An Weihnachten wird er 25, und er wird diesen Tag im Gefängnis verbringen. Er kennt das, hat er doch bereits 357 Tage in Untersuchungshaft verbracht. Der junge Türke, nennen wir ihn Erhan, hat sich in den letzten Jahren einiges geleistet: Einbrüche, vorab in Keller meist von Mehrfamilienhäusern; aber auch aus Autos, die er mit einem Stein brachial geöffnet hat, bediente er sich. Klassische Beschaffungskriminalität. Er steht in Bremgarten vor Bezirksgericht. 80 mal ist er eingebrochen; manchmal hat er nichts gefunden oder bloss eine Flasche Mineralwasser. Anderswo fand er Geldbeutel, Taschen, Handys, Fotogeräte, Rotwein, eine Jacke, Filme. Oder einen Kassenschrank und eine Schmuckschatulle. Er nahm, was er kriegen und zu Geld machen konnte. Und er ist geständig, allerdings meist erst nach erdrückendem Beweismaterial: DNA oder Handy-Ortung.

Sechs Bundesordner

Etwa zehn Geschädigte und eine Kantiklasse verfolgen die Verhandlung des Gerichts unter Gerichtspräsidentin Isabelle Wipf. Sie bekommen mit, wie Erhan Erinnerungslücken hat oder die Antwort verweigert. Die Taten beging er mehrheitlich im Seetal und im Wynental, in Lenzburg und Umgebung und in Aarau und Wohlen wirkte er ebenfalls. Die Anklageschrift umfasst 58 Seiten; die Akten füllen sechs Bundesordner.

Die Unbelehrbarkeit Erhans zeigt sich darin, dass er sich nach einer ersten Serie von Taten zwischen Oktober 2016 und April 2017 trotz Untersuchungshaft nicht davon abhalten liess, ein Jahr später erneut zu delinquieren. Mehrfacher gewerbsmässiger Diebstahl nennt sich das. Und gewerbsmässig meint, dass er so seinen Lebensunterhalt samt Sucht finanzierte: mehr als 30 000 Franken in rund 10 Monaten. Dazu kommen mehrfache Sachbeschädigung – dieser Schaden war meist höher als der Wert des Diebesguts –, mehrfacher Hausfriedensbruch, Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz und gegen das Waffengesetz. In Erhans Zimmer fand man ein Elektroschockgerät in Taschenlampenform.

Bloss Worte statt Taten

Staatsanwältin Rebecca Bänziger beantragt eine Freiheitsstrafe von 2½ Jahren und eine Busse von 200 Franken. Da Erhan nicht einschlägig vorbestraft sei, sei die Strafe im Umfang von 1½ Jahren aufzuschieben, bei einer Probezeit von vier Jahren. Zudem sei Erhan zehn Jahre des Landes zu verweisen. Sie kann ihm keine gute Prognose stellen, auch wenn Erhan der Staatsanwaltschaft aus der Untersuchungshaft einen handgeschriebenen Brief geschickt hat, in dem er Besserung verspricht.

Mehrfach oder einfach? Die Verteidigerin meint, der Unterbruch sei bloss durch die Untersuchungshaft zwischen den beiden Einbruchserien entstanden. Sie hält eine Freiheitsstrafe von 18 Monaten für angemessen. Auch sei die Prognose nicht so schlecht, da Erhan die Bereitschaft, sich einer Drogentherapie zu unterziehen, signalisiert habe. Die Landesverweisung sei zu prüfen: Liegt ein Härtefall vor? Erhan habe erst im Gefängnis erfahren, dass ihm eine Landesverweisung drohe. Zudem habe er keine Delikte gegen Leib und Leben begangen. Und er lebe in geordneten Verhältnissen mit Vater und Bruder.

Strenger als Staatsanwältin

Das Gericht geht in seinem Urteil über den Antrag der Staatsanwaltschaft hinaus. In einem Punkt entlastet es Erhan: Ein Mofa, das er zu verkaufen versucht hat, habe er nicht gestohlen – Beweise fehlen. Vielmehr handle es sich um die Unterlassung einer Fundmeldung.

Das rettet Erhan nicht. Einstimmig verurteilt ihn das Gericht zu drei Jahren Freiheitsstrafe, von denen 1½ Jahre bedingt ausgesprochen werden bei einer Probezeit von drei Jahren. Es erhöht die Busse auf 500 Franken und schliesst sich der zehnjährigen Landesverweisung an. Isabelle Wipf zu diesem Punkt, der am meisten zu diskutieren gegeben habe: Das Gericht verneint einen persönlichen Härtefall, obwohl Erhan in der Schweiz aufgewachsen ist. «Das öffentliche Interesse überwiegt ganz klar», sagt sie. Erhan spricht türkisch; seine Mutter und ein Onkel lebten in der Türkei. An einer Integration hierzulande sei er «nicht sonderlich interessiert», wie sein Bekanntenkreis zeige. Mit seiner Anlehre als Metallbauer, Erfahrungen im Gleisbau (er verlor die Lehrstelle wegen Drogenkonsums) und in der Gärtnerei, seine aktuelle Arbeit in der Justizvollzugsanstalt Lenzburg, könne er als junger Mann in seiner Heimat arbeiten. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig und kann ans Obergericht weiter gezogen werden.

Verfahren gegen Komplizen 2019

Die separaten Verfahren gegen zwei Komplizen, der eine ist wegen Gefährdung des Lebens angeklagt, da er mit dem Auto auf einen Geschädigten losgefahren sei und diesen verletzt habe (Antrag 12 Monate bedingt), der andere war ebenfalls mit Erhan unterwegs (Antrag Geldstrafe) finden im nächsten Jahr vor dem Einzelrichter statt.

Das Bezirksgericht Bremgarten hat diesen Fall vom Bezirksgericht Lenzburg übernommen. Jenes ist in den Ausstand getreten, weil sich die Präsidien befangen fühlen. Es geht um Verwandtschaftsbeziehungen zwischen Angestellten des Gerichts und angeklagten Personen. Isabelle Wipf sagt, solche Ausstände kämen sehr selten vor. In Bremgarten zum Beispiel beim Fall Walter Dubler.