Bezirksgericht Lenzburg

Mit ergaunerten Handys das Leben der Familie zerstört – bis die Eltern ihn anzeigten

Eine lange Liste an Vergehen: gewerbsmässiger Betrug, Check- und Kreditkartenmissbrauch, mehrfache Urkundenfälschung, einfache Körperverletzung, Nötigung und Fahren ohne Führerschein.

Eine lange Liste an Vergehen: gewerbsmässiger Betrug, Check- und Kreditkartenmissbrauch, mehrfache Urkundenfälschung, einfache Körperverletzung, Nötigung und Fahren ohne Führerschein.

36 Seiten lang ist die Anklageschrift: Ein 24-Jähriger betrieb grossen Handy-Betrug – bis ihn seine Eltern angezeigt haben. Warum Daniel überhaupt straffällig wurde, ist schwer nachzuvollziehen.

«Er hat sein eigenes und unser Leben zerstört», sagt Daniels Vater (Namen geändert). Da sitzt er, im grossen Saal des Bezirksgerichts Lenzburg, und verschwindet fast unter den Blicken der fünf Richter. Einsilbig gibt der Vater Auskunft – als Zivil- und Strafkläger im Prozess gegen seinen eigenen Sohn.

Daniel ist 24 Jahre jung, 36 Seiten lang ist die Anklageschrift mit seinen Vergehen. Darunter gewerbsmässiger Betrug, Check- und Kreditkartenmissbrauch, mehrfache Urkundenfälschung, einfache Körperverletzung, Nötigung und Fahren ohne Führerschein.

Warum Daniel überhaupt straffällig wurde, ist schwer nachzuvollziehen. Der Schweizer mit kosovarischen Wurzeln hatte keine schwierige Kindheit. Mit erst 20 Jahren heiratete er die 18-jährige Luana, die aus dem Kosovo in die Schweiz kam. Daniel war sehr verliebt: «Für sie hätte ich alles getan.»

Militär-Unfall führt zu Absturz

Nach einer zweijährigen Lehre zum Detailhandelsassistenten erlitt Daniel im Militär einen Unfall. Es war ein Bruch in Daniels Leben: Von da an arbeitete er nur noch temporär oder gar nicht.

2014 hatte er genug von der ständigen Geldnot. Er begann, im grossen Stil Handy-Abonnemente abzuschliessen. Seine «Geschäftsidee»: Bei Sunrise, Swisscom und Salt Smartphones beziehen und dann weiterverkaufen. Pro Anbieter und Konto sind maximal drei Abos möglich – für Daniel viel zu wenig. Also entwickelte er verschiedene Tricks, um mehr Konten anlegen zu können: Einmal vertauschte er Vor- und Nachnamen, ein andermal gab er ein leicht verändertes Geburtsdatum an.

Und dann beging Daniel den groben Vertrauensbruch: Er bestellte Abos im Namen seines Vaters, Grossvaters, seiner Mutter, Grossmutter und Ehefrau Luana. Er vertraute darauf, dass der Betrug wegen der ähnlichen Namen niemandem auffallen würde.

Grober Vertrauensbruch

Zwischen 2014 und 2017 schloss Daniel mindestens 59 Abo-Verträge ab – ohne die Gebühren zu zahlen. Der Schaden: mehr als 93 000 Franken. Damit nicht genug. Mit Kredit- und Bankkarten seines Vaters, die er klaute oder neu ausstellen liess, verjubelte Daniel mehrere zehntausend Franken – für teure Kleider und Glücksspiel. Irgendwann wurde es den Eltern zu bunt: Sie gingen zur Polizei und zeigten den eigenen Sohn an.

Obwohl Daniel das Vertrauen seiner Eltern aufs Gröbste missbraucht hat: Die Familie hält weiter zu ihm. «Wir leiden unter seinen Taten. Aber er ist immer noch unser Sohn», sagt die Mutter vor Gericht. Ihre Stimme verliert sich. «Wir wünschen ihm eine bessere Zukunft.» Auch der Vater sagt: «Wir wollen schauen, dass er eine gute Stelle hat, wenn er aus dem Gefängnis kommt.» Gerichtspräsidentin Danae Sonderegger fragt: «Haben Sie Ihren Sohn verwöhnt?» Schweigen. Sie hakt nach: «Musste Ihr Sohn jemals Verantwortung übernehmen?» Vater: «Weiss nicht. Er war nie ein schlechter Mensch.»

Noch bevor Daniels Taten aufflogen, ging die Ehe mit Luana in die Brüche. Als sie sagte, sie würde alles den Eltern erzählen, kam es zum Streit. Luana: «Er hat mich aufs Bett geworfen. Dann schlug er zu, ins Gesicht und in den Bauch.» Er habe sie auch dazu genötigt, Verträge zu unterschreiben. Falls sie es nicht täte oder etwas weitererzählte, drohte er, würde alles nur schlimmer. «Sechs Monate lang hat er mich verfolgt. Ich hatte Angst.»

Obwohl ansonsten geständig, die Schläge und die Nötigung bestreitet Daniel. «Bei einer Trennung hätte sie ihre Aufenthaltsbewilligung verloren», behauptet er vor Gericht. «Ausser, wenn sie mich anzeigt.» Pikantes Detail: Erst seit Daniel und Luana getrennt sind, unterstützen ihn seine Eltern wieder finanziell. Tausende Franken haben sie für ihn abbezahlt.

«Familie litt sehr»

Staatsanwältin Rebecca Bänziger sagt im Plädoyer, Daniel sei arglistig vorgegangen und habe über Jahre hinweg Delikte begangen. Zudem ist er vorbestraft. «Seine Familie litt sehr, vor allem unter dem Identitätsdiebstahl», so Bänziger. «Das war ihm egal, es ging ihm nur um seine eigenen Bedürfnisse.» Sie fordert eine unbedingte Freiheitsstrafe von 4 Jahren.

Daniels Verteidiger plädiert auf eine mildere Strafe – mit der Begründung, man habe es Daniel zu leicht gemacht. Etwa bei den Abo-Bezügen auf falschen Namen: «Man kann es fast nicht glauben, aber mein Mandant hat immer die eigene ID vorgelegt. Minimalste Überprüfungen hätten seine Betrüge aufdecken müssen.»

Deshalb könne Daniel keine Arglist vorgeworfen werden. Der Verteidiger fordert eine teilbedingte Gefängnisstrafe von 30 Monaten. «Ein nicht ganz unkomplizierter Fall», sagt Gerichtspräsidentin Sonderegger, bevor sie die Verhandlung schliesst. Das Urteil wird noch im April erwartet. Solange bleibt Daniel in Untersuchungshaft.

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