Haiti
Mit Jutegarn, Baumwolle und Leinen

Hilfe zur Selbsthilfe: Elsa Cornelia Real lehrte in der Nähschule des Centre Lemuel Swiss, eines Hilfswerks des Pfarrehepaars Schippert, jungen Frauen in Haiti das Weben.

Michael Hunziker
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Die Haitianerinnen stellen schöne und bunte Stoffe her.

Die Haitianerinnen stellen schöne und bunte Stoffe her.

Das Regierungsgebäude in Port au Prince, der Hauptstadt Haitis, liegt zusammengesackt inmitten eines weiten Trümmerfeldes, wo einst die Stadt mit der kolonialen Vergangenheit stand. Darum herum stehen die Zeltlager der Überlebenden. Das schwere Erdbeben liegt nun ein Jahr zurück und Haiti hat sich noch nicht davon erholt.

Elsa Cornelia Real reiste am 20. September letzten Jahres mit viel Übergepäck auf die karibische Insel, um in der Nähschule des Centre Lemuel Swiss, eines Hilfswerks des Pfarrehepaars Schippert, jungen Frauen das Weben beizubringen. Im letzten Mai berichtete die Aargauer Zeitung darüber. «Es war erstaunlich, wie viele Rückmeldungen ich danach erhalten habe. Ich kriegte Webrahmen und andere Utensilien geschenkt, um sie nach Haiti mitzunehmen», sagt Real. Seit ein paar Wochen ist sie zurückgekehrt und weiss viel zu berichten.

Ein grosser Webstuhl im Sciffscontainer

In einem Schiffscontainer, der im Hafen von Port au Prince auf seine Auslösung wartete, befanden sich ein grosser Webstuhl und mehrere Webrahmen nebst Geräten für ein Bauprojekt. Auch Leinen, Baumwolle und Jutegarn lagerten darin – wichtiges Material, um mit der Arbeit beginnen zu können. «Bei den haitianischen Zollbehörden braucht man neben dem offiziellen Papierkram sehr viel Glück und Geduld, bis man seine Sachen bekommt. Deshalb habe ich etwa 30 Kilo textiles Material im Flugzeug transportiert», sagt Real. Der grosse Webstuhl ist mittlerweile zwar an seinem Bestimmungsort, konnte aber noch nicht aufgestellt werden. «Wir begannen mit den zwei einfachen Webgeräten, welche vor Ort waren.»

Real unterrichtete erst zwei und später sieben Frauen im Weben. «Am Anfang standen alle um mich herum, während ich langsam auf Französisch erklärte, wie man was machen muss. Ich hatte das Gefühl, dass sie mich in ihrem grossen Lerneifer verstanden. Aber später, als sie selbstständig arbeiteten, stellte ich fest, dass die Frauen meine Handgriffe wohl nachgeahmt, meine Ausführungen aber nicht immer begriffen hatten.» Zusammen webten sie in der Folge Schals, Teppiche, Taschen, Stuhlkissen, Tischsets für den Eigenbedarf, den lokalen Markt und auch für den Verkauf in der Schweiz.

Heisse Nächte

Den Schlaf in der tropischen Zone zu finden, fiel Elsa Real nicht ganz einfach: «An die heissen Nächte musste ich mich erst gewöhnen. Oft wachte ich um Mitternacht auf und war hellwach. Es pendelte sich dann so ein, dass ich morgens sehr früh aufstand. Dann schrieb ich Tagebuch oder zeichnete und malte. Die Insel inspirierte mich sehr und ich hatte einen Kreativschub.»

Aus ihrem Zimmer habe sie eine atemberaubend schöne Aussicht auf den Wald und den Sonnenaufgang gehabt. Manchmal hörte sie Trommeln einer haitianischen Zeremonie. Generell sei die Religion bei den Menschen allgegenwärtig und der Umgang miteinander freundlich, diskret, aber auch laut. Bitte beispielsweise jemand um Einlass vor einer Tür, rufe er «honneur», Ehre, und der Hausbesitzer dann zur Aufforderung einzutreten «respect» zurück. Die Zusammenarbeit mit den Schülerinnen sei herzlich gewesen. «Wir haben viel zusammen gelacht und der Abschied fiel mir nicht leicht. Die Haitianerinnen haben eine grosse innere Kraft.»

Elsa Cornelia Real nimmt derzeit in Lenzburg oft ein Kreol-Französisch-Wörterbuch zur Hand. Im September dieses Jahres wird sie nach Haiti zurückkehren. «Ich will dieses Projekt weitermachen, schliesslich ist der grosse Webstuhl noch nicht aufgestellt. Und der Bau für ein Webatelier ist schon am Entstehen, da muss ich doch wieder hingehen!»

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