Lenzburg
Nach 12 Jahren ist Torschluss bei der Weinbar im Müllerhaus

Während eines Dutzends Jahren war die Weinbar im Müllerhaus vom Geheimtipp zum In-Lokal in Lenzburg gewachsen. Grund für die Schliessung dieser multikulturellen Institution ist nicht Erfolglosigkeit, sondern Amtsmüdigkeit der Gastgeber.

Heiner Halder
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Fritz Huser und Karin Büchli: Noch dreimal Weinseligkeit im Lenzburger Müllerhaus und dann ist Schluss.

Fritz Huser und Karin Büchli: Noch dreimal Weinseligkeit im Lenzburger Müllerhaus und dann ist Schluss.

Heiner Halder

Was mit euphorischem Schwung nachhaltig anhielt, ist nach 94 Inszenierungen zur Routine geworden. «Vom Rausch zur Ernüchterung», schildert Fritz Huser in seiner pointierten Art die Befindlichkeit der Betreiber. Und: «An unserem Entschluss lässt sich nicht rütteln, ausser es zeigen sich Entzugserscheinungen», blockt Karin Büchli allfällige Rückkommens-Begehrlichkeiten ab.
Anlass für die Öffentlichkeit
Am Anfang stand die Vision des Mieters der Kunstklause und der Leiterin des Netzwerkes Müllerhaus, die Villa mit ihren einzigartigen Räumen der breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Und mit dem ehrenamtlichen Engagement der dort Arbeitenden die Tradition des offenen Hauses und der Pflege der kulturellen Werte im Geist der Stifterfamilie Müller weiter zu tragen.
Am Freitag, 27. Oktober 2000, lud Fritz Huser in schwungvoller Schrift und fantasiereicher Formulierung zur Premiere ein: «Mit Brot, Käse, Oliven und der riskanten Unterhaltungsmusik der Huser-Brothers.» Diese Einladungen sind bis auf den heutigen Tag kleine Kunstwerke hoher kalligrafischer Schule mit kernigen Sprüchen zur Sache: «Hier bin ich immer im Weinklang - mit mir und der Welt.»
Live-Musik und Kulinarik
In den ersten Jahren wurde der «Frondienst» am letzten Freitag im Monat bei Anstellungsverträgen zur festen Formel. Heute rekrutiert sich das Weinbar-Team aus einem Freiwilligen-Corps mit der Kernmannschaft Helen Bernath, Karin und Christine Büchli, Fritz Huser, Dorothea Joho, Fränzi Knuchel und Pius Ziswyler.
Für die kulinarischen Köstlichkeiten ist regelmässig Katrin Gygax («am Kochherd zu Hause») zuständig. Sobald es die Infrastruktur zuliess, bekam das Angebot aus dem Keller («Gewisse Italiener und Spanier sind wie gemacht zum Austrinken») die adäquate Ergänzung auf dem Teller.
Zum offerierten abendfüllenden Kulturgut gehörte von Anfang an Live-Musik. Es ist den Initianten über die ganze Zeit gelungen, etablierte Formationen zu günstigen Konditionen für Auftritte zu begeistern: «Diese Band tönt sogar noch besser, als sie ist!» Dass die meisten nach der dritten Zugabe bereits um den nächsten Termin baten, spricht für die herzliche Aufnahme durch Veranstalter und Publikum.
Für Hochbegabte und Hochbetagte
«Wir konnten uns nie über mangelnden Zulauf beklagen», hält Fritz Huser fest: Das kulinarische und musikalische Angebot in den festlich floristisch dekorierten Räumen bis hin zum abgerundeten Bouquet sinnlicher Genüsse wurde von den guten Jahrgängen geschätzt: «Wir bedienen sowohl Hochbegabte wie auch Hochbetagte.»
Das Müllerhaus als Wohlfühl-Oase kam sowohl den Bedürfnissen ganzer Familien als auch Verliebten, Verlassenen und Verzweifelten entgegen: «Flasche, Glas und Kerzenlicht geben uns das Gleichgewicht.»
Weinbar ade, scheiden tut weh. Die Welt wird etwas fader, aber sie dreht sich trotzdem weiter.