«Modell Lenzburg»
Mindestbeitrag erhöht: Lenzburg macht bei familienergänzenden Kinderbetreuung Abstriche

Lenzburg macht bei der neuen familienergänzenden Kinderbetreuung Abstriche. Der Mindestbeitrag der Eltern steigt auf 35 Prozent (bisher 15 Prozent) für Einkommen bis 30 000 Franken.

Ruth Steiner
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Immer mehr Lenzburger Kinder verbringen einen oder mehrere Tage in einer Kita. Symbol/Shutterstock

Immer mehr Lenzburger Kinder verbringen einen oder mehrere Tage in einer Kita. Symbol/Shutterstock

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Es ist das letzte grosse Projekt von Stadträtin Heidi Berner. Bevor sie nach 14 Jahren von der politischen Bühne abtritt, muss die Vorsteherin für Soziales vor dem Einwohnerrat am 28. September noch einmal ein happiges Geschäft vertreten. Das 2016 beschlossene kantonale Kinderbetreuungsgesetz (KiBeG) muss spätestens ab August 2018 umgesetzt werden. Dieses verpflichtet die Gemeinden, eine bedarfsgerechte familien- und schulergänzende Kinderbetreuung bis zum Ende der Primarschulzeit bereitzustellen. Berner hat die Arbeitsgruppe, welche die notwendigen reglementarischen Grundlagen erarbeitet hat, selber präsidiert.

Nun muss die Stadträtin dem Einwohnerrat das vom Stadtrat vorgelegte neue Kinderbetreuungsreglement und dessen Finanzierungsgrundlagen schmackhaft machen. Auch die dazu notwendige vorerst bis Ende 2019 befristete neue 60 Prozentstelle in der Stadtverwaltung.

In der gleichen Sitzung wird der Einwohnerrat im Rahmen der Budgetbesprechung den für die familienergänzende Kinderbetreuung eingestellten Betrag von 580 000 Franken bewilligen müssen. Ab August 2018 werden die Subventionen für Kinderkrippen und Tagesfamilien bzw. für die schulergänzenden Tagesstrukturen in einem Konto geführt. Der Betrag soll 600 000 Franken nicht übersteigen.

Wie vergleichbare Gemeinden

Dieser Kostendeckel hat jedoch seinen Preis. Lenzburg hatte bisher den Ruf, in diesem Bereich eine grosszügige Subventionspolitik zu betreiben. Mit dem neuen Reglement soll sich dies nun ändern. Stadträtin Heidi Berner betont jedoch, die Stadt wolle dem Label familienfreundlich weiterhin gerecht werden. Deshalb «will Lenzburg für die Eltern auch in Zukunft ein fairer Partner sein.» Und: «Unser Ziel ist es, die Erziehungsberechtigten in unteren und mittleren Einkommen massvoll zu unterstützen.» Mit der neuen Regelung wolle Lenzburg sich jedoch im Rahmen vergleichbarer Aargauer Gemeinden bewegen.

Mit der Einführung der subjektorientierten Finanzierung werden die städtischen Beiträge seit 2012 nicht mehr an die Kitas, sondern an die Eltern entrichtet. Der Aufwand für die Stadt hat sich seither vervierfacht. Aktuell werden in den Lenzburger Kindertagesstätten, welche mit der Stadt eine Leistungsvereinbarung haben, 172 Kinder betreut. 61 von ihnen werden von der Stadt finanziell unterstützt. In den Tagesfamilien sind von 15 betreuten Kindern deren 10 subventionsberechtigt.

Hinzu kommt seit drei Jahren ein subventioniertes Angebot für Tagesstrukturen. Die städtischen Beiträge für die limitierten Plätze konnten bisher relativ stabil gehalten werden, heisst es von Seiten der Stadt.

Lenzburg rechnet in Zukunft mit einer weiter steigenden Nachfrage nach familienergänzender Kinderbetreuung. Man geht von rund 20 Prozent aus. Das hat verschiedene Gründe. Dazu gehöre nebst den Neuzuzügern die Tatsache, dass Paare zunehmend gemeinsam zum Haushalteinkommen beitragen, sagt Berner.

Das sind die Neuerungen

Nun wird der Einwohnerrat entscheiden müssen, wie viel Lenzburg in Zukunft bereit ist, in die familienergänzende Kinderbetreuung zu investieren. Das sind die wichtigsten Neuerungen, die vom Stadtrat beantragt werden:

Für eine allfällige finanzielle Unterstützung wird auf ein bereinigtes steuerbares Einkommen abgestellt, basierend auf den Berechnungsgrundlagen der Krankenkassenprämienverbilligungen im Kanton Aargau. Neu werden zum Beispiel Einkäufe in die Pensionskasse oder in die Säule 3a aufgerechnet.

Subventionsberechtigt ist ein bereinigtes Einkommen bis 90 000 Franken jährlich (bisher 135 000 Franken Bruttoeinkommen).

Der Mindestbeitrag der Eltern steigt auf 35 Prozent (bisher 15 Prozent) für Einkommen bis 30 000 Franken. Mit dem neuen Berechnungsmodell werden sie inskünftig prozentual stärker zur Kasse gebeten. Bis 90 000 Franken sinkt der Elternanteil stufenweise auf fünf Prozent.

In Zukunft sind auch Lenzburger Kinder subventionsberechtigt, die ausserhalb der Stadt betreut werden.

«Lenzburger Modell» empfohlen

«Es ist eine ausgewogene Lösung, die den Eltern etwas bringt, aber auch die Stadt die Lasten tragen lässt», sagt Finanzministerin Franziska Möhl. Auch sie war in der Arbeitsgruppe mit dabei.

Das «Modell Lenzburg» scheint Schule zu machen. Jedenfalls hat die Gemeindeammänner-Vereinigung des Kantons Aargau die von der Stadt Lenzburg eingebrachte Berechnungsidee aufgegriffen und inzwischen allen Gemeinden als Empfehlung weitergegeben.