Region Lenzburg
Nach dem Krach vor Abstimmungen haben sich (fast) alle wieder lieb

Tempo 30 in Rupperswil und Seon, der «Löwen»-Umbau in Beinwil am See: Emotionale Abstimmungen reissen in den Gemeinden oft tiefe Gräben auf. Die Zeit heilt aber auch hier Wunden, wie ein Blick zurück zeigt.

Pascal Meier
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Symbol einer emotional geführten Debatte: Verspraytes Tempo-30-Plakat in Rupperswil.Pascal Meier

Symbol einer emotional geführten Debatte: Verspraytes Tempo-30-Plakat in Rupperswil.Pascal Meier

Pascal Meier

Flattert der Stimmzettel zu Tempo 30 oder einem ähnlich emotionalen Thema in den Briefkasten, dann fliegen oft die Fetzen. Jüngstes Beispiel: Rupperswil.

Dort stimmte die Bevölkerung am 3. März an der Urne über die Einführung von Tempo 30 ab, nachdem Befürworter das Referendum gegen das Nein der Gemeindeversammlung ergriffen hatten. Der Abstimmungskampf dazu war – gelinde gesagt – unschön.

Trotz mehrmaligen Appell zu Fairness lagen sich Gegner und Befürworter schnell in den Haaren. Dem Pro-Komitee wurde vorgeworfen, das Dorf mit einer Gross-Kampagne zu überrollen und sich diese teilweise vom Umweltverband VCS bezahlen zu lassen.

Die Gegner ihrerseits mussten sich von den Befürwortern anhören, «aus der sicheren Deckung zu schiessen». Viele Gegner von Tempo 30 würden in ruhigen Quartieren wohnen, monierten Befürworter in Leserbriefen, und fragen sich: «Wo ist die Solidarität?»

Der Krach gipfelte in zerstörten Plakaten, worauf das Pro-Komitee Strafanzeige einreichte und die Gegner warnte, dass ihre Kampagne «in einer Schlammschlacht zu enden droht».

Diese wiederum reagierten empört auf die «polemische Verleumdung». «Ich hatte noch nie eine Spraydose in der Hand», empörte sich ein Tempo-30-Gegner.

Die Tempo-30-Abstimmung hat damit den Rupperswiler Dorfgeist auf die Probe gestellt. Im Dorf hätten sich Gräben geöffnet, heisst es auf der Strasse. Gräben durch die Nachbarschaft, Gräben zwischen Verwandten und Freunden.

Ein bestehender Graben ist dabei noch auffälliger geworden: jener zwischen den eingesessenen Rupperswilern und der wachsenden Zahl junger Neuzuzüger mit Kindern, die Ruhe suchen.

Der Haussegen hängt damit schief in Rupperswil – auch zehn Tage nach dem Nein zu Tempo 30. «Die Fronten haben sich im Abstimmungskampf verhärtet», sagt Lukas Meyer, Präsident des Pro-Komitees.

Dies sei im Dorf heute noch spürbar. Etwas entspannter sieht dies Peter Pichler vom Gegenkomitee: «Sicher gibt es Leute, die solche Kritik persönlich nehmen. Ich glaube aber nicht, dass sich Rupperswiler deswegen anfeinden.»

Der heftige Abstimmungskampf in Rupperswil ist kein Einzelfall, sondern nur das jüngste Beispiel in einer Reihe lokal-politischer Schlammschlachten. Auch in Seon war die Abstimmung über eine flächendeckende Tempo-30-Zone aus dem Ruder gelaufen.

Anonyme Flugblätter, beschädigte Plakate und Strafanzeigen verdrängten im Sommer 2012 sachliche Argumente. Bekannt ist auch ein Vorfall zu nächtlicher Stunde: Ein betrunkener Mann aus einer Nachbargemeinde verfolgte und beschimpfte einen Anhänger von Tempo 30 auf offener Strasse.

Viele Seoner wollten sich damals auch nicht zur Tempo-30-Vorlage äussern. «Wer seine Meinung sagt, exponiert sich», erzählte ein Mann der Aargauer Zeitung. «Vor allem die Gewerbetreibenden passen auf, was sie sagen.»

Diese Angst bestätigte ein Geschäftsmann, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen wollte: «Meine Kunden könnten denken: Der ist gegen Tempo 30, zu dem gehe ich nicht mehr einkaufen.»

In Seon kam damit die öffentliche Debatte – anders als in Rupperswil – gar nicht erst in Fahrt. «Eine normale Diskussion war leider nicht möglich», sagt Beat Häfeli vom Pro-Komitee. Gegner, die anonym operieren, stiessen auch alt Gemeinderat Jakob Fischer sauer auf: «Wer gegen eine Sache sei, soll dazu stehen», sagt Fischer, selbst Gegner einer flächendeckenden Tempo-30-Zone. «Alles andere hat einen üblen Beigeschmack.»

Ähnliche Gehässigkeiten waren wenige Monate später aus Beinwil am See zu hören. Dort stimmte die Bevölkerung im Oktober 2012 über den Umbau des Hotel Löwen zur Gemeindeverwaltung ab. Der Abstimmungskampf war heftig und emotional übersteuert.

Vertreter beider Seiten berichteten von persönlichen Angriffen, Verunglimpfungen und bösen Briefen. In der Beiz, so war zu hören, hätten einige «Böjuer» nicht mehr ihr Bier zusammen getrunken. Ausserdem wurden Bürgern Konsequenzen angedroht, falls man sich für oder gegen den «Löwen»-Umbau äussert.

«Für mich war das ein harter Abstimmungskampf», blickt alt Gemeinderat Hans Schärer vom Gegnerkomitee zurück. Dieser Meinung ist auch Therese Bühlmann, Mitglied des Referendumskomitees.

«Zu vieles ist dazumal unter der Gürtellinie verlaufen.» Von persönlichen Angriffen weiss auch Johannes Eichenberger. «Das war sehr unschön», sagte der Gemeindeammann nach der Abstimmung, und sprach von «Gräben, die sich geöffnet haben». Der «Löwen» hat damit auch einen Keil in die Gemeinde getrieben.

Dem Beinwiler Dorfgeist nachhaltig geschadet hat die «Löwen»-Abstimmung aber nicht. Bereits ist in der Gemeinde am Hallwilersee wieder Ruhe eingekehrt.

«Das hat mich sehr überrascht», erklärt Therese Bühlmann. «Ich hatte wirklich grosse Angst, dass die Köpfe noch länger rauchen würden und es Ressentiments gibt.» Heute lache man wieder, als sei nichts gewesen.

Dies mag damit zusammenhängen, dass sich Gegner und Befürworter am Tag der Abstimmung die Hand reichten und versöhnliche Töne anschlugen.

Auch in Seon ist die Stimmung heute wieder besser als nach der Tempo-30-Abstimmung im vergangenen Sommer. «Obwohl damals zwei Welten zusammenprallten, spürt man davon fast nichts mehr», sagt Reinhard Keller vom Referendumskomitee.

«Seon ist stark genug für eine solche Auseinandersetzung.» Ähnlich sieht dies alt Gemeinderat Jakob Fischer. «Es ist ruhig geworden und die Wunden sind verheilt.»

Überhaupt dürfe man sich in einer solchen Debatte nicht auseinanderleben. «Ich habe Freunde, die für Tempo 30 gestimmt haben – das ist für mich kein Problem.»

Wie in Seon und Beinwil am See dürften damit auch in Rupperswil die noch frischen Wunden heilen. Gegner und Befürworter haben bereits signalisiert, dass man aufeinander zugehen wolle.

Bis dahin setzen einzelne Anhänger und Gegner von Tempo 30 den Abstimmungskampf auf besondere Art und Art fort, wie eine Rupperswilerin leicht amüsiert erzählt: «Die einen fahren konsequent 30 km/h im Dorf, die anderen hocken konsequent hinten auf.»

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