Lenzburg

Nach 35 Jahren verlässt Schuhmacher Beat Simmen seine Werkstatt

Ende Jahr geht der Schuhmacher Beat Simmen in Pension. Wer seine Schuhmacherei im «Müli-Märt» übernimmt, steht fest.

In Beat Simmens Werkstatt ist es laut, warm und es riecht nach Schmieröl. Eingebettet in die Kleinstadt-Mall «Müli Märt», zwischen Melectronics und Reisebüro, hat Simmen in seinem Laden über dreissig Jahre lang Schuhe geflickt, Schlüssel nachgemacht und Schilder graviert. Ende Jahr, nach 35 Jahren im «Müli Märt», geht der 65-jährige Simmen in Pension.

Auf der orangefarbenen Maschine, an der sich mehrere Räder drehen, stehen Schuhe zum Abholen bereit. Cowboystiefel, Sandalen, Halbschuhe. «Frühling und Herbst sind die besten Zeiten, um Schuhe zu reparieren», sagt Simmen, während er bei einem braunen Damenschuh den Absatz abschleift.

Wenn die Jahreszeiten wechseln, werden die Schuhe nochmals genau angeschaut, bevor sie in den Keller oder an den Fuss wandern. Jetzt gerade hat Simmen sehr viele Schuhe in der Werkstatt. Als die Nachricht von seiner baldigen Pension die Runde machte, hat die Kundschaft die letzte Chance auf einen Service von Beat Simmen gepackt. «Eine Kundin hat gleich zehn Paar gebracht, alle bis zu den Gartenschuhen», sagt Simmen. Viele seiner Kunden kennt er, seit er das Geschäft 1982 eröffnete.

Lehre in der Bally

Beat Simmen hat in der Bally-Fabrik in Dottikon die Lehre zum Schuhmacher gemacht. Nicht, weil er schon immer Schuhmacher werden wollte. Es habe sich so ergeben. Aus dem Zufall ist ein Glücksfall geworden. «Ich habe die Arbeit immer gern gemacht», sagt Simmen. Aber er wollte raus aus der Fabrik. «Im Akkord den ganzen Tag an der Maschine stehen, das hat mir nicht gefallen.» Noch vor seinem 30. Geburtstag erhielt er die Gelegenheit, im Lenzburger «Müli Märt» im Franchise-Modell eine Filiale des «Hug Schuh- und Schlüsselservice» zu eröffnen.

Simmen zögerte nicht. Die ersten Jahre gab es für ihn keine Ferien. Dafür konnte er sich ein Haus bauen. Bis zu den Neunzigern lief das Geschäft sehr gut. Dann kamen die Billigschuhe, die niemand reparieren lässt und die Schlüssel mit Chip, die er nicht nachmachen kann. An den Wänden hängen unzählige Schlüsselrohlinge, auf Etiketten die Namen der Automarken, für welche sie verwendet werden können. «Früher hatte ein Auto drei Schlüssel: Zündung, Türe und Benzintank», zählt Simmen auf. Die Rohlinge haben längst Staub angesetzt und werden bald ins Alteisen entsorgt. Auch die meisten Wohnungsschlüssel kann Simmen nicht mehr kopieren.

Beat Simmen ist ein unaufgeregter Mann mit Brille und Schnauz. Seine Stimme und seine Augen sind freundlich. Mit kleinen Schritten bewegt er sich zwischen seinen Maschinen hin und her. Leimt einen neuen Absatz an einen schwarzen Winterstiefel und klemmt ihn ein. Er hat gern im «Müli Märt» gearbeitet. Wenn er neben der Kasse stand, konnte er durch die Glastür am Ende des Seitenausgangs das Wetter beobachten.

Glück gefunden

1988 fand Simmen ein Bier auf seinem Tresen. Eine Verkäuferin aus der damaligen Pick-Pay-Filiale hat es dort platziert. Heute sind die Verkäuferin und der Schuhmacher seit über 27 Jahren verheiratet. Auch wenn Beat Simmen an der Maschine arbeitet und mit dem Rücken zum Tresen steht, merkt er immer, wenn Kundschaft kommt.

«Geniess es», sagt ein Mann zu Simmen, nachdem er ihm ein paar schwarze Halbschuhe übergeben hat. «Jetzt musst du morgens nicht mehr früh aufstehen.» Simmen weiss schon, wofür er seine Freizeit einsetzen will. Er wird viel Zeit draussen verbringen: Mit seinen zwei Hunden spazieren und den Kois im Gartenteich zuschauen. Seine Stammkunden wird er noch eine Weile auf Schritt und Tritt begleiten – bis der neue Absatz abgelaufen ist.

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