Lenzburg
Nach dem Musikfest gingen alle Stadtmusikanten gemeinsam in die Ferien

Der 74-jährige Silvan Wyss hat vierzig Jahre lang die Tuba geblasen – die 20-jährige Saxofonistin Phoebe Cueni ist jüngstes Mitglied in der Stadtmusik Lenzburg. Diese feiert in diesem Monat ihr 100-Jahr-Jubiläum.

Ruth Steiner
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Der neue Präsident Daniel Schrenk (links), Veteran Silvan Wyss und die junge Phoebe Cueni.

Der neue Präsident Daniel Schrenk (links), Veteran Silvan Wyss und die junge Phoebe Cueni.

Sandra Ardizzone

«Sie ist mir zu schwer geworden», sagt der 74-jährige Silvan Wyss und blickt auf den sperrigen, glänzenden Gegenstand in seinen Armen. Wyss schmunzelt. Sie. Das ist eine Tuba und sie wiegt stolze 11 Kilogramm.

Lange Jahre hat der Musikveteran dieses Instrument gespielt in der Stadtmusik Lenzburg. Am Jugendfest ist er mit der gewichtigen Tuba Jahr für Jahr im Jugendfestumzug in der Musikformation durch die Altstadt marschiert und hat im Takt zur Marschmusik die Bassstimme geblasen. Zur Freude des in Scharen aufmarschierten Publikums.

Vierzig Jahre lang war Silvan Wyss in der Stadtmusik, dreissig davon arbeitete er im Vorstand mit. «Ich gehörte zum harten Kern, der auch in schwierigen Zeiten treu zum Verein hielt.» Aufgeben kam für ihn nie infrage. Silvan Wyss vergleicht die Vereinszugehörigkeit mit einer Ehe, «auch da gibt es nicht nur schöne Momente».

80 Franken für die Kadettenmusik

Wenn die Stadtmusik am 20. und 21. Mai ihr 100-jähriges Bestehen feiert, so hat sie tatsächlich bewegte Zeiten hinter sich. Im Vereinsarchiv finden sich Hinweise auf eher düstere Momente in ihrer Geschichte. Streng genommen gibt es den Verein nämlich bereits seit 1840. Damals wurde die Kadettenmusik gegründet. 80 Franken bewilligte der Gemeinderat für den Musikunterricht für Knaben.

Die Lenzburger Rathausgasse ist für die Stadtmusik von zentraler Bedeutung. Hier präsentiert sie sich in der Concertband-Formation (rechts) jedes Jahr dem Jugendfestpublikum.

Die Lenzburger Rathausgasse ist für die Stadtmusik von zentraler Bedeutung. Hier präsentiert sie sich in der Concertband-Formation (rechts) jedes Jahr dem Jugendfestpublikum.

Sandra Ardizzone

Im Gemeindeprotokoll heisst es, die Kadettenmusik sei eine Zierde des Kadettenkorps und trete zur allgemeinen Befriedigung auf. Nach den vorliegenden historischen Dokumenten ist die Stadtmusik also bereits 157 Jahre alt. Zu Beginn gab es jedoch immer wieder längere Pausen, es kam gar zu Auflösungen, sodass man als offiziellen Gründungstermin der heutigen Stadtmusik das Jahr 1917 festlegte. Am 26. Dezember haben 15 Musikfreunde im Café Central in Lenzburg eine Stadtmusik gegründet.

Vier Jahrzehnte im gleichen Verein sind eine lange Zeit. Phoebe Cueni staunt nicht schlecht, wenn sie Silvan Wyss’ Erzählungen lauscht. Sie ist erst seit Kurzem in der Stadtmusik. Diese Geschichte gehört zu Wyss schönsten Erinnerungen: «1992 reiste die Stadtmusik ans Eidgenössischen Musikfest nach Lugano. Beim Wettbewerb haben wir viel besser abgeschnitten als erwartet. Und weil die Vereinsmitglieder schon im Tessin waren, haben wir gleich noch ein paar Tage Ferien gemacht und sind alle miteinander mit dem Car nach Italien gereist.»

Stadtmusik ist gut aufgestellt

Das war vor 25 Jahren. Damals war Phoebe Cueni noch gar nicht geboren. Phoebe Cueni ist 20 Jahre alt. Sie kommt aus einer musikalischen Familie. Lange Jahre war sie im Jugendspiel Lenzburg aktiv, bevor sie jetzt zusammen mit einigen Kollegen zur grossen Stadtmusik wechselte. Hier trifft die Saxofonistin auf zwei ihrer vier Geschwister. Silvan Wyss findet es schön, dass heute wieder vermehrt Junge vom Jugendspiel zur Stadtmusik wechseln. «Es ist wichtig, dass sich der Verein verjüngt.»

Tatsächlich steht die Stadtmusik Lenzburg auf soliden Beinen, in einer Zeit, wo Musikvereine eher mit Überalterung oder, wegen fehlendem Nachwuchs, gar mit einer Auflösung zu kämpfen haben. «Das Durchschnittsalter liegt irgendwo in den Dreissigern», sagt der kürzlich neu gewählte Vereinspräsident Daniel Schrenk. Er gehört mit 25 Jahren selber noch zur Vereinsjugend.

Was erwartet die junge Phoebe in der Stadtmusik? Finden junge Menschen Marschmusik im Zeitalter von modernen schnellen Rhythmen nicht etwas «bünzlig»? Phoebe lacht und gesteht, dass sie schon lieber schöne Popliteratur spiele, «Ohrwürmer halt. Doch Marschmusik gehört zum Repertoire einer Blasmusik.»

Neue Wege gehen

Seit rund zehn Jahren tritt die Stadtmusik Lenzburg in verschiedenen Formationen auf. Die Concertband spielt klassische und unterhaltende Blasmusik. Sie ist an den Jugendfesten dabei, bläst an der Generalversammlung der Hypothekarbank Lenzburg und führt Konzerte durch. Die Big Band unterhält mit Swing- und Jazzsound. Diese und das Klarinettenensemble treten an kleineren Anlässen auf.

Unter dem musikalischen Leiter Hanspeter Brunner hat die Stadtmusik die Blasmusik in den vergangenen Jahren in moderne, auch experimentelle Formate verpackt und gemeinsam mit Gastkünstlern auf die Bühne gebracht. Diese Aufführungen sind beim Publikum jeweils gut angekommen.

Mit den Jubiläumsfeierlichkeiten will der Verein musikalisch wieder neue Wege gehen. Nach einer Umfrage bei den Mitgliedern hat man an der letzten Generalversammlung beschlossen, vermehrt an Musiktagen und Musikfesten teilzunehmen. Fast so wie früher. «Der Wettbewerb stärkt den Zusammenhalt», ist Präsident Daniel Schrenk überzeugt. Und: «An den Anlässen lernt man andere Vereine kennen.»

Phoebe Cueni freut sich darauf. Silvan Wyss wird nicht mehr dabei sein. Er bläst die Tuba jetzt in einer Seniorenmusik.