Keine knarzenden, Gehörgang strapazierenden Violinentöne. Keine nervtötend repetitiven Fingerübungen auf der Klaviertastatur. Musikunterricht heute ist anders. Im Zimmer 5.05 des Schulhauses 4 in Seengen übt an diesem Abend die Pop-Band von Gitarrenlehrer Samuel Blaser.

Und obwohl der Tastenmann krankheitshalber fehlt, tönen die Klassiker von Metallica und Green Day eingängig und auch das aktuelle «Hold Back the River» des englischen Singer-Songwriters James Bay braucht nur wenige Korrekturen von Blaser.

«Diese Gruppe spielt erst seit August zusammen, hatte an der Weihnachtsfeier in der Kirche bereits den ersten öffentlichen Auftritt», sagt Marina Geissbühler, die Leiterin der Kreismusikschule Seengen. Diese Pop-Band steht damit stellvertretend für andere Ensembles.  Geissbühler: «Unser Ziel ist es, dass alle Gruppen nach draussen gehen.»

Hinter den Kulissen: Die Pop-Band der Musikschule Seengen probt und az-Fotografin Sandra Ardizzone macht Bilder.

Hinter den Kulissen: Die Pop-Band der Musikschule Seengen probt und az-Fotografin Sandra Ardizzone macht Bilder.

Das isolierte Klimpern im stillen Kämmerchen ist vorbei; Musik soll Freude machen und Freude bereiten. «Unsere Gruppen sind für Auftritte buchbar», so die Musikschulleiterin. Geburtstagsfeste oder Firmenjubiläen sind nur zwei von vielen denkbaren Anlässen, um die Institution gegen aussen sicht- und hörbar zu machen.

Rückgang um über 30 Prozent

Mehr Präsenz hat die Kreismusikschule Seengen nötig, denn es melden sich immer weniger Schüler an. Alleine die Zahlen der letzten drei Jahre sprechen eine deutliche Sprache. Von 2012 bis zum laufenden Schuljahr 2015/16 gingen die Anmeldungen aus den vier Aussengemeinden um 31,3 Prozent zurück. Gegensteuer will man mit neuen Angeboten und vor allem tieferen Elternbeiträgen geben. An den Gemeindeversammlungen der angeschlossenen Gemeinden Boniswil, Egliswil, Hallwil, Leutwil und Seengen wurde deshalb im November einer Vertrag beschlossen. «Auslöser waren vor allem Rückmeldungen aus den Aussengemeinden und der Rückgang der Anmeldungen», so Leiterin Geissbühler.

«Unterschiedliche Finanzkraft»

Vor der Revision des Grundlagenpapers liess man die Situation durch ein externes Büro durchleuchten. Und Vorschläge ausarbeiten. «Die Gemeinde Seengen hat sich das Ganze etwas kosten lassen», so Theres Leu, Präsidentin der Schulpflege Seengen. Bei den neutralen Abklärungen stellte sich heraus, dass die Elternbeiträge an der Kreismusikschule Seengen tatsächlich überdurchschnittlich hoch sind.

Die auf der Hand liegende Lösung, die Gemeindezuschüsse generell zugunsten tieferer Elternbeiträge zu erhöhen, erwies sich als nicht praktikabel: «Wir haben hier die Problematik unterschiedlicher Finanzkraft der Gemeinden», so Leu. So wurde ein Kompromiss ausgehandelt, wonach die bisherige 50-50-Lösung bei Kindern bis zur
5. Klasse einer Version mit dem reduzierten Elternanteil von 40 Prozent weicht. Wöchentlich 25 Minuten Einzelunterricht kostet neu pro Semester 480 Franken. «Damit sind wir bei den Leuten, aber noch nicht bei den günstigsten», ist die Schulpflegepräsidentin überzeugt.

Keine Kommission mehr

Gegenwärtig laufen die Ausschreibungen für das im August beginnende neue Schuljahr. «Ich erhoffe mir eine Steigerung von 10 Prozent», formuliert Musikschulleiterin Geissbühler ihre Erwartungen.

Der Optimismus hängt nicht nur mit den reduzierten Elternbeiträgen zusammen, sondern auch mit weiteren Neuerungen, die der neue Vertrag mit sich bringt. Durch die Abschaffung der Kreismusikschulkommission und deren Ersetzung durch die Schulpflege des Standorts Seengen wurden die Strukturen massiv verschlankt und die Entscheidungswege verkürzt.

So kann das Angebot viel schneller den Bedürfnissen angepasst werden. Schnupperabos, Ensemblegruppen und der Einsatz neuer Technologien (elektronisches Loopgerät zum Beispiel) sind da Stichworte. Marina Geissbühler: «Wir wollen als moderne, kompetente Bildungsinstitution wahrgenommen werden, in der Jugendliche kreativ arbeiten und leben können.»

Da hat neben Mozart auch Metallica Platz.