Bezirksgericht Lenzburg

Nach der Urteilsverkündung rastete der Angeklagte aus: «Ich ertrage den Billettentzug nicht»

Das Bezirksgericht Lenzburg.

Das Bezirksgericht Lenzburg.

Das Bezirksgericht Lenzburg spricht einen 28-jährigen Iraner schuldig, weil er in übermüdetem Zustand Auto gefahren ist, auf die Gegenfahrbahn geraten war und dabei einen Unfall gebaut hatte.

Kaum hatte Gerichtspräsidentin Eva Lüscher das Urteil verkündet, schoss der Angeklagte Ali (Name geändert) von seinem Stuhl hoch und gebärdete sich wie wild im Gerichtssaal. «Jetzt drehen wir den Spiess um, jetzt spreche ich», rief er erbost nach vorne zur Gerichtspräsidentin und fuchtelte dabei mit den Armen in der Luft umher. Er werde «abegmacht», beschwerte Ali sich, ihm bleibe gar nichts mehr. «Kein Job, kein Geld, nichts.»

Zuvor hatte das Bezirksgericht Lenzburg den 28-jährigen Iraner schuldig gesprochen, weil er in übermüdetem Zustand Auto gefahren, auf die Gegenfahrbahn geraten war und dabei einen Unfall gebaut hatte. Das Verdikt: 60 Tagessätze à 60 Franken. In diesem Punkt war das Gericht der Verteidigung gefolgt, die darauf plädiert hatte, dem sozialen Status des Langzeitarbeitslosen Rechnung zu tragen.

Die Anklage hatte ein doppelt so hohes Strafmass gefordert. Zusätzlich muss Ali jedoch die Verfahrenskosten von 1434.45 Franken und die Anklagegebühr in der Höhe von 1200 Franken bezahlen sowie seine Verteidigung aus der eigenen Tasche berappen.

Auf Gegenfahrbahn mit Auto kollidiert

Zum Zeitpunkt des Unfalls hat Ali im Kanton Luzern gearbeitet, temporär als Möbeltransporteur. Nach einem körperlich anstrengenden Tag befand er sich auf dem Heimweg von der Arbeit.

Laut Anklageschrift war er am 12. Juli, abends um sechsUhr, mit seinem Auto unterwegs auf der Aescherstrasse zwischen Meisterschwanden und Fahrwangen. Während der Fahrt schlief er ein, geriet auf die Gegenfahrbahn und kollidierte dort seitlich-frontal mit einem korrekt entgegenkommenden Auto. Beide Fahrzeuge kamen in der angrenzenden Wiese zum Stillstand. Bei dem Unfall verletzte Ali sich und wurde mit der Ambulanz ins Spital gebracht.

Ali hat den Strafbefehl angefochten. Von Übermüdung und Sekundenschlaf will er nichts mehr wissen. Es habe sich um eine Niesattacke gehandelt, die ihn vom Weg abkommen liess, erklärte er vor Gericht. Ansonsten mochte er sich nur lückenhaft an den Unfall erinnern. Er sei unter Schock gestanden und später im Spital zusätzlich unter dem Einfluss von Medikamenten.

Ausweis nicht zum ersten Mal abgegeben

Ali, dunkle kurz geschnittene Haare, dunkler Vollbart, schwarze sportliche Kleidung. Die dicke Thermojacke behielt er während der Verhandlung an. Seine Hände hatte er praktisch die ganze Zeit auf den Tisch gelegt, die Fingerspitzen fest aneinandergedrückt.

Auf die Fragen der Gerichtspräsidentin gab Ali kurze Antworten. Er habe eine Schlosserlehre abgebrochen, schulisch habe es nicht gereicht. Er wohne bei den Eltern, die ihn auch unterstützten. Er beziehe keine Sozialhilfe. Seit dem Unfall sei er arbeitslos, habe Schulden. Den genauen Betrag konnte er allerdings nicht beziffern. Die Situation sei belastend, klagte Ali.

Umso heftiger reagierte er, als die Sprache auf seine Vorstrafen kam. Ali hat das Autobillett nicht zum ersten Mal los, ist im Kanton Zürich zudem beim Fahren ohne Ausweis erwischt worden. «Ich ertrage es nicht, wenn man mir das Autobillett wegnimmt», sagte er etwas ungehalten, als ihn die Gerichtspräsidentin auf den Vorfall ansprach. Ali muss nun den Fahrausweis neu beantragen, zuerst wartet der Gang zum Verkehrspsychologen. Dieses Prozedere kennt er bereits.

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