Möriken-Wildegg
Bier, Müesli, Fitnessriegel: Im Aargau steht jetzt die grösste Schweizer Mälzerei

Innerhalb weniger Monate wurde in Möriken-Wildegg die Produktionshalle der Schweizer Mälzerei AG gebaut. Anfang 2022 wird es das erste Bier aus der hier veredelten Gerste geben – und die Idee einer zweiten Mälzerei steht schon im Raum.

Valérie Jost
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Christoph Nyfeler, Gründer und Inhaber, Michael Rittenauer, Verwaltungsrat, Daniel Spellmeyer, Mälzereileiter, und Christoph Hagenbuch, Präsident Bauernverband Aargau (v. l.).

Christoph Nyfeler, Gründer und Inhaber, Michael Rittenauer, Verwaltungsrat, Daniel Spellmeyer, Mälzereileiter, und Christoph Hagenbuch, Präsident Bauernverband Aargau (v. l.).

Severin Bigler

Mit fünf Minuten Verspätung begann gestern die Eröffnungsfeier der Schweizer Mälzerei, die in Möriken-Wildegg auf der Westseite der Jura-Cement-Fabriken AG steht. Damit habe die Feier mehr Verspätung gehabt als die Mälzerei während ihrer gesamten Bauzeit, verkündete Gründer und Inhaber Christoph Nyfeler aus Lenzburg sichtlich stolz. Und das bei einem sehr sportlichen Zeitplan: Die Baubewilligung wurde erst am 1. März erteilt. Neun Monate später konnte die neue Produktionshalle bereits eingeweiht werden.

Natürlich war das alles nur möglich, weil «alle an einem Strang zogen», so Nyfeler, der auch im Lenzburger Einwohnerrat sitzt (für die FDP) und im Januar 2020 als geschäftsführender Teilhaber des Whiskyproduzenten Langatun Distillery und des Getränkeherstellers Vinazion ausgestiegen ist. Alle, das sind viele – eine Person nach der anderen bat der 38-Jährige auf die Bühne. Nur Regierungsrat und Landwirtschaftsdirektor Markus Dieth, als Bierliebhaber bekannt, konnte krankheitshalber nicht vor Ort sein – «für ihn waren wirklich Hopfen und Malz verloren», sagte die Generalsekretärin des kantonalen Departements Finanzen und Ressourcen, Patricia Kettner, die stellvertretend seine Rede hielt.

Schweizer Malz für Schweizer Bier und Lebensmittel

Mehr als 70'000 Tonnen Braumalz benötigt die Schweiz jährlich. Das allermeiste – gemäss Zahlen der NZZ mehr als 99 Prozent – stammt aus dem Ausland, etwa Deutschland oder Frankreich. Weil es bis jetzt keine grosse Schweizer Mälzerei gab, wurde auch die (bisher sehr wenige) in der Schweiz gewachsene Braugerste im Ausland vermälzt – sprich, sie musste hin- und hertransportiert werden. «Mit der Schweizer Mälzerei wird also auch noch CO2 gespart», so Johannes Schulz-Hess (Geschäftsführer der deutschen Kaspar Schulz GmbH, welche die Brauereianlage herstellte).

Eröffnung der ersten grossen Schweizer Mälzerei in Wildegg.

Tele M1

Ausserdem wurden in den letzten zwei Jahren die Schweizer Anbauflächen vergrössert, wie IG-Mittellandmalz-Geschäftsführer und Mitinhaber der Mälzerei, Daniel Füglistaller, sagte: von 30 auf 280 Hektaren, davon sind rund 154 im Aargau. Und auch das Malz selbst ist nachhaltig: Es entspricht dem IP-Suisse-Standard. Angebaut wird die nötige Gerste im Kanton Aargau, aber auch etwa in Solothurn oder Bern.

Neben Basis- und Spezialmalzen für Brauereien stellt die Mälzerei auch Malz für die Lebensmittelbranche her: etwa Whiskymalz oder Backmalz für Müesli und Fitnessriegel. Eine Kooperation besteht schon mit der Mühle Häusermann in Seengen, mit der Lenzburger Traitafina ist man gemäss Nyfeler in Gesprächen.

Die neue Mälzereihalle mit den Silos, die seit Mittwoch schon mit Braugerste gefüllt sind.

Die neue Mälzereihalle mit den Silos, die seit Mittwoch schon mit Braugerste gefüllt sind.

Severin Bigler

Bioerdgas, Solarstrom und Lenzburger Holz

Während viele Unternehmen sich Nachhaltigkeit nur zu Marketingzwecken auf die Fahne schreiben («Greenwashing»), werde dieser Wert bei der Schweizer Mälzerei wirklich gelebt, so Nyfeler: Die Halle werde teilweise mit Bioerdgas betrieben und den Hauptteil des nötigen Stroms liefere die Fotovoltaikanlage auf dem Dach. Ausserdem sei die meiste Wertschöpfung in der Gemeinde Möriken-Wildegg oder im Bezirk Lenzburg entstanden. Mit Wöschnau SO seien nur die Aushubarbeiten knapp (hinter der Aarauer Grenze) ausserkantonal vergeben worden.

Die 280 Kubikmeter Holz in der Halle, vor allem von Fichten, stammen zu mehr als 90 Prozent aus dem Forstbetrieb Lenzia. «Innert zehn Tagen war das Holz bereits wieder nachgewachsen», so Marc Huggenberger, COO der Schäfer Holzbautechnik AG. Verarbeitet wurde das Holz dann in Schlossrued (Ruedersäge AG) und in Bremgarten (Hüsser Holzleimbau AG), weshalb es vom Wald bis zur Halle maximal 68 Kilometer zurücklegte. Den ersten Baum hatte Nyfeler gleich selbst gefällt.

Die Zimmerleute der Schäfer Holzbautechnik AG mit COO Marc Huggenberger (ganz links) beim traditionellen Zimmermannsklatsch.

Die Zimmerleute der Schäfer Holzbautechnik AG mit COO Marc Huggenberger (ganz links) beim traditionellen Zimmermannsklatsch.

Severin Bigler

Zum Dank überreichte Huggenberger Nyfeler ein Sturmholzbänkli, das aus einem im Sturm umgestürzten Baum hergestellt wurde, sowie einen jungen Baum. Anschliessend präsentierten die Mitarbeitenden zur Hallenweinweihung den traditionellen Zimmermannsklatsch: ein Lied mit verschiedenen Klatsch-Abfolgen, die im Team geklatscht werden. Nyfeler wird für das Projekt auch von der WaldAargau-Sektion «Wald Freiamt-Lenzburg» geehrt, der Vereinigung der öffentlichen und privaten Waldbesitzer: Er erhält den Waldpreis 2021, wie die Sektion mitteilt.

Bald schon eine zweite Mälzerei?

Seit Mittwoch sind die Silos der Mälzerei mit Braugerste gefüllt. Angebaut wurde sie schon letzten September: Über die IG Mittelmalz arbeitet die Mälzerei mit etwa 50 Landwirten zusammen, 15 davon aus dem Aargau. Ab Montag soll gemälzt werden, das erste Bier wird es Anfang 2022 geben, genau weiss man es gemäss Nyfeler noch nicht.

In den drei Anlagen, die je zehn Tonnen fassen, werden bald jährlich 1,5 Millionen Tonnen Malz hergestellt. Das entspricht rund zwei Prozent des Schweizer Marktes, so Nyfeler – es sei aber geplant, dass es schon bald mehr werden: «Die Idee einer zweiten Mälzerei steht bereits im Raum.»

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