Lenzburg
Nach 37 Jahren sagt Lehrer «Rindsgi» nun ade: «Ich bin länger geblieben als geplant»

Nach 37 Jahren als Lehrer an der Bezirksschule in Lenzburg geht Herbert «Rindsgi» Rinderknecht in Pension. Für ihn war die Schule ursprünglich nur eine Zwischenstation.

Anja Suter
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Zwei Jahre lang unterrichtete Herbert Rinderknecht im Lenzhard, zuvor war er während 35 Jahren im Angelrain.

Zwei Jahre lang unterrichtete Herbert Rinderknecht im Lenzhard, zuvor war er während 35 Jahren im Angelrain.

Chris Iseli

Einen Teil der Bücher ist schon in Kisten gepackt und das frühere Unterrichtsmaterial fein säuberlich auf dem Fenstersims gestapelt. «Vieles konnte ich schon beim Umzug ins Lenzhard-Schulhaus aussortieren», erklärt Herbert Rinderknecht. Das Unterrichtsmaterial können seine Kollegen sichten «und für den Rest hat es hinter dem Schulhaus eine Mulde».

Während 37 Jahren war Rinderknecht – genannt «Rindsgi» – Bezirksschullehrer in Lenzburg. 35 davon verbrachte er im Schulhaus Angelrain, für die letzten zwei zog der Wettinger ins Lenzhard um.

Von Primarschule bis zur Kanti

Lehrer zu sein, war eigentlich nicht sein Traumberuf: «Früher hatte ich auch mal mit dem Gedanken gespielt, Pilot, Jurist oder Schriftsteller zu werden. Irgendwann habe ich mich dann aber doch umentschieden.» So absolvierte er nach der Bezirksschule das Lehrerseminar.

«Direkt im Anschluss unterrichtete ich ein Jahr an der Primar-Unterstufe und ein Jahr an der Sekundarschule. Mir wurde aber rasch klar, dass es mich zu den Grösseren hinzieht.» So begann Rinderknecht nach zwei Jahren als Lehrer sein Studium mit Germanistik in Haupt- und neuer französischer Literatur im Nebenfach. Nebenbei unterrichtete er weiter von Primar- bis hin zu Kanti-Niveau.

Schliesslich verschlug es den Lehrer nach Lenzburg an die Bezirksschule, wo er und Französisch unterrichtete. «Für mich war es anfangs eigentlich ganz klar eine Zwischenstation. Irgendwie hat es mir dann aber besser gefallen als gedacht, und so bin ich länger geblieben als geplant.» Dass es 37 Jahre werden würden, hätte er aber nie erwartet. «Das Alter der Schüler, zwischen Kind und jungem Erwachsenen, hat mich fasziniert. Die Kleinen sind voller Energie und manchmal auch ein wenig wie ein Sack voller Flöhe», erklärt er lachend.

In den 80er-Jahren liess Rinderknecht eine Passion in seinen Lehreralltag einfliessen: das Theater. Anfangs noch mit einzelnen Projekten, später etablierte es sich an der Schule Lenzburg zu einem festen Kurs. «Von 2000 bis 2016 waren wir für die Intensivproben und die Aufführungen im alten Munitionsdepot untergebracht. Da das Klima dort für das Equipment nicht sehr gut war, schleppten wir die Sachen vor und nach den Proben wieder in den obersten Stock des Schulhauses und das zeitweise ohne Lift.» Mit dem Umzug der Oberstufe hat aber auch die Theatergruppe einen neuen Ort in der Aula Lenzhard gefunden.

Auch das technische Equipment hat sich mit dem Umzug verändert. Wo vorher nur eine Wandtafel war, ist heute in der Mitte ein grosser Bildschirm integriert. Auf ihm kann Rinderknecht Internetseiten aufrufen, Textstellen aufschalten, diese während des Unterrichts markieren und vieles mehr. Für den Bezlehrer ist die Digitalisierung eine willkommene Veränderung.

«Ich war nie ein Handy-Hasser, sonder bin ein Verfechter davon, dass man technische Geräte dosiert in den Unterricht einbindet.» So dürfen seine Schüler beim Schreiben von Texten in französisch den online Dictionnaire «Leo» benutzen oder mussten auch schon einen Whatsapp Chat zu der Novelle «Kleider machen Leute» des Schweizer Dichters Gottfried Keller simulieren. «Zu verschiedenen Szenen sollten sie die Gespräche der beiden Figuren zeitgenössisch umsetzen, die simulierten Chats haben wir uns dann gemeinsam angesehen.»

Telefone können aber auch ein Feind sein, so Rinderknecht: «Wenn die Schüler in einem Lager die ganze Zeit nach aussen kommunizieren, kommen sie gar nie richtig an.» Es sei dann ab und an auch zu Vergleichen zwischen den Klassen gekommen: «Meine Schüler fühlten sich immer als die Ärmsten, weil man mit dem Rindsgi die ganze Zeit wandern musste, während andere Klassen die Füsse hochlegen konnten», erzählt er schmunzelnd. Eine Wanderung ist dem 66-jährigen Lehrer in seiner Karriere besonders im Gedächtnis geblieben. «Das war, als wir mal von Hallwil auf den Pilatus gewandert sind. Dafür brauchten wir vier Tage.»

Eltern als Anwälte und Kumpel

Am Ende sei der Job, der nicht seine erste Wahl war, die richtige Entscheidung gewesen. «Ich hab den Schülern immer Reibfläche geboten und war einer, der nicht mit allem einverstanden war.» Seiner Meinung nach gehöre es auch dazu, dass die Teenager lernen, was auseinandersetzen, durchsetzen und einstecken heisse. «Eltern sind heute Anwälte und Kumpel zugleich. Kumpel sollten sie jedoch nicht sein. Auch wenn es schwer ist, die Kinder mal in etwas reinrasseln zu lassen, lohnt es sich. Dadurch können sie wertvolle Erfahrungen sammeln.» Wichtig sei es, zu verstehen, dass das heutige Bildungssystem so flexibel ist, dass ein linearer Weg nicht der einzig mögliche sei.

Dasselbe gelte auch für ihn. Nach über 40 Jahren als Lehrer geht Herbert Rinderknecht in Pension. Geplant hat er noch nicht viel, ausser einer Reise mit dem Wohnwagen von August bis Oktober. «Zu der Zeit, in der wir den Wohnwagen sonst einstellten, holen wir ihn nun hervor. Alles andere wird sich ergeben, es wird mir sicherlich nicht langweilig.»