An Weihnachten kehrte Lucas Fischer zum ersten Mal in eine Kunstturnhalle zurück. Ganz allein betrat er die Halle in Niederlenz, wo er einst mit dem Kunstturnsport begonnen hatte. Beinahe vier Stunden blieb er. Hat geturnt. Gelacht. Geweint. «Es war unglaublich emotional. Ich kann gar nicht beschreiben, was ich in diesem Moment alles erlebt habe», versucht Lucas Fischer seine Rückkehr in Worte zu fassen. Es ist nicht das einzige Mal in diesem Gespräch, dass der 25-Jährige Mühe hat, die richtigen Worte zu finden, um seine Situation zu beschreiben.

In der Sendung Fokus auf «Tele M1» spricht Lucas Fischer Mitte September 2015 über seinen Rücktritt und die Verletzung an seiner Hand (15.9.2015).

Das Wechselbad der Gefühle, das Lucas Fischer bei seiner Rückkehr in die Turnhalle durchlebt hat, steht sinnbildlich für sein Leben seit dem Rücktritt vom Spitzensport im letzten September. Ein Leben in einer Normalität, die Fischer gar nicht kennt. «Ich war zwanzig Jahre in dieser Turnblase drin, und die ist jetzt geplatzt», so Fischer, der sich plötzlich mit alltäglichen Dingen konfrontiert sah, die er als Kunstturner nicht kannte.

«Ich war hilflos. Mein Tag hatte ohne die Trainings keine Struktur mehr. Ich wusste nicht, was ich tun soll, und hatte auch niemanden, mit dem ich darüber reden konnte», sagt Fischer. «Denn wer versteht schon, dass ich mit 25 Jahren alltägliche Dinge nicht kann oder weiss?»

Offene Zukunft

Als Beispiel nennt Fischer das Essen. Während er als Kunstturner stets darauf achtete, genug zu essen, um sein enormes Trainingspensum bestreiten zu können, musste er nach seinem Rücktritt lernen, weniger zu essen. «Das klingt zwar banal, aber ich hab es selbst heute noch nicht wirklich im Griff», sagt Fischer, der nach seinem Rücktritt begann, täglich zu joggen. Es war für ihn ein Ausgleich und eine Möglichkeit, durchzuatmen und die Natur zu geniessen. Doch schon bald plagten ihn Knieschmerzen. Der Kunstturner war sich die Belastung des Laufsports nicht gewohnt.

Autor, Motivations-Coach oder vielleicht sogar Nacktmodel? Kunstturner Lucas Fischer sagt in der Sendung «TalkTäglich», welche neuen Wege er nach seinem Rücktritt einschlagen will.

Zu den körperlichen Beschwerden kamen die Sorgen, die Fischer bedrückten. Denn auf die Frage, was er in Zukunft machen möchte, hat er noch immer keine endgültige Antwort gefunden. «In dieser schwierigen Situation habe ich ein Angebot vermisst, das ehemaligen Spitzensportlern nach ihrem Rücktritt hilft. Ich hatte keine Ahnung, was körperlich und mental auf mich zukommen würde und wie ich damit umgehen soll.»

Noch nicht abgeschlossen

In der Zwischenzeit hat Lucas Fischer wieder ein Ziel vor Augen: Er will bis Ende Jahr eine eigene Show auf die Beine stellen. Eine Mischung aus Gesang, Akrobatik und Tanz, die er mit einer Gruppe aufführen will. Die Grundlage sind die eigenen Songs, die Lucas Fischer seit seinem Rücktritt verfasst hat. «Ich habe etwa zwanzig Texte geschrieben, in denen ich meinen Weg als Turner und Mensch verarbeitet habe», sagt Fischer, der mittlerweile wieder mehrmals pro Woche in der Halle trainiert und letztes Wochenende in Paderborn erstmals ein eigenes, 15-minütiges Programm präsentiert hat. Und das vor rund 1200 Zuschauern am traditionellen Lichtmessball.

Trotzdem: Ganz angekommen ist Lucas Fischer noch immer nicht in seinem neuen Leben nach dem Spitzensport. Zwar geniesst er die Zeit mit Familie und Kollegen, hat Spass am Singen, Schreiben, Modeln und Turnen und kann sich vorstellen, in all diesen Bereichen beruflich Fuss zu fassen. Ganz abgeschlossen hat er mit seiner Spitzensportkarriere aber noch nicht. «Ich habe noch immer kein normales Verhältnis zum Kunstturnen. Ich kann die Halle nicht betreten, ohne mich zu fragen, was möglich gewesen wäre, wenn ich weitergemacht hätte.»