kann das Projekt umgesetzt werden, wird es im Jahr 2019 wieder möglich sein, im Aabach unterhalb der Bleicherainkreuzung das kleine Wehr zu schliessen und das Wasser in den jetzt noch zugewachsenen Zulaufskanal am linken Ufer zu leiten. Nach knapp 20 Metern würde es auf das Wasserrad treffen, bevor der schmale Kanal nach weiteren gut 20 Metern wieder in den Aabach mündet.

«Der geplante Gehsteg bestand schon früher und dürfte für Wartungs- und Reinigungsarbeiten benützt worden sein», sagt Stücheli. In Zukunft soll er auch Führungen über dem Aabach ermöglichen. Unterstützt wird das Unternehmen von den Sponsoren Swisslos, der Hypothekarbank Lenzburg und der Berufsschule. Letztere feiert wie die Hypi ihr 150-jähriges Jubiläum und wird die Restaurierungsarbeiten mit der Arbeitsleistung von Studenten unterstützen.

200 Jahre altes Wasserwerk

Wer das Wehr gebaut hat, weiss niemand so genau. Angenommen wird, dass es vor ungefähr 200 Jahren von Friedrich Hünerwadel umgesetzt wurde. Er hat damals die Anlage seiner Vorfahren neu errichtet, um der Textilmanufaktur neues Leben einzuhauchen. Sie umfasste eine Bleiche und eine Walke. In letzterer wurden Textilien durch Ausüben von Druck mit einer speziellen Mühle gereinigt und verfilzt, um sie geschmeidiger zu machen.

«Es handelt sich hier auch nicht um ein klassisches Wasserrad aus Holz, sondern um eines mit Metallschaufeln, das mit seiner Form ein Vorgänger der heutigen Turbine ist», erklärt Martin Stücheli. Mit einem vorgelagerten Holzbrett, das ins Wasser abgesenkt werden konnte, liess sich der Wasserdruck zusätzlich erhöhen, sagt Stücheli. Es ist heute noch montiert und dürfte ebenfalls ersetzt werden.

Doch auch nach der Restaurierung wird ein vollwertiger Betrieb nicht mehr möglich sein, denn das dafür nötige Wasserrecht wurde 1981 zurückgegeben. Um dieses erneut beantragen zu können, müssten Fischtreppen und mehr errichtet werden; zu viel Aufwand. «Doch wir werden uns sicher etwas Kleines überlegen, um im Innern etwa mit einer Glühbirne die erzeugte Energie sichtbar zu machen», sagt Stücheli. Das Mühlenrad wird voraussichtlich von Frühling bis Herbst etwa alle drei Wochen für eine Führung laufen.

Um das Vorhaben voranzubringen, wurden schon im Vorfeld Abklärungen mit dem Kanton erledigt. Wenn alles klappt, wird das Wasserrad im Herbst zum ersten Mal wieder in den alten Kanal abgesenkt und vom Wasser in Gang gesetzt werden. Im Verlauf des Jahres 2019 sollen die übrigen Arbeiten abgeschlossen werden können.

Ein neues Ritual für die Stadt

«Eine Idee ist es, die jährliche Saisoneröffnung mit einer kleinen Zeremonie zu feiern, ähnlich, wie das in Aarau gemacht wird; mit dem feierlichen ersten Schliessen des Wehrs und vielleicht einem kleinen Apéro», sagt Martin Stücheli. So sollen die Lenzburger Anlass haben, wieder etwas mehr Zeit in ihrem kleinen Venedig verbringen können.