Meisterschwanden

Nach 27 Jahren ist Schluss: Die Igelstation schliesst

In ihrer Igelstation in Meisterschwanden hat Margit Kobel in 27 Jahren gut 10'000 Tiere aufgenommen. Jetzt, im Alter von 70 Jahren, schliesst sie die Einrichtung. Was bleibt, sind viele Erinnerungen.

27 Jahre sind genug: Margrit Kobel schliesst ihre Igelstation in Meisterschwanden. «Ich bin jetzt 70 Jahre alt, da darf man auch etwas ruhiger treten», sagt sie.

Einen letzten Gast hat Kobel noch. Gerade mal 350 Gramm schwer, ist er am 21. Dezember in den Winterschlaf gegangen. «Ich dachte, er schafft es nicht. Er ist noch immer kalt, aber er lebt». Alle anderen Tiere, die in ihrer Obhut waren, sind zurück in den Gärten in der Umgebung. 400 Igel hat Margrit Kobel jedes Jahr aufgenommen.

Ein anspruchsvoller Job, der viel Zeit in Anspruch nimmt. Viele Interessierte sind gekommen und gegangen, ohne ihre spontane Idee, Igeln selbst auch helfen zu wollen, umzusetzen: zu viel Arbeit, zu viel Alltag, zu viele traurige Tage. Nur etwa die Hälfte der Igel, die bei Margrit Kobel ankommen, überleben.

«Denn viele werden erst gefunden, wenn sie schon im Sterben liegen», erzählt sie. «Wenn an einem Tag vier Igel eingeliefert werden und am nächsten Tag nur noch zwei leben, dann ist das hart.» Aber es gehöre eben dazu.

Der Sommer ist am strengsten

Besser gefiel Margrit Kobel der Sommer: «Das ist, für viele unerwartet, die strengste Zeit im Jahr. Denn dann werden viele Junge gefunden und zu mir gebracht». Diese seien meistens gesund, doch ist die Mutter unauffindbar. Kobel hegt und pflegt sie dann, bis sie alt genug sind, um selbstständig zu fressen.

Dann kommen sie in ein kleines Gehege im Keller, wo sie sich noch ein paar Tage stärken, bevor sie ausgesetzt werden können. «Igel bauen keine Beziehung zum Menschen auf. Sie sind zwar zutraulich, solange sie von der Milch abhängig sind, aber sobald sie selbstständig fressen können, wehren sie sich mit ihren Stacheln gegen Menschen, weichen ihnen aus und verstecken sich. Igel sind wilde Tiere und deshalb lassen sie sich auch gut aussetzen.»

Einfach irgendwo werden sie aber nicht ausgesetzt. Die meisten der aufgepäppelten Igel kann sie den Findern zurückgeben, die sie dann wieder in ihrem Garten aussetzen. Kommt das einmal nicht infrage, kennt Margrit Kobel immer jemanden, der gerne einen Igel in seinem Garten hätte.

«Ich wusste bei jedem, dass sein Garten igelgerecht ist», erzählt sie. Oft werde sie gefragt, wo man ein Igelhaus oder Ähnliches für den Garten kaufen kann. Doch das reiche nicht: «Igelhäuser nützen Igeln nichts. Sie brauchen Unterschlüpfe, Rückzugsorte und vor allem genügend zu Fressen. Damit Igel in einem Garten gut leben können, muss man sich getrauen, im hübschen Garten zwei, drei Quadratmeter Chaos übrig zu lassen», schmunzelt sie.

Laubhaufen und Äste brauche es, damit sich Igel zurückziehen und Nester bauen können. Gleichzeitig ziehen die welken Pflanzen Würmer und Käfer an, ideales Fressen.

Damit Margrit Kobel das schaffte, musste sie alles planen. «Mein Ehemann und ich konnten nicht einfach spontan drei Tage wegfahren.» Dass sie die Arbeit mit den Igeln überhaupt stemmen konnte, war nur möglich, weil sie für das Unternehmen ihres Mannes zu Hause die Büroarbeiten erledigen konnte. So ging beides Hand in Hand.

Eine mindestens genauso wichtige Entlastung brachte ein Kleininserat, das sie vor fast zehn Jahren aufgegeben hatte. Sie suchte jemanden, der sie einmal in der Woche unterstützen konnte, und wurde fündig: «Meine tolle Helferin ist mir damals zugeflogen und hat mich bis heute unterstützt», erzählt Kobel. So waren dann doch auch noch das eine oder andere Wochenende und Ferien möglich.

Aufwendig zu finanzieren

Was blieb, war die finanzielle Seite des Unternehmens Igelstation. Kobel: «Ich musste die Station wie ein Unternehmen führen. Zwar ohne Gewinn, aber eben doch kostendeckend.» Als besonders hilfreich herausgestellt haben sich dabei zwei Stiftungen.

Eine hat ihr schon vor 27 Jahren zum Start die gesamte Einrichtung gesponsert und ist ihr bis heute zur Seite gestanden. «Wichtig waren auch die Spenden. Niemand, der Igel vorbeibrachte, musste für sie zahlen, doch gab ich jedem einen Einzahlungsschein mit, falls er oder sie etwas Spenden wollte», sagt sie.

Tatsächlich hätten dann einige, seitdem sie einen Igel vorbeigebracht hatten, jedes Jahr einen Betrag überwiesen, ohne, dass sie jemals wieder vorbeigekommen wären.

Ebenfalls geholfen hat Kobel die unkomplizierte Haltung der Behörden. «In 27 Jahren wurden wir kein einziges Mal kontrolliert und die Verlängerung der Bewilligung war jedes Mal Formsache», sagt sie. Überhaupt sei es auch der Kontakt mit den Menschen, der ihr fehlen werde. «Es gab schon auch Blöde, aber die Meisten waren toll.»

Etwa der Herr, der mit einem einzigen Neugeborenen vorbeikam. Und am nächsten Tag noch mal. Und noch mal, aus einer unausgesprochenen Selbstverständlichkeit heraus. Acht Junge gebar ein Igel in seinem Garten schliesslich, und sie alle bekamen für den Start Unterstützung von Margrit Kobel.

«Schissdräck!»

Auch ein weniger freundlicher Herr blieb ihr am Ende doch in positiver Erinnerung: «Der Mann rief am Telefon aus, weil er unter seinem Rasenmäher ein Igelnest mit Jungen entdeckt hatte: ‹Das geht nicht, ich muss jetzt den Rasen mähen, morgen ist ein Fest im Garten!›, futterte er».

Er wollte die Jungen Margrit Kobel bringen, die Igelmutter war gerade unterwegs. Margrit Kobel blieb höflich und bat ihn, auch noch auf die Mutter zu warten, um alle gemeinsam in die Igelstation bringen zu können: «Wie würden Sie sich fühlen, wenn man Sie von Ihren Kindern trennt?», fragte sie ihn. «Schissdräck!», dröhnte es aus dem Hörer und die Verbindung wurde unterbrochen.

Zwei Stunden später klingelte es dann doch an der Tür der besorgt zurückgelassenen Margrit Kobel und da stand er, der Anrufer, mitsamt einer Kartonkiste. Darin die Jungen und ihre Mutter. «Wissen Sie, Frau Kobel, mit Ihrem Einsatz haben sie mich ganz schön beeindruckt», sagte er.

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