Lenzburg
Mit Chilbi-Jeton gehts ab zum Heimatschein: Die neue Stapferhaus-Ausstellung

Das Riesenrad ist eine Attraktion der neuen Stapferhaus-Ausstellung «Heimat – eine Grenzerfahrung».Weshalb die Chilbi-Atmosphäre für die Umsetzung goldrichtig ist und was es mit den kilometerlangen Seilen auf sich hat

Ruth Steiner
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Drei Kilometer Baumwollseile verkörpern die Vernetzung der Menschheit innerhalb des Universums.

Drei Kilometer Baumwollseile verkörpern die Vernetzung der Menschheit innerhalb des Universums.

Sandra Ardizzone

Es ist sehr eng derzeit im Eingangsbereich des Zeughauses. Man muss aufpassen wie ein Häftlimacher, wo man hintritt. Holzlatten, aufeinandergestapelte Kisten, Farbtöpfe, Maschinen und Werkzeuge verstellen den Weg. Und Menschen, die damit hantieren. Es hämmert, bohrt und sägt. Die neue Ausstellung des Stapferhauses «Heimat – eine Grenzerfahrung» bekommt jetzt ein Gesicht. Am 11. März wird sie eröffnet.

Noch ist das Chaos auf der Baustelle gross. Ist Lukas Steiner deswegen nervös? Wenn das so ist, dann lässt sich der Technische Leiter des Stapferhauses und Verantwortliche für den Aufbau der Ausstellung nichts anmerken.

Er habe schon einige schlaflose Nächte gehabt, gesteht er dann. Die Szenografen hätten mit ihren Wünschen für eine attraktive Umsetzung der Ausstellungsinhalte einiges Kopfzerbrechen bereitet. Doch Steiner ist zuversichtlich. «Wir haben bisher für alles eine gute Lösung gefunden. Und wir sind im Zeitplan mit dem Bau.»

In der Vergangenheit wurde viel über das Riesenrad berichtet, das vor das Zeughaus zu stehen kommt. Es hat aber noch weitere Aushängeschilder, die der Ausstellung den Chilbi-Charakter geben.

Was jedoch hat Chilbi mit der Ausstellungsthematik zu tun? Für Stapferhaus-Leiterin Sibylle Lichtensteiger liegt die Verbindung nahe: «Das Riesenrad weckt Erinnerungen an die eigene Kindheit. An die Heimat, die heute anders ist, als sie es einmal war.»

Sieben spezielle Porträts

Wer nun aber einen herkömmlichen Chilbi-Betrieb erwartet, wo es vom Karussell zur «Putschibahn» geht und weiter, sieht sich getäuscht. Lichtensteiger verspricht eine facettenreiche unterhaltsame Ausstellung.

«Die Ausstellung führt an zwölf Stationen von einer Wunderwelt in die andere. Sie baut sich auf Kindheitserinnerungen an die Heimat auf, die aus einer gewissen zeitlichen Distanz anders ist, als sie es tatsächlich war», erklärt die Stapferhaus-Leiterin. Auf echten Rummelplätzen in der ganzen Schweiz hat man sich im letzten Jahr mit tausend Menschen über ihre persönliche Sicht zum Begriff «Heimat» unterhalten.

Die Ergebnisse werden nun in der Ausstellung gezeigt. Sieben Persönlichkeiten werden speziell porträtiert. Sie sollen die Vielfältigkeit der Menschheit widerspiegeln, sagt die Sibylle Lichtensteiger. «Wir zeigen zum Beispiel einen Menschen mit einer engen Verbindung zum Brauchtum.

Das totale Gegenteil ist der Kosmopolit, der mit einem Computer und WLAN-Verbindung zufrieden ist.» Jeder der sieben Porträtierten hat dazu ein eigenes Häuschen bekommen. Diese Menschen leben jedoch miteinander im selben Universum.

Diesen Umstand für den Ausstellungsbesucher sichtbar zu machen, sie miteinander und dem Kosmos zu vernetzen, war anspruchsvoll, bestätigt Technik-Chef Lukas Steiner. «Das war eine der grösseren Herausforderungen», gesteht er.

Die Lösung: Weisse Baumwollseile, die sich nun zwischen Häusern, Boden und Decke spannen. Dazu wurden drei Kilometer eines speziell imprägnierten Baumwollseils benötigt. «Drei Wochen haben wir aufgewendet, bis alles am richtigen Ort und in der gewünschten Form befestigt war», erklärt Steiner.

Gratis aufs Riesenrad

Wie man es sich vom Stapferhaus aus früheren Ausstellungen gewohnt ist, geht es immer auch um die ganz persönliche Spurensuche. Und um politische und gesellschaftliche Aspekte. Das sei ihr wichtig, sagt die Stapferhaus-Leiterin.

«Wir reden in diesen Tagen viel über Heimat. Über verlorene Heimat, über neue Heimat und über eine Heimat, die vielleicht nie mehr so sein wird, wie sie einmal war. Aber was macht Heimat aus? Wie viel Heimat brauchen wir? Und welche Heimat wollen wir?»

Mit dem Eintritt bekommt der Besucher Jetons. Wie auf dem Chilbi-Rummelplatz. Einer ist fürs Riesenrad. Die andern braucht man an jenen Stationen, an welchen die persönliche Haltung zum aktuellen Thema gefragt ist. Die Auswertung gibt es am Schluss in Form eines persönlichen Heimatscheins.

Kosmos an Hausfassade gesprayt

Besonders ins Auge sticht auch bei dieser Ausstellung die Fassade des Zeughauses. Funkelnde Galaxien, grosse und kleine Augen, umhüllt von roten und weissen Lichterstrahlen: Mit der speziellen Airbrush-Technik wurde das Universum in seiner ganzen Pracht die Hausmauer gesprüht. Davor kommt nun das Riesenrad zu stehen – als verbindendes Element zwischen Erde und Himmel.

Der Spatenstich für den Neubau ist im März

Das Stapferhaus hat nebst den Vorbereitungen für die neue Ausstellung «Heimat – eine Grenzerfahrung» eine zweite Baustelle, bei der es ebenfalls im März einen wichtigen Schritt weitergehen soll.

Hier geht es um die die eigene Heimat. Mit dem Haus der Gegenwart bekommt das Stapferhaus beim Bahnhof Lenzburg für total 23,8 Millionen Franken ein neues Daheim. Schon im Herbst 2018 will man dort einziehen. Das Programm sei ambitiös, erklärt Stapferhaus-Leiterin Sibylle Lichtensteiger, doch habe der Zeitplan bisher eingehalten werden können.

Das Gelände wird derzeit für den Bau vorbereitet, im März soll der Spatenstich erfolgen, im Mai ist die Grundsteinlegung geplant. Im Zentrum stünden auch hier die Besucherbedürfnisse, zieht Lichtensteiger Parallelen mit dem Ausstellungsprojekt. Hinzu kommt die Frage, wie sich diese Bedürfnisse in den kommenden Jahren verändern dürften. «Die grosse Herausforderung besteht darin, etwas zu schaffen, womit wir uns in Zukunft nichts verbauen», erklärt sie. (Str)

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