Bezirksgericht Lenzburg
Nach Selbstunfall ein Velo geklaut und nochmals schwer verunglückt

Ein Autofahrer, der nach einem Selbstunfall per Velo flüchtete und selber angefahren wurde, beschäftigt das Bezirksgericht Lenzburg. In Zentrum steht die Frage, inwieweit der Mann überhaupt schuldfähig ist.

Louis Probst
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Der Aufprall war wuchtig: Der spektakuläre Unfall ereignete sich im Juni 2014 am Bärenplatz in Fahrwangen. az-Archiv/mzm

Der Aufprall war wuchtig: Der spektakuläre Unfall ereignete sich im Juni 2014 am Bärenplatz in Fahrwangen. az-Archiv/mzm

«Es tut mir leid», erklärte der Beschuldigte vor Gericht. «Das hätte nie passieren dürfen. Ich weiss nicht, wie das überhaupt geschehen konnte.» Der junge Mann war, nach ausgiebigem Besuch einer Party, frühmorgens zu Fuss nach Hause zurückgekehrt, wo er sich ans Steuer seines Autos setzte, in dem auch drei Kollegen Platz nahmen. Nach wenigen hundert Metern kam er mit seinem Auto – gemäss Anklage mit einer Geschwindigkeit von mindestens 102 km/h innerorts – von der Strasse ab.

Das Auto prallte ungebremst gegen einen massiven Felsblock, überschlug sich und blieb auf dem Dach liegen. Der Beschuldigte kroch aus dem Wagen und half, zusammen mit einer az-Verträgerin, die als Zeugin aussagte, einem der Mitfahrer aus dem Auto. Dann entfernte er sich von der Unfallstelle. Dabei behändigte er ein Velo. Er blieb vorerst unauffindbar. Rund 17 Stunden nach dem Unfall stellte sich aufgrund einer Meldung der Kantonspolizei Luzern zu einem Unfall mit einem Radfahrer heraus, dass er von einem Auto angefahren und dabei schwer verletzt worden war.

«Keine Erinnerung»

«Ich weiss nicht mehr, weshalb ich das Auto geholt habe», erklärte der Beschuldigte auf die Fragen von Gerichtspräsidentin Eva Lüscher. «Ich kann mich nur erinnern, dass ich nach dem Unfall das Schloss der Sicherheitsgurte geöffnet habe. Ich bin in einem Wald zu mir gekommen, als ich am Boden lag. Ich kann mir das nicht erklären.»

Nicht erklären konnte sich der Beschuldigte – der sich zum Zeitpunkt des Vorfalles noch in der Probezeit einer Verurteilung wegen Drogendelikten befand – auch die Spuren von Kokain in seinem Blut. «Ich mag mich nicht daran erinnern, etwas konsumiert zu haben», gab er an. «Ich habe nichts absichtlich konsumiert. Ich habe mit den Drogen abgeschlossen.» Nicht erklären konnte er sich schliesslich den Unfall, bei dem er angefahren wurde.

Gedächtnisstörung angezweifelt

«Sämtliche Beteiligten machen mehr oder weniger lange Erinnerungslücken geltend», stellte die Staatsanwältin fest. Dabei dürfte sie auch auf einen der drei Mitfahrer angespielt haben, der als Zeuge aussagte. Die geltend gemachte Gedächtnisstörung sei als Schutzbehauptung zu werten. «Der Beschuldigte hat von den Verletzungen der Mitfahrer gewusst. Es war ihm zudem bewusst, dass er mit einer Blutprobe zu rechnen hatte. Deshalb hat er die Unfallstelle verlassen.» Das Verschulden sei als schwer einzustufen, stellte sie fest. «Es war reines Glück, dass niemand schwer verletzt oder gar getötet wurde.»

Die Anklägerin forderte wegen qualifizierter grober Verletzung der Verkehrsregeln, Vereitelung von Massnahmen zur Feststellung der Fahrunfähigkeit sowie wegen pflichtwidrigem Verhalten bei Unfall eine Freiheitsstrafe von 30 Monaten. Wobei dem Beschuldigten für
18 Monate der bedingte Aufschub zu gewähren sei.

Der Verteidiger beantragte, dass sein Mandant lediglich wegen qualifizierter grober Verletzung der Verkehrsregeln zu einer bedingten Freiheitsstrafe von maximal 20 Monaten zu verurteilen sei. Er machte geltend, dass es zumindest erhebliche Zweifel am Bestehen der Schuldfähigkeit des Beschuldigten geben würde, und er stellte erneut den Antrag auf ein Gutachten zur Schuldfähigkeit seines Mandanten.

Noch kein Urteil

Das Gericht fällte noch kein Urteil. «Es geht um die Frage der Vorsätzlichkeit beim Vorwurf der Entfernung vom Unfallplatz und der Vereitelung der Blutprobe», erklärte die Gerichtspräsidentin. «Das Gericht geht zwar vom Vorsatz aus. Aber das Verhalten des Beschuldigten weckt doch Zweifel an seiner Schuldfähigkeit. Das Gericht wird daher ein psychiatrisches Gutachten einholen.»

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