Bezirksgericht Lenzburg
Mit 80 statt 40 km/h unterwegs: «Ich habe die Kontrolle über das Auto verloren, und schon hats geklöpft»

Ein 33-Jähriger stand vor Bezirksgericht Lenzburg. Er hat im Januar 2019 einen schweren Unfall verursacht und in Sekunden Leben verändert. Jetzt muss der junge Mann 11'700 Franken bezahlen.

Peter Weingartner
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Elf Personen habe der Beschuldigte gefährdet und man könne von Glück reden, dass nicht mehr passiert sei.

Elf Personen habe der Beschuldigte gefährdet und man könne von Glück reden, dass nicht mehr passiert sei.

Thinkstock

Nach schwieriger Woche die Aussicht auf ein paar Stunden der Leichtigkeit beim Fussballspielen, des Vergessens, doch das Erwachen war ein böses, und ohne Glück im Unglück hätte Marko (Name geändert), heute 33, vielleicht Menschenleben auf dem Gewissen. Und das, weil er auf der Autobahneinfahrt in Mägenwil, Richtung Bern, in der scharfen Rechtskurve, mit 80 statt 40 km/h Ende Januar 2019 die Herrschaft über sein Fahrzeug verlor.

Zu schnell in die Kurve gefahren

Marko verteidigt sich vor Bezirksgericht Lenzburg selber. Er redet seinen Fehler nicht schön. Er war trotz Führerausweisentzug fahrend an jenem Samstagvormittag unterwegs Richtung Bern. Er war zu schnell unterwegs; er überfuhr eine Sperrfläche und hatte statt der erlaubten vier fünf Kollegen im Fünfplätzer, dessen Steuer er bei der Raststätte Kölliken, wo man einen Kaffee trinken wollte, einem Kollegen habe übergeben wollen. Sagt Marko. Doch nach Kölliken kamen sie nicht.

Denn es kam dramatisch anders. Keine Chance, die Kurve zu kriegen bei diesem Tempo. Das Auto überfuhr Randleitpfosten, geriet auf den Normalstreifen, kollidierte seitlich-­frontal mit einem Personenwagen. In der Randleitplanke kamen beide Fahrzeuge zum Stehen. Ein drittes Fahrzeug kollidierte in der Folge mit abgesplitterten Fahrzeugteilen der beiden Autos.

Sie hätten geredet miteinander; er habe das 40er-Schild nicht gesehen, erinnert sich Marko an die Szene. «Ich habe die Kontrolle über das Auto verloren, und schon hats geklöpft», sagt der junge Mann aus dem Balkan, der in der Schweiz aufgewachsen ist und nach der Realschule als ungelernter Mitarbeiter in einer Elektronikfirma Schicht gearbeitet hat. Eine schwere Woche sei’s gewesen; darum habe er «ein paar Stunden nicht an solche Sachen denken wollen». Mit Kollegen Fussball spielen.

«Nehmen Sie mir die Tochter nicht weg»

Gerichtspräsidentin Eva Lüscher wills genauer wissen. Probleme am Arbeitsplatz. Balkankriege mit Fortsetzung hierzulande. Marko schiessen nicht zum ersten Mal Tränen in die Augen; er schluchzt als er es sagt. Sprüche, die tief gehen: Wenn es wieder zum Krieg komme, sei er der Erste, den sie umbrächten, hätten Mitarbeiter, die einer anderen Ethnie angehören als Marko, ihm ins Gesicht gesagt. Und dazu Probleme mit Markos Ex-Frau wegen der gemeinsamen Tochter.

Seine Tochter ist ihm das Wichtigste

Ja, die Tochter, inzwischen 12 Jahre alt. «Nehmen Sie mir die Tochter nicht weg; nehmen Sie meiner Tochter mich nicht weg», fleht er die Richterin an. Das Risiko besteht, denn die Staatsanwaltschaft beantragt eine unbedingte Gefängnisstrafe von 10 Monaten, nebst einer Busse von 800 Franken und dem Widerruf einer bedingt ausgesprochenen Geldstrafe von 11700 Franken. Er ist bereits früher beim Fahren ohne Führerschein erwischt worden.

Klar wird: Seine Tochter ist Marko das Wichtigste. Seit der Trennung von seiner Frau vor sechs Jahren ist er keine Partnerschaft mehr eingegangen. Mit seiner Ex-Frau, bei der die Tochter wohnt, ist er inzwischen klargekommen: Das Mädchen ist zu etwa der Hälfte der Zeit bei Marko. Sie gehen auch zusammen in die Ferien. «Es ist schön, mit ihr zusammen zu sein; leider ist sie ein Einzelkind», sagt er.

Schuldspruch für «erhebliches Verschulden»

Eva Lüscher spricht Marko schuldig der mehrfachen fahrlässigen Körperverletzung, der Missachtung der signalisierten Höchstgeschwindigkeit, des Nichtbeherrschens des Fahrzeugs, des Überfahrens einer Sperrfläche, des Mitführens einer überzähligen Person und des Führens eines Motorfahrzeugs trotz Entzug des Führerausweises. «Ein erhebliches Verschulden», sagt sie, elf Personen habe er gefährdet und man könne von Glück reden, dass nicht mehr passiert sei.

Schulterprellung, Schleudertrauma, Sternumfraktur, Rippenfraktur, Knalltrauma, posttraumatische Belastungsstörung, Gurttrauma, Schmerzen im Nackenbereich, Thoraxprellung, mittelgradige depressive Symptomatik: Das sind die Folgen von Markos verursachter Kollision. Reue macht sie nicht ungeschehen.

Geldstrafe tut weh – keine Freiheitsstrafe

Die Richterin wandelt die beantragte unbedingte Gefängnisstrafe von 10 Monaten in eine bedingte um, dies bei einer Probezeit von vier Jahren. Dafür wird die bedingte Vorstrafe widerrufen: Er muss 11'700 Franken bezahlen. Erstmals eine «richtige Strafe». Das müsse er jetzt spüren. Dazu kommen 100 Franken Busse, Verfahrenskosten von gut 3800 Franken und die Anklagegebühr von 1800 Franken. Eine Person erhält eine Genugtuung von 1500 Franken zugesprochen für eine fünfmonatige Arbeitsunfähigkeit und Therapien. Die anderen Geschädigten werden bezüglich nicht bezifferten und begründeten Genugtuungs- oder Schadenersatzforderungen auf den Zivilweg verwiesen.

Eva Lüscher hat den Eindruck, dass Marko begriffen und seine Lehre aus der Geschichte gezogen habe. So könne sie ihm «keine schlechte Prognose» stellen. Tochter sei Dank? Die letzten Tränen im Gerichtssaal sind Tränen der Erleichterung darüber, dass Marko nicht zehn Monate von ihr getrennt im Gefängnis verbringen muss. Der bisherige Arbeitgeber hat ihn bis Ende Jahr freigestellt, und Marko ist ihm dankbar dafür. Keine Drohungen mehr. Er ist auf Stellensuche, hat gute Arbeitszeugnisse. Und hofft.