Lenzburg
Mit Anna geht es auf eine 100-jährige Spurensuche

In der Stadt ist Bettina Spoerri als Leiterin des Aargauer Literaturhauses bekannt. Am Sonntag liest sie als Autorin im Restaurant Hirschen aus ihrem ersten Roman. Spoerri liess sich während ihrer Studienzeit von Fotos ihrer Vorfahren inspirieren.

Carla Stampfli
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Bettina Spoerri, seit einem Jahr Leiterin des Aargauer Literaturhauses, präsentiert den Lenzburgern ihr erstes Buch.

Bettina Spoerri, seit einem Jahr Leiterin des Aargauer Literaturhauses, präsentiert den Lenzburgern ihr erstes Buch.

Carla Stampfli

Eine jüdisch-deutsche Familiengeschichte. Eine Geschichte geprägt von Geheimnissen und Tabus, beeinflusst von Erlebnissen, Gerüchen und Geräuschen aus aller Welt. Schanghai, Wien, Manila. Mitten drin: Anna. 35-jährig. Heldin des Romans «Konzert für die Unerschrockenen» von Bettina Spoerri.

«Der Roman ist eine Reise durch das 20. Jahrhundert, verknüpft mit einer komplexen Familiengeschichte», sagt Bettina Spoerri in ihrem Büro im Müllerhaus in Lenzburg. Ausgangspunkt des Werks ist die Beerdigung von Leah, die über 90-jährige Grosstante von Anna. Die zaghafte, scheue Heldin bekommt zwei Tagebücher anvertraut. Sie liest die Notizen, betrachtet die hinterlassenen Fotografien. Anna erfährt Unbekanntes über ihre Grosstante und ihre Familiengeschichte. Fragen tauchen auf: Wer bin ich eigentlich? Wohin gehe ich? Anna macht sich auf die Spurensuche.

Von Familienfotos inspiriert

Dass die Familie ein spannendes Thema ist, war der Leiterin des Aargauer Literaturhauses von jeher bewusst. «Man kann sich nicht auslesen, wohin man hineingeboren wird», sagt die 46-Jährige. Als sie während der Studienzeit auf alte Familienfotos stiess, wurde ihre Fantasie angeregt. «Wie hat meine Grosstante damals gelebt? Wie würde ich sie wahrnehmen, wenn sie hier bei mir wäre?», fragte sie sich.

Bettina Spoerri war vom Phänomen, wie sich gewisse Vorstellungen, Werte und Schicksalsschläge von Generation zu Generation verändern können, angetan. Der Gedanke, darüber ein Buch zu schreiben, drängte sich auf. Die Zeit verging. 2004 erhielt sie ein Stipendium der damaligen Kulturstiftung Binz 39. Zwei Monate verbrachte sie im Atelierhaus im Unterengadin. Eine Auszeit, in der sie sich nur dem Schreiben widmen konnte. «Im Unterengadin wurde damals der erste Samen für das Buch gelegt», sagt sie.

Rund acht Jahre Arbeit

Für ihr Vorhaben war jede Menge Recherche nötig. Denn sie wollte sowohl ihre Heldin Anna als auch deren Grosstante Leah sinnlich und erfahrbar beschrieben, die zeitlichen Epochen und Ereignisse realitätsnah wiedergegeben. Dafür extrahierte sie Informationen aus Augenzeugenberichten, Filmen, Büchern und historischen Fachzeitschriften. Sie durchleuchtete die eigene Familiengeschichte, stöberte in den Fotos ihrer Vorfahren. Rund acht Jahre hat sie an ihrem Roman gearbeitet. Immer wieder feilte sie an der Erzählperspektive, an der Dramaturgie, an den Figuren, am Spannungsbogen. So lange, bis Bettina Spoerri sagen konnte: «Jetzt bin zufrieden.»

Café Littéraire im Restaurant Hirschen in Lenzburg. Bettina Spoerri liest aus ihrem Roman «Konzert für die Unerschrockenen». Sonntag, 16. November, 11 Uhr.

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