Er konnte die Tränen nach der Urteilsverkündung nicht zurückhalten. Sichtlich bewegt stand der 35-Jährige im Empfangsraum des Bezirksgerichts Lenzburg. Doch es war nicht die Verzweiflung, sondern die Erleichterung, die den Landwirt aus Möriken bewegte. Das Urteil, das Gerichtspräsident Daniel Aeschbach am Montag sprach, beendete für den Beschuldigten fünf Jahre voller Ungewissheit.

Im September 2013 arbeitete der junge Bauer auf dem Hof seines Vaters in Möriken. Es war kurz vor Mittag und er wollte bei der Tränke im Stall hervorstehende Schrauben abschneiden, um zu verhindern, dass sich die Tiere daran verletzten. Für die Arbeiten benutzt er eine Trennscheibe. Dieses Werkzeug lässt die Funken fliegen. Keine gute Kombination mit den Gasen der Jauchegrube, die sich direkt unter dem Arbeitsplatz befand.

Die Bilder vom Grossbrand:

Der Bauer war sich dessen bewusst und hatte das Gülleloch mit Kunststoffplatten abgedeckt. Trotzdem kam es zum Schlimmsten: Eine Stichflamme schoss bis zur Decke des Stalls und kurz darauf brannte das Strohlager lichterloh. Es kam zu einem Grossbrand, verletzt wurde niemand, weder Menschen noch Tiere. Doch der Stall und fünf Silos wurden total zerstört und es entstand ein Schaden von über einer Million Franken.

AGV-Forderung wäre sein Ruin

Das Bezirksgericht Lenzburg verurteilte den Bauernsohn im September 2016 zu einer bedingten Geldstrafe von 4200 Franken und einer Busse von 840 Franken. Doch das war nicht der Grund für die Existenzängste des jungen Bauern, der unterdessen den Hof übernommen und eine Familie gegründet hatte.

Missgeschick treibt Bauernsohn in den Ruin

Missgeschick treibt Bauernsohn in den Ruin (27. Juni 2015)

Gemäss dem Urteil hätte er der Aargauischen Gebäudeversicherung (AGV) rund 570'000 Franken zuzüglich fünf Prozent Zinsen zahlen sollen. Diesen Entscheid hat das Obergericht aufgehoben und das Verfahren an das Bezirksgericht zurückgewiesen. Das Schicksal des Bauern bewegte auch Grossräte: Ralf Bucher (CVP) und Alois Huber (SVP) reichten einen Vorstoss ein, in dem sie die Regressforderung als unverschämt bezeichneten. Und so sass der Landwirt aus Möriken erneut vor dem Lenzburger Bezirksgericht und erneut stellte sich die Frage: Hat seine Fahrlässigkeit zum Flammeninferno geführt?

Sehr zum Missfallen des Verteidigers des Bauern hatte das Gericht ein Gutachten der Beratungsstelle für Unfallverhütung in der Landwirtschaft angefordert und seine Beweisanträge in Form von Stellungnahmen von Stalleinrichtern abgelehnt. Der Anwalt rechnete mit einem Akademiker, der seinem Mandanten vorschreiben würde, wie er seinen Stall zu führen hatte, ohne je eine Kuh gemolken zu haben. Zu seiner grossen Überraschung bekam er den besten Gutachter, den er sich wünschen konnte: Einen ehemaligen Feuerwehrinstruktor und Milchbauern mit eigenem Betrieb, der in Karohemd und in Berndeutsch erklärte: «Ich hätte die Arbeiten genau gleich ausgeführt.»

Existenzängste bei Bauernfamilie in Möriken

Existenzängste bei Bauernfamilie in Möriken (27. Juni 2015)

Der Vater des verurteilten Jungbauern kann den Gerichtsentscheid nicht nachvollziehen. Die Versicherungsforderung gefährdet die Zukunft seines Hofes.

Der Beschuldigte habe alle für seine Branche üblichen Sicherheitsvorkehrungen getroffen. Ob dieser Aussagen musste der Anwalt gleich sein Plädoyer umschreiben, das er in selbstsicherem Ton und mit gelegentlichem Seitenhieb an das Bezirksgericht vortrug. Schon vor der Verhandlung war ein Vergleich zwischen dem Beschuldigten und der AGV zustande gekommen: Falls der Bauer schuldig gesprochen worden wäre, hätte er der Versicherung 30'000 Franken Schadenersatz bezahlen müssen.

Nach einer halben Stunde war das Urteil gefällt; aufschnaufen für den Bauern: Freispruch. Damit wurden die Schadenersatzforderungen des AGV gegenstandslos, statt fast 600'000 Franken muss er nichts zahlen. Das Urteil wurde in dubio pro reo gesprochen. Womöglich habe der Beschuldigte mit seiner Abdeckung die Gase, die sich entzündeten, noch gestaut, sagte Aeschbach. Aber dieser Sachverhalt sei zu wenig klar. Der Gerichtspräsident nimmt zur Kenntnis, dass offenbar alle führenden Stalleinrichtungsfirmen in der Schweiz (gemäss Recherchen des Verteidigers sind es etwa 20) mit einer Trennscheibe im Stall arbeiten. «Aber nur weil es alle machen, heisst das nicht, dass es nicht strafbar sein kann», sagt er abschliessend.